Rehberg: Die Analyse nach dem Kantersieg gegen Klopps Team

Jürgen Klopp auf der Ehrenrunde in der Opel Arena. Foto: dpa

Das 4:0 gegen den FC Liverpool in der Analyse von Reinhard Rehberg: Unser Fußball-Experte erläutert, wie der Sieg des FSV Mainz 05 einzuordnen ist, wie das "neue" 4-4-2 mit...

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. Im nächsten Jubiläumsbuch der 05er wird es wahrscheinlich ein Kapitel geben, das sich ausschließlich mit zwei denkwürdigen Testspielen beschäftigt. Überschrift: „Die Liverpool-Story - Zwei Freundschaftsspiele - 9:0 Tore.“ 2006 schlugen die Mainzer unter Trainer Jürgen Klopp am Bruchweg den amtierenden Champions-League-Sieger von der Anfield Road mit 5:0. Exakt zehn Jahre später haben die 05er unter Martin Schmidt den von Jürgen Klopp trainierten Europaliga-Finalisten mit 4:0 aus der Opel Arena gefegt. Kurios. „Einer geht noch, einer geht noch rein“, skandierten die 05-Fans in der Endphase der Partie vom Sonntagnachmittag.

Gut, dass nicht noch das 5:0 gefallen ist

Manch ein Klubverantwortlicher wird froh gewesen sein, dass es beim 4:0 geblieben ist. Denn 2006/07 waren die Klopp-05er nach dem 5:0 gegen die „Reds“ in der Sommer-Vorbereitung am Ende aus der Bundesliga abstiegen. Trotzdem lassen wir noch mal die Gesamtliste Mainzer Torschützen gegen den FC Liverpool aufleuchten: Markus Feulner, Tobias Damm, Ranisav Jovanovic, Chadli Amri, Fatmir Pupalovic, Daniel Brosinski, Jhon Cordoba, Yunus Malli, Yoshinori Muto.

Dieses 4:0 war mal wieder ein typisches 05-Ereignis. Wer an diesem Standort Spuren hinterlassen hat, der wird auch Jahre später noch gefeiert. Dass nach einem Testspiel der Gästetrainer unter dem Jubel des Heimpublikums eine Ehrenrunde dreht - und dass ihm dabei sein kompletter Kader folgt -, das gibt es wohl nur in Mainz. „You'll never walk alone!“ Die „Homecoming Ceremony“ für und mit dem ewigen 05-Kulttrainer war am Ende richtig lustig. Jürgen Klopp marschierte los. Und seine Spieler zuckelten brav hinter. Das sah aus wie eine leicht zerfledderte Entenfamilie. Und nun zum Sport.

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Liverpool nur mit zwei Stammspielern

Die erste Mannschaft des FC Liverpool hatte am Tag zuvor im Londoner Wembleystadion den FC Barcelona mit 4:0 zerlegt. Von dieser Auswahl standen in der Startelf in der Opel Arena lediglich die Mittelfeldspieler Emre Can und Adam Lallana. Viele der anderen Namen auf den neongrünen Hemden der „Reds“ hatte man noch nie gehört. Das betonte auch Martin Schmidt. Aber freiwillig hat der Liverpooler Talentschuppen nicht so schlecht gespielt. Die 05-Profis haben das in hohem Maße erzwungen. Mit einer riesigen Laufbereitschaft, mit scharfen Zweikämpfen, mit einer geordneten Defensivleistung, mit einigen sehenswerten Pässen und mit einigen begeisternden Umschaltzügen. Diese Leistung hat zu diesem Zeitpunkt der Saisonvorbereitung eine Aussagekraft: Die Schmidt-Auswahl ist auf dem richtigen Weg. Klopp sprach von besser organisierten und von wesentlich gierigeren 05ern.

Zwei Schwerpunkte wollen wir herausheben. Erstens: Die Systemfrage. Zweitens: Die Entwicklung im Mittelfeldzentrum. Zum System. Die erste Halbzeit ließ Schmidt im flachen 4-4-2 bestreiten. Das soll in der kommenden Spielzeit die gleichberechtigte Alternative werden zum bislang fast durchgängig praktizierten 4-2-3-1. Wobei das 4-4-2 in der Angriffsentwicklung eher als ein 2-4-4 zu begreifen ist. Von vorne gedacht: Zwei Spitzen, zwei Außenstürmer, zwei seitlich ins Mittelfeld verschiebende Außenverteidiger, zwei versetzt agierende Sechser im Zentrum – und die beiden Innenverteidiger sichern nach hinten ab.

De Blasis kann sich austoben

Erkenntnisse dazu aus dem Liverpool-Spiel: Pablo de Blasis kann sich als zweite Spitze neben Jhon Cordoba munter austoben – und der im Zentrum entlastete Kolumbianer bekommt mehr Freiräume für seine wuchtigen Soloaktionen. Cordobas Tor zum 2:0 nach Pass von de Blasis war eine Augenweide, in der Entstehung und im Abschluss. Man kann sicher sein, dass Klopps Späher diesen Jhon Cordoba weiter beobachten werden. Auch an beiden Flügeln hatten die 05er über Christian Clemens (immer noch etwas schusselig) und Karim Onisiwo ein paar tempogeladene Durchbrüche. Dabei half auch der schnelle Linksverteidiger Daniel Brosinski, der inzwischen gute Chancen hat im internen Positionsduell mit Gaetan Bussmann.

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Zum Maschinenraum. José Rodriguez und Suat Serdar schufteten im zentralen Mittelfeld. Der neu gekommene Spanier kann die Entdeckung werden. Rodriguez mag athletisch noch Rückstände haben, Fußball spielen kann der bei Real Madrid ausgebildete Profi. Gutes Raumgefühl, serienweise präzise Pässe, mal flach vertikal, mal flach diagonal, mal diagonal als Flugball. Und wenn es sich anbietet, dann kann der Techniker im Zweikampf auch giftig stechen. Rodriguez ist nahezu immer anspielbar. Ein Stratege, der gegen den Ball und vor allem mit Ball auffällig oft die richtige Entscheidung trifft. Suat Serdar ist der Kampfstier. Aggressiv wie kein zweiter in diesem Team. Noch etwas wild, deshalb prallen dem Talent zu oft eroberte Bälle direkt wieder vom Fuß. Die nötige Ruhe an der Kugel wird kommen mit zunehmender Erfahrung. Dem stark besetzten Liverpooler Zentrum mit den Nationalspielern Emre Can, Adam Lallana und Jordan Henderson haben Rodriguez und Serdar jedenfalls den Zahn gezogen, defensiv und offensiv.

Nach der Pause deutete dann auch Fabian Frei an, dass er gewillt ist, sein Zweikampfverhalten aggressiver zu gestalten. Die ideale Ergänzung zu Rodriguez könnte irgendwann der kämpferisch und spielerisch aktive Danny Latza sein. Sobald er fit ist. Aber auch der technisch begabte, wendige und immer giftiger werdende Besar Halimi ist noch im Rennen. Ansonsten sollte man die zweiten 45 Minuten nicht überbewerten. Da öffneten die Liverpooler Räume, die man gegen einen drittklassigen Europaliga-Teilnehmer nicht bekommt. Die Treffer zum 3:0 und 4:0 werden den körperlich noch rückständigen Schützen Malli und Muto dennoch weiteren Auftrieb geben. Julian Nagelsmann, Trainer der TSG Hoffenheim, hatte auf der Haupttribüne seinen Spaß. Immer wieder zeigte er seinem Co-Trainer mit wilden Gesten die riesigen Abstände zwischen den Liverpooler Linien auf. Das werden die Hoffenheimer am zweiten Bundesliga-Spieltag sicher anders machen. In Mainz.