Rehberg: Die 05er und ihr Winterschnäppchen

Neu in Darmstadt: Wilson Kamavuaka (rechts). Archivfoto: dpa

Mainz 05 tauchte mit einem Transfer in der Liste der Winterzugang-Aufreger auf. Aber erst auf Platz 3 - nach zwei Vereinen, die Oldies in die Bundesliga zurückgeholt haben....

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. Na ja, überragend spannend war der von Sky zelebrierte Deadline Day nicht. Der Bezahlsender hat sich mit seinen Moderatorinnen, alle in grellgelbe Kleidchen gehüllt, wieder viel Mühe gegeben. Aber so richtig in Schwung gekommen ist dieser letzte Tag der Winter-Transferperiode nicht. Ein Kumpel hat mich genervt. Ständig vibrierte mein Handy. Immer wieder die Frage: Was hälst du eigentlich davon, dass der oder der von dort nach dort gewechselt ist...? Und wie oft musste ich antworten: Sorry, den Burschen kenne ich überhaupt nicht...

Panetolikos Agrinio - Spieler oder Verein?

Der Gipfel war erreicht, als der Kumpel eine Expertise verlangte zum Griechen Panetolikos Agrinio, den Darmstadt 98 von Wilson Kamavuaka gekauft habe. Hä? Spieler unbekannt, Klub nie gehört. Zwei Minuten später der nächste Anruf. Sorry, er habe da was falsch verstanden, der Deutsch-Kongolese Wilson Kamavuaka sei vom griechischen Erstligisten Panetolikos Agrinio zu den Lilien gewechselt. Okay, das ist ein Unterschied. Aber auch dazu fällt mir nicht viel ein. Eher gar nichts. Zwei Minuten später der nächste Anruf. Mein Kumpel ist enttäuscht. „Ich dachte, du bist ein Fachmann!?“ Ich hätte zumindest den Spieler kennen sollen, sagt der Kumpel, denn der aus Düren stammende Kamavuaka habe 2011 im Trikot des 1. FC Nürnberg sein Bundesligadebüt gefeiert in einem Heimspiel gegen - Mainz 05... Tut mir leid, lautet meine Antwort, ist mir durchgerutscht...

Bei Sky wird inzwischen die Liste der Winter-Aufreger, eine Liste der Top-Überraschungen präsentiert. 1. Platz: Der 34 Jahre alte Hamit Altintop wechselt von Galatasaray Istanbul nach Darmstadt. 2. Platz: Der 30 Jahre alte Ashkan Dejagah wechselt vom katarischen Al-Arabi Sports Club zum VfL Wolfsburg. 3. Platz: Der 26 Jahre alte Bojan Krkic wechselt von Stoke City zu Mainz 05.

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Paket für eine Million Euro

Eine merkwürdige Rangfolge. Die belegt, dass die 05er viel aufzuholen haben in der bundesweiten Wahrnehmung. Das wird womöglich einen Schub bekommen, sollte der zweimalige Champions-League-Sieger Bojan den ein oder anderen Treffer beisteuern in den restlichen 16 Saisonspielen. Dann wird vielleicht Verwunderung darüber herrschen, dass der international ambitionierte FC Schalke 04 den österreichischen Zweitligastürmer Guido Burgstaller im Winter geholt hat. Die kleinen Mainzer aber haben einen Offensivspieler verpflichtet, der schon beim FC Barcelona, bei AS Rom, beim AC Mailand, bei Ajax Amsterdam und in der englischen Premier League getroffen hat. Der Deal ging zu akzeptablen Konditionen über die Bühne. Eine Million Euro, so hört man aus England, kostet die 05er das Bojan-Paket für fünf Monate, Gehalt und Leihgebühr inklusive. Überschaubar in den heutigen Zeiten. Für die Schalker wäre das nur ein Taschengeld gewesen.

Borussia Dortmund hat zehn Millionen Euro Ablöse für ein 17 Jahre altes Stürmertalent bezahlt, Alexander Isak von AIK Solna. Der Hamburger SV hat zehn Millionen angelegt für den 21 Jahre alten brasilianischen Mittelfeldspieler Walace. Bayer Leverkusen hat 12 Millionen investiert in den 19 Jahre alten Jamaika-Stürmer Leon Bailey von KRC Genk. Es wird immer teurer, Talente anzuheuern, bevor sie unbezahlbar geworden sind.

Greift Quaison schon früher an?

Die 05er haben mit Robin Quaison einen 23 Jahre alten Offensivspieler verpflichtet, der in der italienischen Serie A und in schwedischen Nationalteams schon einiges an Erfahrung aufgebaut hat. Da sind 2,5 Millionen Ablöse fast schon ein Winterschnäppchen. Wenn der Plan aufgeht, dann gewöhnt sich bis zum Sommer schon der Bojan-Nachfolger an die Mainzer Trainingsart und Spielweise. Und wer weiß, ob das physisch und technisch sehr gut ausgebildete Schweden-Talent, U21-Europameister von 2015, nicht schon früher angreift. Quaison soll auch aus einer seitlichen Position heraus Wirkung erzielen können.

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Den entsprechenden Gehaltsplatz frei gemacht hat José Rodriguez. Der spielt diese Rückrunde auf Leihbasis beim FC Malaga, dem Vierzehnten der Primera Division. Rodriguez muss man noch nicht abschreiben. Das ist zweifellos ein glänzender Fußballer. Aber an das Tempo, an die gesamte physische Intensität im Bundesligafußball hatte sich der U21-Nationalspieler noch nicht angepasst. Da mag es ihm gehen wie dem Talent Moritz Leitner, der nach seiner Lehrzeit in Dortmund zuletzt auch bei Lazio Rom kaum Einsätze hatte. Jetzt kickt der 22-Jährige wieder beim FC Augsburg. Und auch dort wird der U21-Nationalspieler um Dauereinsätze kämpfen müssen. Ebenso sie der Weltmeisterheld Mario Götze in Dortmund.

Und damit kommen wir noch mal zum neuen Lilien-Profi Wilson Kamavuaka. Der hat nach seiner Zeit in Nürnberg für Jahn Regensburg, den KV Mechelen, Sturm Graz und Panetolikos gespielt. 26 Jahre alt, Mittelfeldspieler. Kein Aufreger. Aber wer weiß, vielleicht avanciert dieser Deutsch-Kongolese zur eigentlichen Rückrunden-Überraschung. Oder einer aus der Nachwuchsriege des HSV. Der hat stolz vermeldet, er habe zuletzt sieben Nachwuchsspieler mit Profiverträgen ausgestattet: Marco Drawz, Finn Porath, Frank Ronstadt, Dren Feka, Mats Köhlert, Jonas Behounek und Christian Stark. Das spreche für eine überragende Ausbildungsqualität, erklärt Bernhard Peters, der frühere Hockey-Bundestrainer und heutige Was-auch-immer-Chef beim HSV. Na ja, seinen Namen auf ein Blatt Papier schreiben kann jedes Kind. Und warum muss man dann zehn Millionen hinlegen für einen 21 Jahre alten Brasilianer, von dem man sich kurzfristig nicht viel erwartet, weil er sich zunächst mal gewöhnen müsse an den deutschen Fußball und an die deutsche Kultur?