Rehberg: Die 05er suchen noch nach ihrer Rolle in der Bundesliga

Foto: dpa

Aktuell spielen die Mainzer mit ihrem im eigenen Unternehmen groß gewordenen Cheftrainer Martin Schmidt die siebte Erstligasaison hintereinander. Und das - bis auf wenige...

Anzeige

. Die 05er suchen noch ihre Rolle, in der sich Trainer, Mannschaft und Klub wohl fühlen. Ginge es dabei ausschließlich um Image- und Marketingfragen, dann könnte man für diese Diskussion eine Agentur zu Rate ziehen. Klar ist: Der Slogan „Wir wollen uns in der Bundesliga etablieren“, der zieht nicht mehr. Erstaufstieg 2004, drei Jahre Eliteklasse mit Jürgen Klopp, fünf Jahre mit Thomas Tuchel, ein Jahr mit Kasper Hjulmand/Martin Schmidt - aktuell spielen die Mainzer mit ihrem im eigenen Unternehmen groß gewordenen Cheftrainer Martin Schmidt die siebte Erstligasaison hintereinander. Und das - bis auf wenige kurzzeitige Ausnahmen - ohne das ganz große Abstiegskampfbrimborium. Das nennt man etabliert.

Vor ein paar Monaten hat Christian Heidel ein neues Rollenfach eingeführt: Mainz 05 sieht sich nicht mehr als Ausbildungs-, sondern als Weiterbildungsverein. Soll heißen: Die sportliche und wirtschaftliche Situation am Bruchweg hat sich dahin gehend verändert, dass die Zugänge nicht mehr überwiegend Profineulinge sind, also die klassischen Azubis, sondern Spieler, die ihre Lehre längst hinter sich haben, die Erfahrungen in dem ein oder anderen Unternehmen schon gesammelt haben und die nun in Mainz die nächste Profistufe erklimmen. Für die Toptalente ist der Bruchweg dabei eine Präsentationsbühne, die den Sprung zu einem sportlich und/oder wirtschaftlich höherwertigen Klub ermöglichen kann.

Weiterbildungsverein, das leuchtet ein, das zieht, dafür interessieren sich auch Werbepartner

Die entsprechenden Transfereinnahmen bieten den 05ern die Chance, die eigene Infrastruktur auszubauen, ein nettes Festgeldkonto anzulegen, in kleinen Schritten das Gehaltsniveau im Kader anzuheben und für Schlüsselpositionen nicht mehr so ganz preiswerte etablierte Erstligaspieler zu verpflichten. Beispiel: Johannes Geis wechselte in diesem Sommer für rund 11 Millionen Euro zu Schalke 04, dafür kam vom Schweizer Dauermeister und Champions-League-Klub FC Basel für rund 3,8 Millionen der 26 Jahre alte, international bewährte Fabian Frei.

Anzeige

Weiterbildungsverein, das leuchtet ein, das zieht, dafür interessieren sich auch Werbepartner. Schwerer tut sich der Klub mit der sportlichen Einstufung. Mit ihrem Etat für die Profiabteilung haben sich die 05er weit von Aufsteigern wie Eintracht Braunschweig, dem SC Paderborn, dem FC Ingolstadt oder Darmstadt 98 abgesetzt, die Mainzer dürften heute auf einer Stufe stehen mit einst meilenweit entfernten Klubs wie Werder Bremen oder dem VfB Stuttgart. Diese beiden Bundesliga-Dinos etwa mussten ohne internationale Einnahmen abspecken, die Mainzer konnten auf der Basis ihrer klugen Transferpolitik aufstocken.

Diese Mannschaft wird doch immer eine Entwicklungsmannschaft sein

Aber was heißt das für den sportlichen Wettbewerb? Nur so viel, dass die 05er sich die Perspektive erarbeitet haben, nicht mehr zu den klassischen Abstiegskampfkandidaten zu zählen. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Davon ist nicht viel mehr abzuleiten, als dass jedes weitere Jahr Bundesliga immer wieder als Erfolg zu werten ist. Warum? Weil diese Mannschaft doch immer eine Entwicklungsmannschaft sein wird: Weil Jahr für Jahr zwei bis drei der besten Spieler den Klub verlassen. Das Gesamtgefüge muss sich immer wieder neu finden.

Die tragende Konstante im Klub soll die Spielweise sein. Stabile Defensive, Balljagd und aktive Balleroberung, schnelles offensives Umschaltspiel – Aggressivität, Leidenschaft, Wucht und Tempo. Emotional und mental? Da wird es schwieriger. Diese Diskussion gab es auch schon unter Thomas Tuchel. Mit dem Selbstverständnis, in einigen Spielen als Favorit antreten zu müssen, tat sich schon der jetzt bei Borussia Dortmund tätige Trainer nicht leicht, das überfordere diese ewigen Entwicklungsmannschaften, hat der kreative Fußballlehrer damals analysiert. Selbst in Dortmund hat Tuchel jetzt „nur“ die „Herausforderrolle“ eingeführt.

Schwierige Favoritenrolle

Anzeige

In dieser Spur bewegt sich nun auch Martin Schmidt. Als klarer Favorit gegen den Erstaufsteiger FC Ingolstadt anzutreten zu müssen, das hat überhaupt nicht funktioniert. 0:1. Als Underdog in Mönchengladbach aufzulaufen, das hat dieses Team offenbar innerlich von einem Druck befreit und beflügelt. 2:1-Auswärtscoup. Ein grobes Raster, sicher. Aber da steckt Wahrheit drin. Tatsache ist aber auch, dass die eigentlichen Underdogs in dieser Liga der FC Ingolstadt und der SV Darmstadt 98 sind.

Die 05er müssen auf Dauer ein adäquates mentales, emotionales und sportliches Selbstverständnis finden für viele Spiele, in denen sich zwei Mannschaften - mal etwas mehr, mal etwas weniger, aber letztlich doch recht ausgeglichen - auf Augenhöhe begegnen. Und dann sollten die 05-Profis auch mit der Einstufung klar kommen können, in Heimspielen als Favorit angesehen zu werden. Daran kommt diese Elf nicht vorbei.

Und das betrifft dann auch die Erarbeitung des jeweiligen Matchplans. Der Fußball stellt immer wieder neue Aufgaben. Die Strategie für das Gladbach-Spiel wird am kommenden Samstag in der Coface Arena gegen Hannover 96 schon wieder modifiziert werden müssen. Der Gegner wird den Mainzern sehr wahrscheinlich wieder mehr Ballbesitz aufnötigen. Auch dafür braucht es Lösungen. Fußball ist eben auch ein Anpassungssport, Anpassung an immer wieder neue, zumindest in Teilbereichen veränderte Aufgabenstellungen.

Wer nicht der große Außenseiter ist, der muss nicht gleich der große Favorit sein

Als Außenseiter werden die 05er sich nicht stilisieren können gegen Hannover 96, das in der Vorsaison nur um Zentimeter am Abstieg vorbei geschrammt und auch in diesem Spieljahr nicht toll gestartet ist. Da wird es den Gastgebern nicht leicht fallen, ausschließlich mit einer Blockdefensive in der eigenen Hälfte und mit Umschaltüberfällen zum Erfolg zu kommen. Ganz davon abgesehen, dass abgesehen vom FC Bayern mit seiner Weltauswahl und vielleicht noch Borussia Dortmund mit Thomas Tuchel kein Klub mehr in der Coface Arena ein offenes Spiel anbietet.

Sagen wir es so, und das könnte etwas den Druck nehmen: Wer nicht der große Außenseiter ist, der muss nicht gleich der große Favorit sein. Neuer Gegner, neue Aufgabe, eine andere Spielgeschichte.

Massiert verteidigen und kontern ist einfacher als zugestellte Räume bespielen zu müssen. Die 05er werden eine der jeweiligen Situation angemessene Mischung finden müssen. Wenn der Gegner am Mainzer Tor vorbei schießt, dann kann Keeper Loris Karius die Kugel direkt wieder weit nach vorne schlagen – und dann entscheidet der Kampf um die abgewehrten Bälle. Die 05er haben aber genügend Potenzial, um auch in der Spieleröffnung und in der Mittelfeldüberbrückung Muster zu entwickeln, die es ermöglichen, über Kombinationsspiel Druck auszuüben und Chancen zu erarbeiten. Immer dann, wenn der Gegner generell oder situativ ein Umschaltspiel nicht zulässt.

Der Führungstreffer in Gladbach war ein klassisches, ein überragend erzwungenes Umschaltüberfalltor. Der 2:1-Siegtreffer entstand aus Gegenpressing und einem technisch sehenswerten Kombinationszug am gegnerischen Strafraum. Das sind die beiden Hauptwaffen. Was nicht dagegen spricht, auch das Freilaufverhalten und das Passspiel auf engeren Räumen zu etablieren. Es wird immer wieder Spiele und Situationen geben, in denen die 05er auch diese - zweifellos schwierigere - Variante benötigen werden als Lösungsansatz. Auch, um ab und zu Luft holen zu können nach intensiven Phasen in der Balljagd und in der offensiven und defensiven Umschaltung im Vollgasmodus.