Rehberg: Die 05er im "Flow" - Intuition ersetzt Grübelei

Party auf dem Zaun. Foto: Sascha Kopp

Die jüngste Bilanz von Mainz 05: Fünf Spiele ungeschlagen - das nennt man umgangssprachlich dann schon einen Lauf. Die große Sehnsucht im Leistungssport. Fußball geschieht...

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. Nach zwei Rückrundenspieltagen lässt sich für den FSV Mainz 05 schon mal festhalten: Die Mannschaft hat in dieser Saison gegen den VfB Stuttgart und gegen den SC Freiburg beide Spiele gewonnen. Zwölf Punkte gegen zwei Klubs. 12 Punkte, das ist die Gesamtbilanz von Eintracht Braunschweig nach 19 Spieltagen. Vor- und Rückrundensieg gegen zwei Klubs, das gelingt den 05ern nicht oft. Das spricht für Stabilität, für gewachsene Qualität und Konstanz. Am Samstag geht es nach Wolfsburg. Die Vorrundenpartie haben die Bruchwegprofis nach hartem Kampf mit 2:0 gewonnen…

Die jüngste Bilanz der Mainzer: Fünf Spiele ungeschlagen - drei Siege (davon zwei auswärts), zwei Remis; nur eine Niederlage (1:3 gegen Borussia Dortmund) in den vergangenen acht Spielen. Das nennt man umgangssprachlich dann schon einen Lauf. Die große Sehnsucht im Leistungssport. Tennisspieler verzehren sich danach innerhalb eines Grand-Slam-Turniers. In Sotschi streben ab Freitag die viel beschäftigten Skispringer, Biathleten, Nordischen Kombinierer den Wettkampflauf an. Fußball geschieht über viele Monate. Und der Trainer muss ein Mannschafts- und Kadergefüge mit 20, 25 charakterlich unterschiedlichen Spielern in diesen Erfolgstunnel führen. Die Experten nennen das: In den "Flow" kommen, in den Fluss. Was heißt das? Wie kommt man dahin? Wie bleibt man drin, wie pflegt man dieses ebenso zarte wie zuweilen sehr flüchtige Pflänzchen?

Wichtiger Faktor: Teamgeist

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Beim Flow geht es um das nahezu ideale Zusammenspiel von Können, Konzentration, Konsequenz, Leichtigkeit in komplexen Handlungsabläufen, emotionaler/mentaler Stabilität und Topergebnissen. Dazu kommt bei Mannschaftssportarten der Faktor Gemeinschaft. Teamgeist, eine positive Gruppendynamik. Alle Faktoren beeinflussen sich wechselseitig. Man bewegt sich in einem Konzentrationstunnel. Das ist der Flow. Ein fließendes Werden, ein fließendes Sein. Ein hohes Maß an Selbstverständlichkeit. Denken, Fühlen und Handeln tappen nicht mühevoll nebeneinander her, sondern fließen natürlich ineinander. Intuition ersetzt Grübelei. Das Selbstvertrauen wächst, der Widerstandsgeist, die Stressresistenz. Knochenharte Arbeit fällt leicht, macht Spaß.

Für den Flow gibt es kein Drehbuch, dieser Film passiert.

Die 05er sind da drin, diesen Eindruck vermittelt das Team von Thomas Tuchel in dieser Phase. Dass man in diesem Zustand dann oft auch den Faktor X (Glück im Abschluss, wenige Benachteiligungen durch den Schiedsrichter, wenig Verletzte u.a.) auf seiner Seite hat, das lehrt die Erfahrung. Das zeigt auf, dass man dem Glück zumindest eine Chance gibt, wenn man sich einen Lauf erarbeitet hat. Das Gegenteil davon? Das nennen die Fußballer gerne den "Negativlauf". Genaueres darüber lässt sich erfahren in den Reihen des Hamburger SV.

Ergebnis als Büchsenöffner für den Lauf

Beim Flow geht es nicht um schönes Spiel, schon gar nicht um das perfekte Spiel. Da geht es um eine wiederholt abrufbare hohe Durchschnittsqualität - in Tateinheit mit einer hohen Effizienz. Das ist der Weg zum Ergebnis. Und das Ergebnis, darüber muss man nicht philosophieren, ist der Büchsenöffner für den Lauf. Prächtige Leistungen ohne Ergebnis führen definitiv nicht in den Flow. "The result rules", sagen die Engländer. Ohne Leistung kein Ergebnis für Mainz 05, würde Thomas Tuchel entgegnen.

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Aber wenn man dann mal im Lauf steckt, dann bekommt man häufig auch für nicht ganz so schillernde Vorstellungen ein nettes Resultat. Nehmen wir als Beispiel die nicht mehr ganz so überzeugende zweite Halbzeit der 05er in Stuttgart oder gegen den SC Freiburg. Der Gegner kommt auf , wird stärker, aber der Flow hat der 05-Elf längst genügend Ruhe, Überzeugung, Willenskraft vermittelt, um zumindest stabil verteidigen und mit Geduld und List auf die nächste Konterchance warten zu können. Stur weitermalochen. Machen. Der Zugriff auf die Grundelemente des Fähigkeitenpakets bleibt erhalten. Unruhe, Hektik, Zweifel, nachlassende kollektive Energie würden Letzteres behindern oder gar verhindern.

Der Lauf ist auch erkennbar an der Körpersprache der Spieler. Da gibt es keine hängenden Schultern nach einem Gegentor, keine abwertende Gestik nach missglückten Pässen. Und es gibt auch kein öffentliches Gemecker wegen der Formierung der Startelf und/oder des Spielkaders. Die Dinge fließen. Alle unterstützen sich.

Man muss wach bleiben

Wie bleibt man drin in diesem beseelenden Zustand, der auch den nächsten Misserfolg kontern kann? Sich genügsam auf die Wolke setzen und sich einfach tragen lassen, das funktioniert eher selten. Da gibt es keinen Automatismus. Man muss wach bleiben. Aufmerksam. Hungrig. Dran bleiben. Der Schlüssel, sagen die Experten, liegt im Training. Hochwertige Praxis in den Übungsstunden, das ist die Basis. Dazu kommt das Interesse der Spieler an den Geheimnissen des Laufs. Und die unstillbare Neugier daran, wo der Flow diese Mannschaft noch hinführen kann. Weniger im Endergebnis, mehr in der Handlungsqualität. Nicht morgen oder übermorgen. Sondern im Hier und Jetzt. Jeden Tag.

Die 05er haben gerade ein gutes Gefühl in dem, was sie machen, sagt Thomas Tuchel. "Wir haben ein klares Bild von uns selbst, wir haben ein hohes Verständnis für Leistung", so der 05-Coach. "Wir bleiben total in der Aufgabe, wir lassen uns nicht ablenken, auch nicht von möglichen positiven Szenarien. Das strahlen wir aus in dieser Phase. Das ist gut."

Das ist der Flow.