Rehberg: Deutschland gegen Frankreich - ein Blick zurück

Mats Hummels, Siegtorschütze im WM-Viertelfinale gegen Frankreich, ist im EM-Halbfinale gegen die Franzosen gesperrt. Foto: dpa

Das EM-Halbfinale Deutschland gegen Frankreich wirft seine Schatten voraus. Unser Kolumnist Reinhard Rehberg wirft einen Blick in die Historie

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. Während unseres Urlaubs in der Bretagne wollte sich kein Mensch mit uns über Fußball unterhalten. Seit dem 5:2-Überfall der Franzosen auf die armen Isländer - und seitdem Frankreich gegen Deutschland als Halbfinalpartie auf dem Turnierfahrplan der EM 2016 steht -, häufen sich die Mails aus dem Gastgeberland. Da melden sich plötzlich unsere französischen Bekannten mit kruden Andeutungen. Der Tenor: Schade für die Germanen, am Donnerstagabend sei Schluss für den Weltmeister! Wie kommen die nur da drauf? Woraus speist sich deren merkwürdiger Optimismus? Sicher nicht aus der Historie. WM-Halbfinale 1982: Sieg im Elfmeterschießen gegen die Franzosen; den entscheidenden Ball verwandelte Horst Hrubesch. WM-Halbfinale 1986: 2:0-Sieg gegen die Franzosen; die Tore schossen Andy Brehme und Rudi Völler. WM-Viertelfinale 2014: 1:0-Sieg gegen die Franzosen; Mats Hummels rammte einen Kopfball ins Tor.

Und plötzlich kommen die französischen Bekannten mit ganz alten Geschichten um die Ecke. Sie erwähnen nur einen Namen: Just Fontaine. Mon dieu. Den Burschen kenne ich aus alten Fußballbüchern, die mir meine Schwester in den 1960er-Jahren immer aus der Mainzer Stadtbibliothek mitbringen musste. Da ging ich als kleiner Bub noch in Nackenheim zur Schule. Verdammt lang her. Aber weil das ein netter Beitrag ist zur neu aufgeflammten Integrationsdebatte in Europa, sei diese Geschichte kurz erzählt. WM 1958 in Schweden. Titelverteidiger Deutschland verliert das Spiel um Platz drei gegen Frankreich mit 3:6. Vierfacher Torschütze: Just Fontaine – und dem Elfmetertor zum 2:1 für die Franzosen durch Raymond Kopa geht auch noch ein Foul an Fontaine voraus.

Fußball Helden names Fontaine und Kopa

Wer waren Fontaine und Kopa? Just Fontaine ist geboren in Marrakesch, er begann seine Karriere bei Marocaine Casablanca. Er wanderte nach Frankreich aus. Dort wurde Just Fontaine einer der Stürmerstars der damaligen Meistermannschaft von Stade Reims. Der gebürtige Marokkaner wurde als französischer Nationalspieler mit 13 Treffern Torschützenkönig der WM 1958. 1967 fungierte Fontaine für zwei Spiele als französischer Nationaltrainer, von 1979 bis 81 trainierte die Stürmerlegende die marokkanische Nationalmannschaft.

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Und Raymond Kopa, neben Michel Platini und Zinedine Zidane der berühmteste Könner in der französischen Fußballgeschichte? Der wurde in Frankreich geboren als Sohn polnischer Einwanderer. Als er mit 14 Jahren in der Nähe von Lens erstmals in ein Kohlebergwerk einfuhr, da hieß er noch Raymond Kopaszewski. Auch der „Pole“, dieser begnadete Straßenkicker, wurde französischer Nationalspieler. Kopa war der Spielmacher von Stade Reims, in diesem Team kickten zwei weitere „Polen“ aus seiner einstigen Straßenmannschaft im Heimatort Noeux-les-Mines. Kopa wechselte zu Real Madrid, er gewann mit den Königlichen zwischen 1957 und 59 dreimal hintereinander an der Seite von Alfredo di Stefano und Ferenc Puskas den Europapokal der Landesmeister. In der deutschen Mannschaft spielten bei der WM 1958 Heinrich Kwiatkowski, Horst Szymaniak und Hans Cieslarczyk.

Der Unsinn von den unliebsamen Nachbarn

Und 60 Jahre später faseln Nationalisten und Rechte in Frankreich und in Deutschland etwas von unliebsamen Nachbarn… Ein Hoch auf die wunderbar integrierten Laurent Koscelny, Bacary Sagna, Patrice Evra, Blaise Matuidi, N´Golo Kanté, Paul Pogba, Moussa Sissoko, Kingsley Coman, Dimitri Payet, Jerome Boateng, Shkodran Mustafi, Sami Khedira, Mesut Özil, Emre Can, Mario Gomez, Lukas Podolski, Leroy Sané - und nicht zu vergessen der deutsche Elfmeterheld, der saarländische Brasilianer Jonas Hector.

Wie steht es um die Chancen der DFB-Elf gegen Frankreich, die als Gastgeber einer EM (1984) oder WM (1998) zweimal den Titel geholt haben? Mats Hummels ist gesperrt, Sami Khedira und Mario Gomez fallen verletzt aus, unter Umständen wird Jogi Löw auch auf einen nicht gesunden Bastian Schweinsteiger verzichten. Da wird die Taktik-Diskussion plötzlich in den Hintergrund rücken. Der Bundestrainer muss nahezu eine neue Mannschaft stricken. Verwundbar sind die Franzosen in der Defensive. Dazu mehr im morgigen EM-Blog.