Rehberg: Deutschland-Frankreich - Umschaltschlacht oder...

Philipp Lahm. Foto: dpa

Cirka 30 bis 40 Millionen Bundestrainerassistenten in Deutschland können sich beruhigt in ihre Couchkissen zurückfallen lassen. Deuten wir die Aussagen aus dem DFB-Lager in...

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. Von Reinhard Rehberg

Joachim Löw deutet diese Vorschlagsflut offenbar nicht als persönliche Beleidigung und intern auch nicht als Palastrevolution: Im Viertelfinale heute Abend gegen Frankreich wird Kapitän Philipp Lahm wahrscheinlich nicht mehr als Mittelfeldspieler, sondern wieder als Außenverteidiger auflaufen. Politikschreiber würden titeln: Ein großer Tag für die Demokratie. Der selbsternannte demokratische Diktator Otto Rehhagel dürfte entsetzt sein ob dieser haltlosen Mitbestimmungsumtriebe.

In Frankreich tobt in abgeschwächter Form eine ähnliche Diskussion. Die Deutschen spielen bislang ohne einen klassischen Mittelstürmer. Didier Deschamps soll gleich zwei Mittelstürmer in seine Startelf integrieren. Der französische Trainer hat es versucht mit dem baumlangen und entsprechend kopfballstarken Olivier Giroud (Arsenal London) im Zentrum und mit dem spielerisch starken Torjäger Karim Benzema (Real Madrid) auf Linksaußen, überragend gut hat das nicht funktioniert. Wir dürfen davon ausgehen, dass diesmal der junge, sehr schnelle, dribbelstarke und auch torgefährliche Antoine Griezmann (Real Sociedad) am Flügel stürmt. Und Benzema besetzt den Strafraum, Vorsicht: Der Real-Star ist ALGERISCHER Abstammung, er versteht sich ausschließlich als "Fußballfranzose".

Franzosen leben vom neu geweckten Teamgeist

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Die Deutschen haben bei den Weltmeisterschaften 1982 und 1986 stärkere französische Nationalmannschaften ausgeschaltet. Damals wimmelte es in der Equipe tricolore vor Weltklassekickern. Die heutige Generation hat nach der Blamage von 2010 einen Neuanfang gestartet. Dieses Team steht am Beginn einer Entwicklung, da steckt durchaus Erfahrung und viel Talent drin, aber ein Turniermonster kann diese Auswahl noch gar nicht sein.

Die Elf lebt vom von Deschamps neu geweckten Teamgeist, von taktischer Disziplin, von Aggressivität und von Tempo im offensiven Umschaltspiel. In der Arbeit gegen den Ball sind die Franzosen die einzige europäische Mannschaft, die trotz der Hitze versucht, ein laufintensives Pressing und Gegenpressing durchzuziehen. Die Franzosen spielen hart, zuweilen sogar sehr hart. Darauf muss sich die zuletzt konteranfällige, in relevanten Zonen auf dem Feld zu selten aggressiv zupackende DFB-Elf einstellen.

Wer erarbeitet sich am Freitagabend die Dominanz im Mittelfeld? Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira und Toni Kroos, starke Techniker, starke Passspieler, erfahrene Strategen, duellieren sich mit dem zentralen Sechser Yohan Cabaye, mit Blaise Matuidi (beide vom Scheichklub Paris St.. Germain) und mit dem Riesentalent Paul Pogba (Juventus Turin). Spannend. Die Franzosen werden rennen, pressen und umschalten, das nicht sonderlich antrittsschnelle deutsche Mittelfeld muss die Zweikämpfe annehmen und die Kugel beschleunigen.

Geschwindigkeit in der Startelf nötig

Gute Chancen bestehen auf der rechten Angriffsseite, wo der französische Linksverteidigerroutinier Patrice Evra (33, ManU) seine besten Tage hinter sich hat. Das könnte eine geeignete Aufgabe sein für den sprintstarken und zielstrebigen André Schürrle, der neben Thomas Müller der einzige ist im deutschen Kader, der die Laufwege in die Tiefe in höchstem Tempo durchzieht. Löw schätzt Schürrle zwar mehr als Einwechsler, der sofort die Angriffsstrukturen verändern kann, aber die DFB-Elf hat auch in der Startelf Geschwindigkeit nötig. Sollten die Franzosen ein taktisch geprägtes Spiel anbieten, dann sollten die turniererfahrenen Deutschen Vorteile haben. Gefährlich wird es, wenn die Löw-Elf eine offene Umschaltschlacht zulässt.