Rehberg: Der Held in der Wuhlheide

Marius Bülter jubelt nach seinem zweiten Tor gegen Borussia Dortmund. Foto: dpa

Schön, dass es diese Geschichten noch gibt, schreibt unser Kolumnist Reinhard Rehberg über den Sieg von Union Berlin gegen den BVB. Eine ebenfalls schöne Geschichte erlebt...

Anzeige

. Der in Ibbenbüren geborene Mann ist 26 Jahre alt. Er ist in der vergangenen Saison aus der Zweiten Liga abgestiegen mit dem SC Magdeburg. Seine bisher größten Erfolge: 2013 Vizemeister in der Westfalenliga 1 mit Eintracht Rheine nebst Aufstieg in die Oberliga Westfalen sowie 2018 geteilter Regionalliga-Torschützenkönig für den SV Rödinghausen. Ein Nachwuchsleistungszentrum hat der in der frühen Jugend bei Bukteria Dreierwalde ausgebildete Offensivspieler nie von innen gesehen.

Von wem ist die Rede? Bitte Musik, bitte Bedenkzeit. Noch ein kleiner Hinweis: Die Zeit ohne Profifußball hat der Fußballer genutzt für ein Maschinenbau-Studium, mit Abschluss.

Richtig: Marius Bülter. Das ist dieser 1,88 Meter große Brocken, der mit zwei Toren maßgeblich daran beteiligt war, dass der Bundesligaaufsteiger Union Berlin seinen ersten Sieg in der neuen Umgebung gefeiert hat. Die unterlegene Mannschaft: Titelfavorit Borussia Dortmund. Schön, dass es diese Geschichten noch gibt. Bülter ist vom Drittligisten SC Magdeburg sogar nur ausgeliehen. Union hat sich ein Jahr Zeit gekauft, um sehr genau abwägen zu können, ob man den Spieler für eine moderate Ablösesumme längerfristig behalten will.

Union hat dem BVB einen brachialen Kampf angeboten. Mann gegen Mann. Rennen, grätschen, zustellen, Bälle erobern, schnell und einfach nach vorne. Und der Kerl, von dem niemand im Klub geglaubt hätte, dass er es in dieser Saison auch nur ein einziges Mal in die Startaufstellung schaffen könnte, hat den riesigen Aufwand des Aufsteigers in ein Traumergebnis gegossen mit seinen Treffern zum 1:0 und 2:1. Linksaußen Marius Bülter ist der Held in der Wuhlheide. Wilde Leidenschaft, Mut und Zielstrebigkeit haben die träge Klasse des hoch ambitionierten BVB überstrahlt.

Anzeige

Kaum ein Bericht über die Sommer-Vorbereitung von Lucien Favre war nicht gespickt mit dem Zitat eines Funktionärs oder Spielers, das zum Inhalt hatte: Wir wollen Deutscher Meister werden. Die Einkaufsaktivitäten der Ruhrpottler wurden in den Medien hymnisch gefeiert: Clever investiert, der Kader sei in der Spitze und in der Breite überragend verstärkt worden. Da war noch nicht ein einziges Wettkampfspiel gelaufen.

Schon am zweiten Spieltag hätte der BVB in Köln nicht gewinnen dürfen. Beim 3:1 gegen den emotional aufgeladenen FC rettete die spät gefundene Abschlusseffizienz den tempoarmen Favoriten. Am dritten Spieltag ist der Titelaspirant an einem der drei Aufsteiger gescheitert. Wir wollen das nicht überbewerten. Aber es hat sich gezeigt: Dort, wo der nicht mehr ganz junge Neuling Bülter mit riesiger Bereitschaft gewühlt, geackert und getroffen hat, da gingen die überragend talentierten und perfekt ausgebildeten Nationalstürmer Marco Reus und Julian Brandt mit ihrer lässigen Arbeitsmoral wehrlos unter.

Marius Bülter, der vor gut 15 Monaten noch in der Regionalliga gekickt hat, weiß, dass er es sich mit seinen begrenzten Fähigkeiten gar nicht leisten kann, im Trabertempo übers Feld zu schleichen und harten Zweikämpfen aus dem Weg zu gehen. Wünschen wir uns wieder mehr dieser Herzblut-Fighter, die sich aus unteren Ligen noch ganz nach oben malochen und ohne Millionengehalt in der Eliteliga konkurrenzfähig sind. Wohin Bülters Weg am Ende führt, das wissen wir nicht. Drei Startelfnominierungen und zwei Tore sind auf jeden Fall mal ein Fingerzeig.

Auch der SC Paderborn lebt von einigen dieser Typen, Beispiel: Streli Mamba, 25 Jahre alt, gekommen vom Drittligisten Energie Cottbus, davor aktiv beim SV Sandhausen II, bei der SVG Freiberg, beim TSV Grunbach, beim SV Göppingen und beim FC Homburg (und das waren alles keine Jugendstationen), hat nach drei Spieltagen auch schon zwei Tore stehen als später Erstligaeinsteiger.