Rehberg: Der größte Feind im Abstiegskampf ist das negative...

Bernd Hollerbach, Cheftrainer des Hamburger SV. Archivfoto: dpa

Was der Titelkampf nicht verspricht, garantiert dagegen der Tabellenkeller: Spannung und Dramatik bis zum letzten Abpfiff. Denn während der FC Bayern auch auf Strecke nicht...

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. Einen spannenden Titelkampf werden wir in diesem Jahrzehnt wahrscheinlich nicht mehr erleben. Zumindest nicht in der Bundesliga. So lange sich der FC Bayern tüchtig anstrengt, und da hat Onkel Jupp sein sehr strenges Auge drauf, so lange ist diese Mannschaft auf Strecke nicht zu gefährden. Viele Experten glauben ja, der Mangel an ernsthaften Verfolgern habe ausschließlich mit fehlenden wirtschaftlichen Voraussetzungen unterhalb des Bayern-Imperiums zu tun.

Die Formel würde dann lauten: Reicher Investor ist gleich mehr Kohle ist gleich Topspieler einkaufen ist gleich Bayern an der Tabellenspitze das Leben schwermachen. Aber was stellen wir gerade fest: Borussia Dortmund oder auch RB Leipzig mag es momentan an manchem mangeln, aber sicher nicht am Geld – und trotzdem benötigt der Tabellenzweite schon nach 23 Spieltagen ein Spezialfernrohr, will er mal einen Blick erhaschen auf den Branchengiganten.

Spannung bis zum letzten Abpfiff im Tabellenkeller

Spannung und Dramatik bis zum letzten Abpfiff werden wir erleben im Tabellenkeller. Abstiegskampf. Eine wunderbare Wissenschaft. Die Mannschaften, die sich gegen den Absturz in die Zweite Liga stemmen, sind sportlich nicht signifikant schlechter als so mancher Ligakonkurrent aus dem Tabellen-Mittelfeld. Der größte Feind im Leistungssport ist das negative Denken und Fühlen. Das macht den Unterschied. Wer den Abstiegskampfstress nicht mehr relativieren kann, der steckt in der Falle.

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In den Köpfen der Spieler kreisen der erlebte Misserfolg aus den vergangenen Wochen und der mögliche Misserfolg in den nächsten Spielen. Da geht es in den Denkzentren nicht mehr um rationale Überlegungen, um zielorientiertes Handeln, um die konstruktive Arbeit an Problemlösungen. Die Spieler trauen es sich unter Stress gar nicht mehr zu, ihre Fähigkeiten objektiv einzuschätzen und mit einer gewissen Freiheit im Kopf den Zugang zu finden zum nachweislich vorhandenen eigenen Können.

Blockierte Spieler

Die Zweifel blockieren das mutige Denken, sie blockieren das gemeinschaftliche Handeln, sie blockieren den Bewegungsablauf. Anhänger kommen dann oft zu dem Fehlurteil, diese blockierten Spieler würden sich individuell und als Gruppe nicht genug anstrengen. Oder die Spieler würden sich nicht ausreichend mit ihrem Klub identifizieren. Tatsächlich sind diese Spieler zumeist gar nicht mehr in der Lage, ihre Gedanken und Gefühle zu kontrollieren und zu steuern. Stressspieler sitzen fest in ihrem als eine extreme Belastung empfundenen Kopfkarussell. In diese offenen Wunden hinein hängen Anhänger dann noch Plakate auf mit herablassenden Sprüchen, stürmen Fans den Rasen und brüllen zum Beispiel „Wir sind Hamburger und ihr nicht!“, blockieren Mannschaftsbusse oder skandieren die Forderung nach dem Trainer- und/oder Manager-Rauswurf. Konstruktiv ist an dieser Atmosphäre gar nichts mehr.

Und dann geht es darum, ob es irgendjemand im Klub schafft, noch mal ein neues Drehbuch zu schreiben. In den meisten Fällen wird die sportliche Führung ausgetauscht. Das funktioniert auf der Zielgeraden manchmal – und oft genug auch nicht. Die Statistik belegt tatsächlich, dass es öfter nicht funktioniert. Und doch hält sich der Trainerwechsel hartnäckig als die Notmaßnahme Nummer eins. Kurios: Schafft der neue Übungsleiter die Rettung, dann fliegt der gefeierte Nothelfer meistens in der Folgesaison schon wieder raus. Ein nachhaltig wirksames neues Drehbuch zu schreiben ohne Trainerrauswurf, das schaffen in der Regel nur die in sich und auf der Führungsetage gefestigten Klubs.

Der HSV hat sich gerade mal wieder einen neuen Präsidenten geleistet. Man muss kein Hellseher sein, um zu prognostizieren, dass dort bald wieder die sportlich verantwortlichen Leute herumgeschoben werden wie Schachfiguren. Da ist es nicht einmal sicher, dass der neue Trainer Bernd Hollerbach bis zum Saisonende im Amt bleibt. Das Ende der Kaderplaner Heribert Bruchhagen und Jens Todt ist in jedem Fall eingeläutet. Und das alles mitten im sich zuspitzenden Abstiegskampf.