Rehberg: Der falsche Hype um den U21-Kader

Johannes Geis während der Halbfinalniederlage gegen Portugal mit der deutschen U21. Foto:dpa

Nach der 0:5-Niederlage der deutschen U21 gegen Portugal im Halbfinale der EM ist klar: Zwischen Medienhype und realistischen Einschätzungen klafft zuweilen eine Lücke. Dieser...

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. Für Johannes Geis mag das eine bahnbrechende Erfahrung sein in seiner Fußballerkarriere. Und der 05-Profi und baldige Schalker ist mit 21 Jahren in der Persönlichkeitsentwicklung schon weit genug, um diesen Moment richtig einordnen zu können. Die Lehre könnte sein: Zwischen Medienhype und realistischen Einschätzungen klafft zuweilen eine Lücke.

Für das Mediengezwitscher, das ihn seit ein paar Monaten in die Arme von Joachim Löw und auf der Gehaltsliste nationaler und internationaler Spitzenklubs lanciert hatte, ist der junge Mann aus dem Fränkischen nicht verantwortlich.

EM-Pleite wird Geis nicht aus der Bahn werfen

Geis, als Spätjugendlicher durchaus eher ein Lebemann, hat schnell gelernt. Wer in diesem Alter als Kapitän einer Bundesligamannschaft und zuweilen auch einer U21-Nationalmannschaft auflaufen darf, der hat seinen Kopf und seine Emotionen sortiert und ist auf dem richtigen Weg. Deshalb darf man davon ausgehen, dass Geis auch dieser Transfersommer und diese U21-EM in Tschechien nicht aus der Bahn werfen.

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Im Halbfinale dieser Europameisterschaft stand Geis, die gesamte Qualifikation über immer einer der Führungsfiguren dieser Elf, erstmals in der Startaufstellung. Horst Hrubesch hatte zum Turnierstart Emre Can zum Mittelfeldchef ernannt, der Mainzer passte nach Ansicht des DFB-Trainers nicht an die Seite des Talents vom FC Liverpool.

Gegen Portugal wollte Hrubesch das Zentrum besonders stark machen: Er beließ es bei der Doppelsechs mit Can und Joshua Kimmich, dahinter platzierte der Coach mit Geis eine zusätzliche Absicherung. Die Idee ist nachvollziehbar. Auf dem Papier. Auf dem Rasen entfaltete diese 4-1-4-1-Grundordnung überhaupt keine Wirkung. Weil die dafür notwendigen taktischen Abläufe - enge Abstände, Nachvorneverteidigung, Zweikampfintensität und zugestellte Passwege - gar nicht erkennbar waren.

Zur Halbzeit ausgewechselt

0:5 hieß es am Ende. 0:3 stand es zur Halbzeit, da wechselte Hrubesch den Mainzer Mittelmann schon wieder aus. Die technisch brillanten und leichtfüßigen Portugiesen hatten die Deutschen, die erst nach dem 0:2 einen Zugriff bekamen auf diese Partie, sehr gekonnt ausgespielt. An Geis hat das nicht gelegen, die Reihe davor hatte gegen den Ball keine Automatismen. Viel unglücklicher kann ein Turnier nicht laufen als für Johannes Geis in Tschechien.

Dazu kam die ungeklärte Transfersituation. Hrubesch wird davon gewusst haben. Vielleicht war Geis auch beeindruckt davon. Ilkay Gündogan wollte plötzlich wieder in Dortmund bleiben, Thomas Tuchel hatte keinen Platz mehr frei für seinen ehemaligen 05-Schützling. Bayer Leverkusen und Borussia Mönchengladbach waren aus dem Poker ausgestiegen, auch wegen der hohen Ablöse.

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Heldt steht unter Druck

Der in den Medien unter Druck stehende Horst Heldt musste zu Hause Ergebnisse bringen, der Schalke-Manager überbot in den Verhandlungen mit Christian Heidel Konkurrenten, die es gar nicht mehr gab. Nun ist Geis beim FC Schalke 04 gelandet. Finanziell sicher ein gewaltiger Sprung, sportlich ist das aktuell nicht die Topadresse. In Schalke steht mit einem verwackelten Kader ein Neuaufbau an mit dem neuen Trainer Andre Breitenreiter. Man hätte dem 05-Profi eine stabilere Situation gewünscht auf seiner nächsten Station. Und mit einem persönlich besseren EM-Turnier wäre Geis dort auch mit einem anderen Standing angetreten.

Yunus Malli muss sich ob seiner Mini-Einsatzzeiten in Tschechien nicht grämen. Der zweite 05-Spieler im EM-Kader stand im Schatten von Max Meyer, auf den sich Hrubesch festgelegt hatte als Zehner. Meyer deutete sein Talent an, mehr nicht. Malli bekam keine Chance, zu zeigen, ob er das besser kann. Das kann der Deutsch-Türke nun am Bruchweg beweisen. In einer Mannschaft, die sich in ihrer Struktur abermals verändern wird.

05er haben mehr als 20 Millionen Euro in der Transferkasse

Johannes Geis und Shinji Okazaki, das ist keine große Überraschung, haben sich verabschiedet. Die 05er haben mehr als 20 Millionen Euro in der Transferkasse. Ein gewaltiger Ertrag. Ganz neue Dimensionen in Mainz. Das ist knapp die Hälfte der Baukosten für die Coface Arena. Ein amtlicher Transfergewinn, hatten die beiden Spieler einst doch "nur" eine Million (Geis) und knapp zwei Millionen (Okazaki) beim Einkauf gekostet. Das nennt man: Wertsteigerung. Das spricht für eine gute Spürnase - und für die gute Arbeit der beteiligten Trainer.

Die 05er haben derweil Maximilian Beister verpflichtet. Das ist ein schneller, dribbelstarker und zielstrebiger Außenstürmer, den auch Jürgen Klopp 2012 schon mal zu einem Kennenlerngespräch nach Dortmund eingeladen hatte. Nachdem der beim Hamburger SV ausgebildete Beister als Leihspieler bei Fortuna Düsseldorf (18 Tore in 59 Zweitligaspielen) für Aufsehen gesorgt hatte. Beister kehrte aber dann zum (einen Verkauf verweigernden) HSV zurück, dort wurde der 24-Jährige immer wieder durch Verletzungen zurückgeworfen.

Kommt noch ein Mittelstürmer?

Beister ist nicht der Ersatz für Okazaki, das hat der 05-Manager ausdrücklich betont. Da dürfte also in den nächsten Tagen noch ein neuer Mittelstürmer anrollen. Auf den offensiven Außenpositionen sind die Mainzer nun jedenfalls gut bestückt, dort tobt künftig ein beachtlicher Konkurrenzkampf.

Zur deutschen U21-Mannschaft lässt sich als Fazit sagen: Dieser Kader ist medial und vielleicht auch intern etwas überschätzt worden. Profis wie die Zweitligaspieler Dominique Heintz, Amin Younes und Philipp Hofmann vom 1. FC Kaiserslautern, aber auch der Ersatz-Weltmeister Matthias Ginter, auch Leonardo Bittencourt und auch die hoch gehandelte Emre Can und Max Meyer haben bei diesem Turnier nicht nachgewiesen, dass sie zügig zu A-Nationalspielern aufsteigen können. Da hatte auch der taktisch nicht überragend innovative Horst Hrubesch etwas hoch gepokert mit seinem Anspruch, dieses Turnier gewinnen zu wollen.