Rehberg: Der Dortmunder Dominanzwall wartet

Martin Schmidt kann seine Jungs wohl auf auf höchstem Maße aggressiv nach vorne verteidigende Dortmunder einstellen. Archivfoto: dpa

Statt eines halbwegs gemütlichen Supercup-Endspiels fuhr Thomas Tuchels BVB gegen die Bayern am Sonntagabend einen explosiven Pressing-Überfall. Interessant ist das auch für...

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. Nach 20 Minuten Spielzeit durfte man sich durchaus fragen: Was hat der Tuchel denn da veranstaltet? Treffen sich zwei Mannschaften zum abrundenden Ende der Sommer-Vorbereitung zu einem halbwegs gemütlichen Supercup-Endspiel. Und dann hat Thomas Tuchel schon die großkalibrigen Waffen aus dem Schrank geholt. Die Dortmunder Borussia stürzte sich am Sonntagabend im eigenen Haus auf den Deutschen Meister, als sei mit dieser Supercup-Trophäe schon viel Ruhm und Ehre verbunden. Da strichen sich die Profis des FC Bayern noch den steifen rot-weißen Kragen des neuen Trikots zurecht, da übte die Borussia schon einen explosiven Pressing-Überfall. „Orkan Tuchel“ ebbte nach etwa 35 Minuten merklich ab – und Gästecoach Carlo Ancelotti durfte dann nach nur einer gewonnenen Partie (2:0) schon seinen ersten Pokal in die Höhe stemmen.

Sehr interessant war dieses Finale natürlich für die 05er. Denn die Mannschaft von Martin Schmidt bestreitet bekanntlich in 14 Tagen ihr Bundesliga-Auftaktspiel im Dortmunder Signal-Iduna-Park. Wir wissen nicht, ob das der neue Stil von Tuchel ist. Mag sein. Vielleicht sagt sich der langjährige 05-Coach - der sich nicht hätte vorstellen können, dass er bei diesem Spitzenklub binnen einer einzigen Transferperiode mal derart massive personelle Verluste erleiden könnte -, dass Laufarbeit, gnadenlose Aggressivität und ein Höllentempo die beste Antwort sind in einer Übergangsphase mit diversen neu besetzten Positionen.

So lautete ein Gebot: Die "wilde erste Viertelstunde"

Das wirkte wie die Wiedergeburt der berühmten „wilden ersten Viertelstunde“, die in der Tuchel-Zeit am Bruchweg mal zu den richtungsweisenden „Zehn Geboten“ zählte, die im Besprechungsraum an der Wand hingen. Mit diesem Ansatz haben die 05er nicht selten ihren Heimspielgegnern schon in der ersten Halbzeit den Zahn gezogen.

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Die Bayern hatten in Dortmund ihre liebe Mühe, diesen Startüberfall unbeschadet zu überstehen. Scharfes Angriffspressing der Borussia. Und hinter der vordersten Attackelinie wurden die Münchner Passadressen in gestaffelten Wellen im Sprinttempo angelaufen. Da blieb dem FCB kaum mal Zeit für eine kontrollierte Ballannahme. Und in diesem Krawallstil betrieb die Borussia nach Ballverlusten auch ihr impulsives Gegenpressing.

Dominanz über eigenen Ballbesitz, das hat Tuchel bislang immer gepredigt. Diesmal sah das so aus, als wollte sich der Guardiola-Bewunderer jetzt eher Jürgen Klopp annähern: Feld- und Spielkontrolle über die Arbeit gegen den Ball - in Verbindung mit offensivem Umschaltfeuer. Der Deutsche Meister, DFB-Pokalsieger und Champions-League-Halbfinalist aus München wankte, doch Welttorhüter Manuel Neuer, viel Erfahrung und Gelassenheit sowie die herausragenden technischen Fähigkeiten auf allen Positionen hielten die Bayern im Spiel. Und als das Dortmunder Säbelrasseln nachließ, da erspielte sich der pragmatisch denkende und handelnde FC Bayern den - ab dem Führungstreffer ungefährdeten - Sieg. Stabilität über 90 Minuten hat diese Dortmunder Struktur (noch) nicht.

Im Rücken des Walls wartet viel Raum

Die 05er können sich also ausmalen, was im riesigen Signal-Iduna-Park auf sie zukommen kann. Sollten bis dahin die teuren Starzugänge Mario Götze und André Schürrle in der BVB-Startelf auftauchen, dann mag Tuchels Ansatz schon wieder etwas anders aussehen. Auf eines aber kann sich Martin Schmidt einstellen: Die Dortmunder werden in höchstem Maße aggressiv nach vorne verteidigen und auf den äußeren und mittleren Bahnen mit viel Personal und mit sehr viel Geschwindigkeit angreifen. Was im Umkehrschluss heißt: Im Rücken dieses Dortmunder Dominanzwalls wird sich ein großes unterbesetztes Gelände auftun. Das sich dann mit Kontern bespielen lässt, wenn die 05er diese Räume mit konstruktiven Pässen und Sprintläufen erreichen. Darin steckt ein großer Reiz.

Die 05er haben sich am Sonntagnachmittag zunächst mal auf die DFB-Pokalpartie bei der SpVgg Unterhaching vorbereitet. Unter ganz anderen Vorzeichen. Beim 5:0 am Bruchweg gegen den Drittligisten RW Erfurt übte die Schmidt-Elf Ballbesitz gegen einen sich tief verrammelnden Kontergegner. Das sah gar nicht schlecht aus. Und zwar immer dann, wenn sich der Außenstürmer auf der ballnahen Seite in den Halbraum absetzte und damit den Flügel öffnete für den hinterlaufenden Außenverteidiger. Das klappte insbesondere links mit Jairo und Daniel Brosinski schon recht ordentlich. Auch das Muster, dass sich Yunus Malli die Kugel an der Mittellinie abholt und der vordere Sechser sich dann in die Zehnerposition schiebt, schafft Überraschungseffekte. Beachtlich: Der eingewechselte Fabian Frei markierte als Zehner zwei Tore aus der Mittelstürmerposition heraus. Ein Hinweis? Das kann man zumindest mal im Auge behalten.

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P.S. Der von den 05ern mit 4:0 abgefertigte FC Liverpool hat sein erstes Saisonspiel in der Premier League als Gast von Arsenal London mit 4:3 gewonnen. Nach einer 4:1-Führung. Von Jürgen Klopps Londoner Startelf hatten zum Anpfiff in Mainz lediglich Alberto Moreno, Adam Lallana und Jordan Henderson auf dem Platz gestanden.