Rehberg: Der Clemens-Transfer macht Sinn

Eines seiner 05-Tore: Christian Clemens verlädt FC-Augsburg-Keeper  Marwin Hitz. Foto: Sascha Kopp

Christian Clemens verlässt den FSV Mainz 05 in der Winterpause. Warum der Wechsel des Mittelfeldspielers Sinn macht und wo die Tücken des großen Kaders stecken - das erklärt...

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. Mittwochnachmittag. In einer der Logen im Mainzer Bruchwegstadion. Knapp ein Dutzend Medienvertreter sind der Einladung des Klubs gefolgt, zum Jahresausklang noch mal intensiv mit Martin Schmidt und Rouven Schröder zu sprechen. Fragen stellen, Antworten analysieren und diskutieren. Da wurde der Kader hoch und runter diskutiert. Fast zwei Stunden lang.

Alles gut...

Nein, auch nach dem Europapokal-Aus sei der Kader nicht zu groß, betonten der Cheftrainer und der Manager. Nein, auch auf den quantitativ überladenen Positionen im zentralen Mittelfeld und am Flügel (offensiv) werde man in der Rückrunde jeden Mann brauchen. Da wurde auch diskutiert, dass es für Mainz 05 sportlich und wirtschaftlich schon ein Luxus wäre, wenn sehr gut verdienende Startelf-Anwärter dann irgendwann nicht mal mehr einen Platz auf der Ersatzbank finden. Ja, wenn Spieler aus dieser Kategorie Veränderungswünsche äußern sollten in der Wintertransferperiode, dann... Ja, und es könne auch sein, dass andere Klubs aufmerksam werden auf gute Mainzer Spieler, die auf ihren Positionen harte Konkurrenz haben, dann... Aber grundsätzlich, nein..., alles gut.

Schmidt und Schröder hätten ja zumindest mal andeuten können, dass ein Wechsel schon in Vorbereitung ist. Den Namen hätten die 05-Macher ja nicht mal verraten müssen. In diesem Fall kam es so, dass kaum zwei Stunden nach dem interessanten Talk am Bruchweg vom Klub eine Mail abgesandt wurde: Christian Clemens wechselt in der Winterpause zum 1. FC Köln. Mag ja sein, dass der Deal am Mittwoch zwischen 14 und 16 Uhr noch nicht perfekt war, mag sein, dass die Papiere zu diesem Zeitpunkt noch nicht unterschrieben waren. Mag sein, dass der Kölner Manager erst um 17 Uhr und irgendwas die Mainzer Ablöseforderung akzeptiert hat. Und Tatsache ist, dass Rouven Schröder angenehm still und topseriös arbeitet. Aber am Mittwochnachmittag, das waren ein paar Nebelkerzen zu viel.

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Erstes Spiel gegen die 05er

Christian Clemens wird also ab dem 2. Januar in Köln den am Kreuzband verletzten Marcel Risse ersetzen. Und wenn Trainer Peter Stöger den Rechtsaußen einsetzt, dann wird der sein erstes Spiel direkt gegen die alten Kollegen aus Mainz bestreiten. Eine spannende Konstellation. Und interessant ist zudem, dass auch Risse einst von Mainz nach Köln gewandert ist. Thomas Tuchel war damals mit der Entwicklung des lange verletzten Sprinters unzufrieden: Viel Engagement, hohe Laufbereitschaft, gute Schusstechnik, zuweilen gute Flanken – aber wenig Ertrag vor dem gegnerischen Kasten. In seiner Heimatstadt startete der gebürtige Kölner dann durch. Mit neun Toren und vier Torvorlagen in der Zweiten Liga war der Kilometerfresser maßgeblich beteiligt am Aufstieg des FC. In der Bundesliga sind seine Quoten auch in Ordnung: fünf Tore/vier Vorlagen, drei Tore/sechs Vorlagen und in dieser Hinrunde zwei Tore/vier Vorlagen.

Das kann mit dem gebürtigen Kölner Christian Clemens sehr ähnlich laufen. In der Vorsaison hatte der Leihsprinter in Mainz mit fünf Toren und vier Vorlagen einen ordentlichen Output. Aber eine verlässliche Leistungskonstanz über 90 Minuten oder über mehrere Wochen hinweg brachte Clemens nicht in sein Spiel. Extreme Schnelligkeit, guter Schuss, zuweilen gute Flanken – dazwischen aber immer wieder lange Leerlaufphasen. Die 2,5 bis 2,8 Millionen an Transferentschädigung (so genau weiß man das nicht), die Christian Heidel als Noch-05-Manager und Schon-S04-Kaderplaner im Frühjahr nach Gelsenkirchen hat überweisen lassen, waren durchaus ein strammer Betrag. In dieser Hinrunde war Clemens nach drei Einsätzen nur noch verletzt oder in der Reha. Das war Pech.

Ersatz für Risse

Wie auch immer Clemens in Köln einschlagen mag, der Transfer macht Sinn. Für alle Beteiligten. Die Kölner haben einen gleichwertigen Risse-Ersatz. Clemens bekommt viele Einsätze, als Außenbahnspieler im 4-4-2; das passt zu seinem Profil. Die 05er bekommen in etwa das Geld zurück, dass sie an die Schalker bezahlt haben. Und Martin Schmidt hat mit Pablo de Blasis, Levin Öztunali, Karim Onisiwo, Jairo, Gerrit Holtmann oder auch Yoshinori Muto immer noch genügend Außenstürmer für zwei Startelfpositionen. Und dabei gilt es auch zu berücksichtigen: Im Mainzer 4-2-3-1 hatte Clemens mit seinem leichten Hang zur Lethargie immer auch Mängel in der Umschaltung auf die Arbeit gegen den Ball.

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Harte Konkurrenz auf einzelnen Positionen kann Leistung befördern. Wer unter der Woche sich nie sicher sein kann, ob er einen Platz im Spielkader ergattert, der muss kämpfen, der muss sich zeigen im Training – und erst recht, wenn er einen Wettkampfeinsatz bekommt. Wenn aber ab einem bestimmten Zeitpunkt mehrere potenzielle Startelfspieler gar keine Chance mehr sehen, regelmäßig zu spielen oder zumindest auf der Bank zu sitzen, dann kann das für Unmut sorgen. Das kann schädlich sein für die Trainingsqualität, das kann schädlich sein für die soziale Geschlossenheit in der Gruppe. Dabei geht es weniger um die absolute Kadergröße. Da geht es mehr um zu viele Konkurrenten für eine bestimmte Position. Sieben gesunde Kandidaten für zwei Außenstürmerposten, das wäre definitiv zu viel gewesen ab Januar. Zumal der Entwicklungsspieler Holtmann nur dann entscheidende Leistungssprünge machen kann, wenn er auch Einsatzminuten bekommt. Oder Jairo. Der Scorerkönig aus der Vorsaison braucht Praxis, um wieder Überzeugung zu erlangen und in Form zu kommen.

Davon abgesehen: Sechs gesunde Kandidaten für zwei Posten im zentralen Mittelfeld – auch das ist üppig. Wenn man bedenkt, dass es neben Yunus Malli keinen zweiten Zehner gibt. Den zur Genügsamkeit neigenden türkischen Nationalspieler würde ein hochwertiger Konkurrent im Kader womöglich anspornen.