Rehberg: Das Überraschungsei aus dem Ruhrpott

Andre Breitenreiter. Foto: dpa

Noch ist Schalke 04 in dieser Saison ein Überraschungsei: Man erkennt viel Potenzial, aber man weiß nicht, was davon an einem bestimmten Tag zum Vorschein kommt. Für ein...

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. Schlau wird man aus dem FC Schalke 04 nie so richtig. Die Anhängerschar ist riesig und hoch emotional, die Veltins-Arena ist ein atmosphärisch beeindruckender Heimspielort, 250 Millionen Euro Jahresumsatz ist fett, 160 Millionen Schulden stören überhaupt keinen - aber Ruhe und Zufriedenheit kehren in diesem Klub nur ganz selten ein. Grundsätzlich könnten die Schalker mit ihren Möglichkeiten in schwächeren Jahren des FC Bayern ein Titelkandidat und ansonsten immer ein Champions-League-Anwärter sein. Aber relativ häufig kommt etwas dazwischen.

Am kommenden Sonntag laufen die 05er in der Veltins-Arena auf. Was können diese Schalker zum aktuellen Zeitpunkt? Schwer zu beurteilen. Das souveräne 3:0 zum Saisonauftakt in Bremen deutete darauf hin, dass der neue Trainer André Breitenreiter mit seinen Ideen eine positive Entwicklung eingeleitet hat. Das 1:1 im folgenden Heimspiel gegen den Aufsteiger Darmstadt 98 war schon wieder eine schwerfällige Murkserei. Und danach war die Mannschaft mit der neuen Spielweise komplett überfordert: chancenloses 0:3 in Wolfsburg.

Schalke ist ein Überraschungsei

Das wahre Gesicht dieser Mannschaft, die jetzt mehr laufen soll, die enger verteidigen soll, die pressen soll, die druckvoller und kreativer passen soll, die schnelle offensive Umschaltaktionen starten soll? Noch ist dieses S04 ein Überraschungsei: Man erkennt viel Potenzial, aber man weiß nicht, was davon an einem bestimmten Tag zum Vorschein kommt.

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In der Vorsaison hatten die Schalker unter den Trainern Jens Keller (bis Mitte Oktober) und Roberto di Matteo mit dürftigen 48 Punkten noch gerade so den sechsten Platz gerettet. Ein Konzept war da nie so richtig erkennbar. Di Matteo ging es vor allem darum, die Defensive stabil zu halten. Das führte zu einer die Fans wenig begeisternden Spielweise. Der noch recht junge Breitenreiter (42) kündete nun von Aggressivität, von mehr Bewegung, Wucht, Dynamik und Tempo.

Draxler-Verkauf: "Wir haben uns selbst geschwächt"

Und dann kam sofort der nächste hausinterne Krach: Der immer umstrittenere Manager Horst Heldt verkaufte kurz vor Toresschluss für 36 Millionen Euro den in der eigenen Nachwuchsabteilung groß gewordenen Nationalstürmer Julian Draxler an den VfL Wolfsburg – und die Verpflichtung des ins Auge gefassten Nachfolgers Filip Kostic scheiterte am Veto des VfB Stuttgart. Kommentar Breitenreiter: „Wir haben uns selbst geschwächt.“

Und Breitenreiter legte noch nach: Der Verein sei offensichtlich nicht in der Lage, die sportlich überragende Nachwuchsarbeit pädagogisch so zu begleiten, dass die vielen selbst gezogenen Jungprofis auch zu hochwertigen Bundesligaspielern werden. Das war gemünzt auf Julian Draxler (21), der das Gefühl hatte, in seinem Heimatklub zu stagnieren. Das war gemünzt auf Toptechniker wie Maximilian Meyer (20) oder Leroy Sané (19), die schon hoch bezahlt werden, die aber Probleme damit haben, auch nur ansatzweise konstant ihr Riesenpotenzial abzurufen.

Wenige Talente schaffen den letzten Schritt

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Und das war sicher auch gemünzt auf ein hoffnungsvolles Stürmersternchen wie Donis Avdijaj, der als Schalker U17-Spieler mal in 25 Ligaspielen sagenhafte 44 Tore geschossen plus 13 Torvorlagen abgeliefert hatte, früh einen Profivertrag mit Topgehalt erhielt, früh in einem Schalker Champions-League-Spiel als Gast des FC Chelsea auf der Bank saß, der dann sofort große und teure Autos kaufte (und auch gerne mal zu Schrott fuhr), der alsbald verkündete, er wolle statt für den DFB lieber für Albanien (das Heimatland seiner einst nach Osnabrück ausgewanderten Eltern) Nachwuchsländerspiele bestreiten, weil er keine Lust habe, vor „ausländischen Zuschauern“ zu kicken (was er dann auf Geheiß seines Beraters wieder revidierte) - und der jetzt als Leihspieler bei Sturm Graz im Alter von 19 Jahren noch mal ganz von vorne anfängt.

Man erkennt, Nachwuchsförderung ist eine sensible Angelegenheit. Der mehrfache U19-Meister Norbert Elgert ist als langjähriger Ausbildungstrainer Gold wert für die Schalker, doch den letzten Schritt hin zum verlässlichen Bundesliga-Startelfspieler gehen auf Schalke nur die wenigsten Talente. Das haben Torwart Ralph Fährmann (26) geschafft, Weltmeister Benedikt Höwedes (27) und der Innenverteidigerkollege Joel Matip (24), sicher auch der oft verletzte Draxler; dann wäre noch Linksverteidiger Sead Kolasinac (22) zu nennen. Und dann wird es dünn.

Große Verantwortung für Ex-05er Geis

Diese Ausbeute ist nicht schlecht. Aber wenn die Schalker fast 12 Millionen Euro investieren müssen für einen talentierten Mittelfeldsechser wie Johannes Geis (21), dann wird es schwierig. Diese Stelle sollten prinzipiell auch Talente wie Ayhan Kaan (20) oder der Allrounder Leon Goretzka (20) besetzen können. Und dann gibt es für diese Position ja auch noch die erfahreneren Marco Höger (25), Roman Neustädter (27) und Dennis Aogo (28). Und nun gibt es auch noch den vom FC Bayern ausgeliehenen Pierre-Emil Höjbjerg (20).

Der Chef im Mittelfeld soll aber nun der Ex-05er Geis sein. Eine große Verantwortung für den begabten Raumdeuter und Langpassspieler, dem zur ganz großen Karriere wohl nur ein wenig Athletik, vor allem Antrittsschnelligkeit fehlt. Beim 0:3 in Wolfsburg bekam Johannes Geis an der Seite von Ex-Nationalspieler Aogo den Laden überhaupt nicht in den Griff.

Nicht der schlechteste Zeitpunkt für Mainz, auf Schalke anzutreten

Als Vertreter des lange verletzten Höwedes hatte der einstige Mainzer Jugend- und Zweitligaspieler Neustädter Mühe, das Abwehrzentrum dicht zu halten. Und auch Außenstürmer Maxim Choupo-Moting, der dritte Ex-05er im Kader, der in der vergangenen Saison so stark angefangen hatte bei den Schalkern (neun Tore), hat noch gar nicht zu seiner Form gefunden. Für ein Auswärtsspiel auf Schalke haben die 05er sicher nicht den schlechtesten Zeitpunkt erwischt. Wie das funktionieren kann in der Veltins-Arena, das beleuchten wir im morgigen Blog.