Rehberg: Das große Finale - "We call it a Klassiker"

Figuren, die Lionel Messi und Thomas Müller darstellen sollen, prangen in einem Schaufenster in Frankfurt. Foto: dpa

Das große Finale steht uns am Sonntag bevor. Wieder einmal trifft Deutschland auf Argentinien. Und diesmal geht Fußball-Experte Reinhard Rehberg davon aus, dass sich die...

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. Von Reinhard Rehberg

Das große Finale. Deutschland gegen Argentinien. Franz Beckenbauer würde sagen: "We call it a Klassiker." Im Tennis würde man sagen: Nach Sätzen steht es 1:1. 1986 wurde Argentinien Weltmeister im Endspiel gegen Deutschland, 1990 wurde Deutschland Weltmeister im Endspiel gegen Argentinien. 2014? Man könnte jetzt den brutalen, durch nichts zu verführenden, ewig mit erhobenem Zeigefinger zur Vorsicht mahnenden Sportpragmatiker raushängen lassen. Machen wir nicht. Das wäre albern. Die Mannschaft von Joachim Löw wird sich den Finalsieg nicht nehmen lassen.

Das ist nicht einmal eine sonderlich mutige Arbeitsthese. Ein Richter würde sagen: Die Beweislage ist erdrückend eindeutig. Teamgeist, Überzeugung, Turniererfahrung, die kontinuierlich ansteigende Leistungskurve, die breite individuelle Qualität, die spielerischen und taktischen Fähigkeiten als Gruppe, der eher durchschnittlich aufgestellte und bislang in der Offensive wenig überzeugend aufspielende Gegner, das mentale Momentum - alles spricht für die Deutschen.

Restzweifel schützen vor Sorglosigkeit

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Wir dürfen diese zum vierten Stern führende Argumentationskette aufbauen. Die deutschen Spieler dürfen das nicht. Restzweifel haben eine Funktion, Restzweifel sorgen dafür, dass Selbstvertrauen und Überzeugung nicht umschlagen in Sorglosigkeit und Überheblichkeit. Gerade nach einem 7:1-Halbfinalsieg gegen einen der großen Titelfavoriten auf dessen Grund und Boden. Wie geht man damit um? Gibt es dafür Beispiele? Ja. 1954 hat Deutschland im Semifinale die als Favoriten gehandelten Österreicher mit 6:1 vom Platz gefegt. Im Finale von Bern stürzte die Elf von Sepp Herberger die Weltmachtspieler aus Ungarn in ein lebenslanges Trauma.

Der Unterschied besteht darin, dass ein deutscher Titelgewinn diesmal keine Sensation wäre. Die deutschen Spieler müssen mit dem Favoritenstatus leben, sie müssen diese Rolle aktiv annehmen. In dem Bewusstsein, dass Argentinien ein fundamental anderer Gegner sein wird als Brasilien. Die Gastgeber sind im Halbfinale zerbrochen an einer Riesenlast. Das wacklige Psychogerüst der Brasilianer hatte nur einen Stützpfeiler, das war die Hoffnung. Spätestens nach dem 0:2 waren die Brasilianer nicht mehr in der Lage, mit klarem Verstand Fußball zu spielen. Die Deutschen spürten keine Gegenwehr mehr, sie manövrierten sich in sperrangelweit offenen Räumen mit kühler Konsequenz und getragen von der Leichtigkeit des Augenblicks in einen Flow. Alles hat funktioniert.

In der Defensive verschanzen?

Einen auch nur im Ansatz ähnlichen Spielverlauf werden die Argentinier im Finale nicht zulassen. Die Mannschaft hat in den drei K.o.-Spielen nur zwei Tore geschossen, aber nicht einen einzigen Gegentreffer kassiert. Damit ist der Matchplan von Trainer Alejandro Sabella vorgezeichnet. Die Argentinier werden sich, angeführt vom großen Defensivstrategen Javier Mascherano, in einer Wagenburg verschanzen und davor Straßensperren aufbauen, breite Betonblöcke, oben drauf Stacheldraht. Offensivbemühungen? Da greift das Prinzip Lionel Messi. Aber die Prämisse wird sein: kein Gegentor - und vor einem Elfmeterschießen werden sich die Gauchos nach dem Erfolg gegen Holland nicht fürchten.

Die DFB-Elf wird Steine klopfen müssen. Dafür braucht es nicht nur die filigrane Spielkunst, sondern auch das schwere Arbeitsgerät, vielleicht sogar Presslufthammer und Abrissbirne. Für Letzteres stehen Miroslav Klose, Thomas Müller und Sami Khedira. Die Deutschen können nur einen Fehler machen: Ballbesitzfußball ohne Tempo im Passspiel, ohne Sprintläufe in den Rücken der Abwehr. Das ist nicht einfach gegen einen massiert und tief und gut organisiert die Räume zustellenden Gegner. In diesem Finale ist Geduld gefragt, aber auch Willen, Risikobereitschaft, Handlungsschnelligkeit, Lust auf Geschwindigkeit und Zielstrebigkeit, Lust auf jeden neuen Versuch, das Bollwerk zu knacken. Und wenn all das nicht zum Erfolg führt, dann kommt André Schürrle.

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Wie wird Messi agieren?

Und Lionel Messi, der kleine Star, dem eine schlechte Saison attestiert wird, wenn er mal "nur" 28 Saisontore schießt für den FC Barcelona? Der Dribbler hat sich in den K.o.-Spielen in Räumen getummelt, in denen er kaum noch torgefährlich werden konnte. Messi holte sich die Bälle an der Mittellinie ab, er demonstrierte eine Wandlung vom brillanten Angriffssolisten zum leidlich bemühten Mannschaftsarbeiter. Das nimmt dem virtuosen Torjäger die Wirkung.

Jedes Spiel ist anders, jedes Spiel schreibt eine neue Geschichte. Und am Ende, sagt Gary Lineker, gewinnen die Deutschen. Nicht immer, aber bei diesem Turnier immer öfter.