Rehberg: Das Fußballprojekt TSG Hoffenheim kommt nicht voran

Klubeigentümer Dietmar Hopp. Archivfoto: dpa

Der Start in die neue Bundesligasaison ist für die TSG Hoffenheim nicht optimal verlaufen. Nach dem 1:3 in der Sinsheimer Arena gegen Werder Bremen schrillten wütende Pfiffe...

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. Ein Startprogramm wie dieses wünscht sich kein Klub. In Leverkusen, danach zu Hause gegen den FC Bayern. Die TSG Hoffenheim bekam zweimal Lob für eine jeweils couragierte Gegenwehr, doch am Ende standen zwei 1:2-Niederlagen im Buch und: 0 Punkte. Das ist eine Hypothek. Das folgende 0:0 in Darmstadt war in Ordnung. Hohe Überlegenheit, Chancen nicht genutzt. So laufen Spiele, wenn man früh in der Saison auf euphorisierte Aufsteiger trifft. Doch dann kam am vergangenen Wochenende dieses 1:3 in der Sinsheimer Arena gegen Werder Bremen. Danach schrillten wütende Pfiffe durch das Wohnzimmer des 94-Prozent-Klubeigentümers Dietmar Hopp. Das Fußballprojekt des spendablen Milliardärs kommt nicht voran. Und nun geht es am kommenden Freitagabend nach Mainz.

Gegen Werder Bremen lieferten die Hoffenheimer eine unterirdische erste Halbzeit ab. Mangelhafte Umschaltbewegungen in Defensive und Offensive, überhaupt kein strukturiertes Aufbauspiel, nicht eine einzige Torchance. Nun plagt Trainer Markus Gisdol schon das erste Krisengerede. Dabei wollte sich das Hopp-Unternehmen nach Rang acht im Vorjahr (44 Zähler) in dieser Saison weiter nach oben orientieren. Warum die Hoffenheimer dafür aber fast den halben Kader umgebaut haben im Transfersommer, das erschließt sich nur bedingt.

Schwindelerregender Durchlauf in Angriffsabteilung

Insbesondere in der Angriffsabteilung pflegen Chefcoach Gisdol und Manager Alexander Rosen einen schwindelerregenden und zuweilen konzeptlos wirkenden Durchlauf. Mit Anthony Modeste, Sven Schipplock und Adam Szalai leistete sich die TSG 1899 im Vorjahr drei groß gewachsene Mittelstürmer, von denen meistens nur einer auf dem Feld stand. Die Spieler beschwerten sich leise, in dieser Rotationsmaschinerie könne man sich nicht einspielen, kein Selbstvertrauen erarbeiten, keine konstante Form aufbauen. Maßnahme der sportlichen Leitung: Modeste wurde nach Köln verkauft (wo der Franzose erstklassig funktioniert), Schipplock wurde nach Hamburg veräußert (wo er auf der Ersatzbank kleben bleibt) - und der teure Ex-05er Szalai hat seit vier Spieltagen ein Tribünenplatz-Abonnement.

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Blick in den Einkaufswagen. Altstar Kevin Kuranyi, 1,91 Meter groß, ein klassischer Mittelstürmer – den ja auch Szalai verkörpert. Mark Uth, ein lauffreudiger deutscher Torjäger aus Holland (geboren in Köln), 1,85 Meter groß, eine klassische zweite Spitze. Jonathan Schmid, ein Außenliniensprinter und Standardspezialist aus Freiburg. Und kurz vor Toresschluss kam noch der Chilene Eduardo Vargas, 1,76 Meter groß, eine bewegliche zweite Spitze. Gegen Werder probierte es Gisdol mit Kuranyi und dem schnellen Kevin Volland als Doppelspitze, von den Seiten sollten Uth und der Schweizer Techniker Steven Zuber die Vorlagen liefern. Da funktionierte gar nichts.

Zur Pause blieben Kuranyi und Zuber in der Kabine. Schmid und Vargas sollten nun für Torgefährlichkeit sorgen. Dann geschah das, was den Fußball immer wieder so aufregend macht. 49. Minute: diagonaler Pass in die Tiefe von Uth – und mit seinem zweiten Ballkontakt schoss Vargas bei seinem Bundesligadebüt das 1:1. Doch mit zwei Nachspielzeittreffern holte sich Werder die drei Punkte. Weil die Hoffenheimer zwar mehr Tempo aufzogen, aber weiterhin eher wild, denn geordnet angriffen. Der in den vergangenen Jahren von Roberto Firmino - der flinke Techniker aus Brasilien ist zum FC Liverpool gewechselt - so wirkungsvoll ausgefüllte Zehnerraum blieb unbesetzt.

Nun dürfte Vargas dafür gesorgt haben, dass der unbeweglich und wenig selbstbewusst wirkende Ex-Nationalspieler Kuranyi, der schon in seinen vier Jahren bei Dynamo Moskau keine nennenswerten Torquoten mehr erzielt hat, in der Coface Arena auf der Bank sitzt. Vargas ist ein spielender Mittelstürmer. Die Hoffenheimer haben den 25-Jährigen für sechs Millionen Euro dem Eigentümer SSC Neapel abgekauft. 2014/15 war Vargas von den unzufriedenen Italienern an die Queens Park Rangers verliehen worden. Der Premier-League-Absteiger hatte nach 19 Einsätzen und drei Toren des kleinen, bulligen Angreifers keine Lust auf ein Kaufgeschäft. Die Engländer entschieden sich für den vier Millionen günstigeren Sebastian Polter. Die 05er freuten sich.

Kaderabek bisher bester Einkauf der Hoffenheimer

Vargas wird am Freitagabend in Mainz sehr herzlich seinen Landsmann Gonzalo Jara begrüßen. Beide haben mit der chilenischen Nationalmannschaft zuletzt große Erfolge gefeiert. Achtelfinale bei der WM 2014 in Brasilien, Triumph bei der Südamerika-Meisterschaft 2015. In dieser Mannschaft ist Eduardo Vargas im Angriff der etablierte Nebenmann von Topstar Alexis Sanchez (Arsenal London, früher FC Barcelona). Bei der WM schoss Vargas das Führungstor beim 2:0 im zweiten Gruppenspiel gegen Spanien; der Titelverteidiger musste danach sehr früh die Heimreise antreten. Die Chilenen scheiterten im Achtelfinale an Brasilien, mit 2:3 im Elfmeterschießen, wir erinnern uns: Der spätere Mainzer Jara traf im entscheidenden Moment nur den Pfosten.

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Der beste Einkauf der Hoffenheimer ist bislang ein Rechtsverteidiger. Pavel Kaderabek. Ein dynamischer, extrem schneller Antreiber, der im Juni bei der U21-EM in seinem Heimatland Tschechien auffällig geworden ist. Auch beim 1:1 gegen die deutsche Mannschaft mit dem in jenem Spiel in Prag eingewechselten Yunus Malli. Die beiden Toptalente werden sich in der Coface Arena wieder über den Weg laufen. Was die aktuelle Situation im Kraichgau für die 05er bedeutet, das behandeln wir im morgigen Blog.