Rehberg: Darmstadt 98 - aufs Wesentliche reduzierte Matchpläne

Die Lilien-Spieler bejubeln den Aufstieg. Foto: dpa

Das ist Romanstoff. Und noch bevor die erste Seite des Buches überhaupt geschrieben ist, ließen sich schon die Filmrechte vermarkten. Man müsste nur mal wieder aufpassen,...

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. Am 28. Dezember 2012 hat Trainer Dirk Schuster den zerfledderten Tabellenletzten der Dritten Liga übernommen. Die Rettung. 2013/14 hievte er diese Mannschaft über zwei spektakuläre Relegationsspiele in die Zweite Liga, und das rangierte schon unter sensationell. 2014/15 schafft dieser Haufen mittelprächtig begabter Fußballer in einem Stadion, das als Dokumentationszentrum durchgeht für Sportstättenbau in den Nachkriegsjahren, den Aufstieg in die Bundesliga. Eine Rückkehr nach 33 Jahren.

Das Zweitligaprogramm hatte etwas ganz anderes vorgesehen. RB Leipzig sollte durchmarschieren. Dieser mit Brausegold gepamperte Retortenklub, der mal angefangen hat, und das ist noch gar nicht lange her, mit sieben Klubmitgliedern, die alle Angestellte sind der weltweit größten Brausefirma. Und das mit einem Stadion, in dem 2006 WM-Spiele stattgefunden haben. Und mit einem modernen Leistungszentrum, das selbst dem FC Bayern den Neid ins Gesicht zaubert. 200 bis 300 Millionen Euro stecken in diesem Gesamtprojekt.

Tradition, Arbeit und Einstellung triumphieren

Noch im Winter hatte Manager Ralf Rangnick versucht, dem Kader Flügel zu verleihen mit internationalen Neuzugängen im Wert von 12 Millionen Euro. Eine solche Summe haben die Darmstädter in den gesamten vergangenen 33 Jahren nicht zusammenbekommen für Transferentschädigungen. In Leipzig werden Gehälter bezahlt, da ließe sich alleine mit den Gehaltszetteln der Offensivabteilung der komplette Darmstädter Etat bestreiten.

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Ein wunderbares Märchen, das plakativ beschreibt, wie Tradition, Arbeit und Einstellung triumphieren können über Marketing und Moneten.

Wie würde man diesen Sportfilm anlegen? Zwei Meter große Fußball-Alliens mit jeweils elf Beinen, gepanzerte und wieselflinke Monsterwesen von einem fernen Planeten, wollen den Fußball auf der Erde auslöschen. Der im heimatlichen Karl-Marx-Stadt arbeitslos auf der Couch liegende Dirk Schuster wird auserwählt, den irdischen Fußball vor dieser tödlichen Invasion zu retten. Das Problem: Er muss das schaffen mit dem vor dem sportlichen und wirtschaftlichen Aus stehenden Letzten der Dritten Liga. Und dann sieht man den einstigen DDR-Nationalspieler, wie er hektisch seinen Notfalltrupp zusammentrommelt.

Bei anderen Klubs gescheiterte Spieler

Da tummeln sich Spieler vom Arbeitsamt, bei vielen anderen Klubs gescheiterte Spieler, Spieler aus einem Sanatorium für Langzeitverletzte, ein paar langbärtige und übergewichtige Veteranen, die täglich pendeln zwischen einer Spielautomatenhalle und einem nahegelegenen Schoppenkiosk - und dazu ein milchgesichtiger junger Torwart, der noch nie ein Profispiel bestritten hat.

Und wer gewinnt? Klar. Es gibt ein Happy End (anders funktionieren auch Filme wie "Armageddon" oder "Independence Day" nicht). Die finale Triumphfeier ließe sich im Abspann lässig darstellen mit Handyfilmaufnahmen von der Darmstädter Aufstiegsparty am Pfingstmontag. Der Filmhit: "Seht ihr Leipzig, so wird das gemacht…!" Der Filmtitel: "Das Wunder vom Böllenfalltor - wie der irdische Fußball gerettet wurde".

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Zwei Mainzer mitten drin

Und mitten drin zwei Mainzer: Dimo Wache, 05-Ehrenspielführer und Aufstiegsheld von 2004 und 2009, der als Torwarttrainer den 23 Jahre alten ehemaligen 05-Nachwuchsmann Christian Mathenia zu einem der besten Zweitligakeeper geformt hat. Eigentlich sollte der kauzige 05-Veteran Christian Wetklo diesen Job übernehmen. Doch der sprang kurz vor Drehbeginn ab. Vielleicht hat der Muskelmann das am Pfingstmontag mal kurz bereut.

Übrigens: Der Darmstädter Präsidiumsberater Tom Eilers ist als Torwart mit den "Lilien" 1992/93 aus der Zweiten Liga abgestiegen - nach 79 Gegentoren. Auf die Rückkehr in die Zweite Liga mussten die Lilien-Fans warten bis 2014. Eilers wechselte im Sommer 1993 an den Bruchweg. Als Nummer zwei hinter Stephan Kuhnert, auch als möglicher Nachfolger. Im Jahr darauf kam der junge Dimo Wache nach Mainz. Und Eilers, der seinen größten Auftritt im 05-Kasten 1994 bei jenem legendären 4:6 im DFB-Pokal-Viertelfinale am Gladbacher Bökelberg hatte, konzentrierte sich fortan ausschließlich auf sein Jura-Studium. 2015 feiert der angesehene Darmstädter Rechtsanwalt die Sensation in den Armen von Torwarttrainer Dimo Wache.

Nie zuvor hat ein Bundesliganeuling in seiner Aufstiegssaison weniger Tore geschossen als die Darmstädter (44). Die drei Jahrzehnte lang welk dahin siechenden "Lilien" haben es bewerkstelligt mit einer perfekt organisierten Betondefensive, mit Lauf- und Kampfbereitschaft, mit Pressing, mit Tempoüberfällen, mit Standardtoren, mit Teamgeist und Begeisterung - mit auf das Wesentliche reduzierten Matchplänen.

Bundesliga - eine schwierige Mission

Ob das reicht für die Bundesliga? Reine Spekulation. Ein schwierige Mission, das auf jeden Fall. Aber die Darmstädter werden ihren Spaß haben, wenn Pep Guardiola mit dem FC Bayern am Böllenfalltor aufkreuzt, wenn der Matchplankönig Thomas Tuchel mit Borussia Dortmund einläuft, wenn die 05er und die Frankfurter Eintracht nach sehr kurzen Dienstfahrten zu wilden Derbys anreisen. Während RB Leipzig und der 1. FC Kaiserslautern ihren nächsten Aufstiegsversuch unternehmen. Und der Erstligaabsteiger SC Freiburg den direkten Wiederaufstieg anstrebt.

Und wir wissen nicht, ob nicht vielleicht auch noch der Bundesliga-Dino Hamburger SV am Böllenfalltor anzutreten hat. Doch da hat eine Hamburger Zeitung neulich die großartige Formel geprägt: "Der HSV kann nichts - nicht einmal absteigen!"

Das ähnelt dem Humor des Darmstädter Abwehrchefs Aytac Sulu, der seinem Trainer Dirk Schuster unter Alkoholeinfluss vorgeworfen hat, dass er nie mal das Saisonziel erreiche: Klassenverbleib. Das müsse in der Bundesliga besser werden.