Rehberg: Dank Nicolai Müller tickt die Uhr im...

Die Hamburger Spieler jubeln über den 2:1-Sieg gegen Karlsruhe. Foto: dpa

In letzter Sekunde dem Abstieg in die Zweite Liga von der Schippe gesprungen. Nicolai Müller hat dem Hamburger SV mit seinem 2:1-Siegtor in der Verlängerung dem HSV die 53....

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. Nicolai Müller. Das war der Held im Karlsruher Stadion. Nicolai Müller hat dem Hamburger SV mit seinem 2:1-Siegtor in der Verlängerung dem HSV die 52. Bundesligasaison beschert. Die Uhr im Volksparkstadion tickt weiter.

Nicolai Müller. Im vergangenen Sommer war der Stürmer von den 05ern weitergezogen in den hohen Norden, er wollte sich sportlich und finanziell verbessern. Was hat der 27-Jährige erlebt? Eine Chaos-Saison des Klubs mit vier Trainern, zwei Sportdirektoren und miserablen strategischen Entscheidungen und desolaten sportlichen Leistungen. Und Müller persönlich? Ein Tor am 6. Spieltag beim 1:2 gegen die Frankfurter Eintracht, schwache Form, nie ein Leistungsträger, in der Rückrunde verletzt und Ersatzspieler. Und nun der Star im zweiten Relegationsspiel.

Bis in die frühen Morgenstunden gefeiert

In letzter Sekunde dem Abstieg in die Zweite Liga von der Schippe gesprungen. Wie im Vorjahr. Bis in die frühen Morgenstunden hat der HSV diesen "Erfolg" gefeiert. Stolz twitterten Vorstandsboss Dietmar Beiersdorfer und Trainer Bruno Labbadia ein Foto von ihrer Jubelparty in einer Hamburger Szenekneipe. Die Freude sei den Hamburgern gegönnt. Dieser Klub scheint tatsächlich unabsteigbar.

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Ist das gerecht? Diese Frage stellt sich nicht im Fußball. Das eine Tor mehr entscheidet. Das hat der HSV geschossen. Und nicht der 120 Minuten tapfer kämpfende Karlsruher SC, der beim 1:1 im Hinspiel zweimal an die Latte geschossen hatte und die bessere Mannschaft war. Im Rückspiel war der HSV die stärkere Elf. Aber ohne Schiedsrichter Manuel Gräfe aus Berlin hätte der KSC nicht so viele Tränen vergießen müssen.

Freistoßentscheidung war falsch

Die Freistoßentscheidung vor dem rettenden 1:1 nach 89 Minuten und 32 Sekunden war falsch. Handspiel? Der Karlsruher Abwehrspieler drehte sich mit dem Rücken in die Schussbahn, getroffen wurde er am Ellbogen seines angewinkelten, eng am Körper anliegenden linken Arms. Absichtliche Verbreiterung der Körperfläche? Nein, definitiv nicht. Das hätte Gräfe nicht als Handspiel pfeifen dürfen. Das war eine krasse Fehlentscheidung. Da hat sich der Schiri womöglich von den wilden Reklamationen der mit zwei Beinen schon in der Zweiten Liga stehenden HSV-Profis beeinflussen lassen. Eine banale Fehlentscheidung mit gewaltiger Wirkung hat die Hamburger im großen Rennen gehalten.

HSV hat das Glück gepachtet

Diese Gerechtigkeitsdiskussionen führen nicht weiter. Der HSV hat das Glück gepachtet. Aber wenn man sich anschaut, was da eine Weltstadt mit einem großen Klub mit einem 50-Millionen-Kader aus den gegebenen Möglichkeiten macht, dann sagt das Fußballherz: Der mit kleinem Geld operierende KSC, der aus sehr wenig sehr viel gemacht hat in dieser Saison, hätte den Aufstieg verdient gehabt. Weil die Klubführung über 12 Monate besser gearbeitet hat, weil der Trainer Markus Kauczinski besser gearbeitet hat, weil die Mannschaft besser gearbeitet hat. Besser als all die hoch bezahlten Leute beim hoch verschuldeten HSV.

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Anerkennen muss man die leidenschaftliche Leistung von Bruno Labbadia in den vergangenen sechs Wochen. Der HSV-Retter hat den letzten Tropfen Sprit, die letzten Anzeichen von Willen und Moral herausgepresst aus diesem Kader mit diesen vielen merkwürdig uninspirierten Spielern, die ihr Engagement erst steigern, wenn ihnen das Wasser schon Unterkante Oberlippe steht.

Schaut man dann noch zurück auf jenen 2:1-Sieg des HSV am viertletzten Spieltag in Mainz, als diese Mannschaft eigentlich überhaupt nicht genug für einen Drei-Punkte-Erfolg getan hatte nach der schweren Verletzung von Elkin Soto, dann darf man für die Entscheidungsphase insgesamt konstatieren: Glück gehabt - und dieses Glück hat nicht immer der Tüchtigere.

KSC kann sich ein Beispiel nehmen an den 05ern zwischen 2002 und 2004

Fazit: Die Ex-05er Nicolai Müller, Zsoltan Stieber und Lewis Holtby bleiben Bundesligaspieler - aber ob das Spaß macht in Hamburg und ob das ihrer sportlichen Entwicklung einen Impuls gibt, das steht auf einem ganz anderen Blatt.

Der KSC kann sich ein Beispiel nehmen an den 05ern zwischen 2002 und 2004: Scheitern heißt nicht, dass man es nicht immer wieder neu versuchen sollte. Und wir erinnern uns noch mal an den 05-Aufstieg 2004 nach zwei unglücklich verpassten Chancen in den Vorjahren: Am letzten Spieltag 2003/04 profitierten die Mainzer davon, dass der im Abstiegskampf bereits gerettete KSC den 05-Auftsiegskonkurrenten Alemannia Aachen mit 1:0 bezwang. Irgendwann können auch die heute trauernden Karlsruher mal das nötige Glück haben.