Rehberg: Comeback-Gelegenheit gegen Frankfurt

Mainz 05-Trainer Martin Schmidt. Foto: dpa

Dramatische Niederlagen können einen Effekt haben. Niederlagen wie die der Dortmunder in Liverpool, die der Bayern gegen Manchester United im Champions League-Finale 1999 oder...

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. Dramatische Niederlagen können einen Effekt haben. Diese besonderen Niederlagen können eine Mannschaft sogar wachsen lassen, stärker machen. Wenn gemeinschaftlich das Gefühl entsteht: Wir waren kein hemmungslos unterlegenes Opfer, wir haben uns nicht fahrlässig gehen lassen, wir hatten auch nicht nur Pech - sondern wir haben schlicht und einfach Warnsignale übersehen und Fehler gemacht. Das ist die Geschichte der 05er beim 2:3 gegen den 1. FC Köln. 2:0 geführt – und nach dem Anschlusstreffer komplett die Beziehung verloren zur Seele des eigenen Spiels.

Es gehört zum Wesen des Leistungssports, gemachte Fehler nicht beliebig zu wiederholen. Dazu gehört es, eine solche Niederlage nicht abzutun nach dem beliebten Floskelmotto: „Wir müssen jetzt nach vorne schauen.“ Ein verschenktes 2:0 tut weh, den Schmerz muss man spüren, dann lenkt dieses Erlebnis eher auf die Bahn: „Das ist ein extrem schuftiges Gefühl, das wollen wir definitiv nicht noch mal haben.“ Dann ist die Phase der Selbstbemitleidung schnell beendet und die Mannschaft ist wach für die Fehleranalyse und noch wacher für Problemlösungen. Und dann spricht wenig dagegen, nach dem Niederschlag sofort wieder aufzustehen.

Diese Chance haben die 05er. Am kommenden Sonntag. In Frankfurt. In einem hoch brisanten Derby. In einer Situation, in der die am Abgrund stehende, offen ihre Abstiegsängste kommunizierende Eintracht im eigenen Haus zu einem Drei-Punkte-Erfolg fast schon verdammt ist. Spannend zu beobachten, was Martin Schmidt und seine Spieler aus dieser – natürlich nicht einfachen - Comeback-Gelegenheit machen. Was dafür zu tun ist, das weiß der Trainer, das wissen die Spieler: Viel rennen, schnell rennen, oft schnell rennen, gut organisiert und eng verteidigen, giftig Zweikämpfe führen, Bälle erobern, offensive Umschaltüberfälle starten, nie nachlassen in der Erfolgsleidenschaft, Willen zeigen, vom Spielverlauf nicht auf eine falsche Fährte locken lassen.

Kindergarten-Weisheiten

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Klingt banal, aber der Gedanke ist nicht abwegig: Die 05er haben wenig Erfahrung darin, wie man mit einer 2:0-Führung umgeht. In der Theorie ist das einfach, das kann man in jedem Lehrbuch nachschlagen. In der Praxis gibt es Momente, in der die Gedanken, die Gefühle und das eigene Spiel aus den Fugen geraten. Siehe das 3:4 von Borussia Dortmund in Liverpool nach einer vermeintlich entscheidenden 3:1-Führung zu Beginn der zweiten Halbzeit. Das ist sogar einer Mannschaft passiert, in der Spieler Weltmeister sind, Deutscher Meister waren und auch schon Champions-League-Finalist.

Der Bezahlsender Sky hat behauptet, Mainz 05 komme mit der gestiegenen Erwartungshaltung nicht klar. Das sind Kindergarten-Weisheiten. Martin Schmidt hatte den Verdacht, seine Spieler hätten sich beim Stand von 2:0 von den Publikumsgesängen in der Coface Arena dazu verführen lassen, Rechnungen anzustellen über die neue Blitztabelle. Das ist auch nicht wahrscheinlich. Diese Mannschaft steckt in einem Entwicklungsprozess. Der beinhaltet: Umgang mit Erfolg, Umgang mit Gegnern, die sich inzwischen intensiv damit beschäftigen, wie man die Mainzer Stärken sehr gezielt limitieren bis ausschalten kann. Eine Mentalität, wie sie der FC Bayern in der Pep-Guardiola-Epoche aufgebaut hat in diesen Situationen, fällt nicht vom Himmel.

Und davon abgesehen: Besser besetzte und wesentlich teurer zusammengestellte Mannschaften wie jene von Borussia Mönchengladbach oder vom FC Schalke 04 haben nach 30 Spieltagen nicht einen Punkt mehr auf dem Konto als die 05er. Was dazu führt, dass bei diesen beiden Konkurrenten längst die Trainer in die Diskussion geraten sind. Das wäre in Mainz undenkbar. Wobei es schon kurios ist, dass sich der 05-Manager nebenbei auch noch um das Getöse auf Schalke kümmern muss. Da poltert S04-Manager Horst Heldt, sein ab dem 1. Juli verantwortlicher Nachfolger Christian Heidel solle endlich mal die Klappe halten, er solle sich nicht ständig zu seinem neuen Arbeitgeber äußern. Was sich darauf bezieht, dass Heidel mit hoher Wahrscheinlichkeit einen neuen Fußballlehrer nach Gelsenkirchen holen wird.

Heldt ist beleidigt

Warum wird Heldt in Schalke abgelöst? Unter anderem deshalb, weil der Ex-Profi bei der Trainerauswahl häufig daneben gelegen hat. Dass Heidel für seinen Start auf Schalke das beansprucht, was ihn am Bruchweg zum Erfolgsfaktor gemacht hat, nämlich Situationen zu bewerten mit analytischem Denken und mit dem Instinkt für notwendige Veränderungen in der Leitung einer Mannschaft, das versteht sich von selbst. Heidel wird künftig auf Schalke ausschließlich am Erfolg gemessen, also wird er den Trainer installieren, der seine Wahl ist, der sein Vertrauen hat, der ihm und dem Klub die größte Erfolgswahrscheinlichkeit bietet. Das ist nicht André Breitenreiter. Das ist Markus Weinzierl. Ein aufstrebender Fachmann mit Charisma, der einen ähnlichen Weg gehen kann wie Jürgen Klopp und Thomas Tuchel. Bis zum 1. Juli kann Heidel auf diesem schnelllebigen Markt mit dieser seiner wichtigsten Personalentscheidung nicht warten.

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Warum Clemens Tönnies, der Schalker Klubboss, den von ihm abgesägten Heldt nicht entschieden zurückpfeift, das ist nicht nachvollziehbar. Heldt ist beleidigt. Diese Gefühlslage lebt der rhetorisch nur bedingt begabte Manager bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor Fernsehkameras ungebremst aus. Diese Außendarstellung eines Klub-Verantwortlichen in den letzten Wochen seines Wirkens ist gewöhnungsbedürftig. Die Unruhe auf Schalke ist spürbar. Dass Heidel bis zum Saisonende auch noch den direkten Tabellenkonkurrenten anleitet, das ist eine dieser ganz besonderen Bundesligageschichten.