Rehberg-Blog: Duell aus der Recycling-Abteilung

Szene aus dem Hinspiel in der Coface Arena: Franco di Santo trifft per Elfmeter gegen Loris Karius. Archivfoto: Sascha Kopp

In Bremen treffen am Samstag zwei Trainer-Modelle aus der Recycling-Abteilung aufeinander. Mit recht ähnlichen, die jeweiligen Fans begeisternden Ansätzen. Laufbereitschaft,...

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. Selbst am Donnerstag nach der Pressekonferenz in der Coface Arena waren sich noch nicht alle Journalisten einig: Davie Selke zu RB Leipzig - Aprilscherz oder bizarre Realität? Ein Kollege hatte bis dahin schon mitbekommen: Ralf Rangnick habe vor der Sky-Kamera auch schon die Spekulationen eröffnet über ein Werben des Zweitligisten um den Hoffenheimer Nationalspieler Kevin Volland. Okay, und weil man weiß, dass der ehrgeizige Manager des Brauseklubs eher selten Anflüge von Humor zeigt, pendelte sich beim Rauchertreffen am Coface-Rasen die Überzeugung ein: RB meint es ernst.

Davie Selke wechselt also tatsächlich im Sommer vom SV Werder Bremen zu RB Leipzig. Acht Millionen Euro Ablöse sollen fließen, das Gehalt des Talents soll sich vervierfachen. Ein 20 Jahre alter Mittelstürmer, ein Bundesligastammspieler, den Jogi Löw schon als baldigen Nachfolger von Miroslav Klose auf dem Zettel hat, verändert sich ohne existenzielle Not zu einem Zweitligisten. Da hat die Brausekohle einem jungen Kerl Flügel verliehen.

Seit dieser Meldung ergießt sich über dem in Schorndorf nahe Stuttgart aufgewachsenen Talent in den Werder-Foren ein Shitstorm: Wer immer fühlt, dass er im Leben zu kurz gekommen ist, lädt jetzt durch und seinen Frust ab. Der Klub stellt dem extrem selbstbewussten und rhetorisch nicht unbegabten Kerl inzwischen einen Bodyguard zur Seite. Ob Selke in Bremen noch unbelastet Fußball spielen kann? Die Atmosphäre im Werder-Stadion wird darüber Auskunft geben an diesem Samstag in der Partie gegen die 05er.

Schwerstarbeit für 05-Abwehr

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Davie Selke, 20 Jahre alt, 1,92 Meter groß, schnell, beweglich, torgefährlich, sechs Saisontreffer. Ein Mittelstürmer, der im vergangenen Sommer die deutsche U19-Nationalmannschaft zum Europameistertitel geschossen hat mit seinem 1:0-Siegtor im Finale gegen Portugal. Bei jenem Turnier in Ungarn war Selke der Torschützenkönig mit sechs Treffern, womit er den Turnierrekord von Alavaro Morata, der gerade bei Juventus Turin und in der spanischen Nationalmannschaft durchstartet, eingestellt hat.

Da wird Schwerstarbeit zukommen auf die Mainzer Abwehr. Nahezu die gesamte Liga fahndet nach Mittelstürmern der klassischen Bauweise, groß, technisch begabt, beweglich, torgefährlich am Boden und in der Luft. Und Werder hat gleich zwei davon in der Startelf. Denn da ist ja auch noch der 1,93 Meter große Argentinier Franco di Santo, den der FC Chelsea mal den Blackburn Rovers abgekauft und dann zügig zu Wigan Athletic weiterverliehen hat. 12 Treffer hat der 25 Jahre alte Funkturm schon markiert in dieser Saison, zwei davon Anfang November in Mainz, als Viktor Skripnik sein Cheftrainerdebüt feierte mit einem glücklichen 2:1-Erfolg in der Coface Arena. Die 05-Bodyguards Nico Bungert und Stefan Bell werden einen sehr guten Tag erwischen müssen gegen di Santo und Selke.

Was macht Baumgartlinger?

Interessant wird auch der Mittelfeldvergleich zwischen Zlatko Junuzovic und Julian Baumgartlinger. Der Zehner und der Sechser kennen sich bestens aus der österreichischen Nationalmannschaft. Beide sind 27 Jahre alt, beide haben auch schon (2009/10 und 2010/11) bei Austria Wien miteinander gekickt. Kürzlich hat Junuzovic seinen Vertrag in Bremen verlängert, trotz weitaus lukrativerer Angebote aus dem Ausland. Die Begründung des Freistoßkünstlers: "In Bremen habe ich mir etwas aufgebaut, ich fühle mich hier wohl, ich spüre das Vertrauen des Klubs und die Rückendeckung durch die Fans." Das seien gute Argumente gegen das Klischee, "dass Fußballer wechseln, sobald es irgendwo mehr Geld gibt", erklärte Junuzovic - und wir wissen nicht, ob Davie Selke da zufällig in der Nähe stand.

Und was macht Julian Baumgartlinger? Auch der Dauerläufer und aggressive Balleroberer, ein anerkannter Führungsspieler, dessen Wort Gewicht hat in der Kabine, hat sich in Mainz etwas aufgebaut, er fühlt sich wohl, er spürt das Vertrauen des Klubs und die Rückendeckung durch die Fans. Sein Vertrag am Bruchweg läuft im Sommer aus. Andere Klub bieten mehr an Salär, zum Beispiel Hannover 96.

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Baumgartlinger zögert seine Entscheidung noch hinaus. Daran würde wohl auch ein Sieg in Bremen nichts ändern. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Mainz 05 auch in der nächsten Saison Bundesliga spielt, wäre dann hoch. Und Baumgartlinger hätte zumindest ein weiteres Argument, sich für eine Verlängerung in Mainz zu entscheiden.

Vereinsinterne Trainerlösung mit Erfolg

Andreas Herzog, heute in den USA Assistent von Jürgen Klinsmann und Trainer der Olympiaauswahl, wechselte einst nach drei Jahren in Bremen zum FC Bayern. Dort rüttelte ihn Oliver Kahn mal mächtig durch, nach einer Saison flüchtete der Spielmacher zurück an die Weser. Dort hängte der Österreicher noch mal sechs Jahre dran. "Auch ich brauchte den Wohlfühleffekt, den dir Geld nicht ersetzen kann", sagt Herzog. "Junuzovic hat alles richtig gemacht." Wir gehen davon aus, dass Baumgartlinger nicht zufällig in der Nähe stand.

In Bremen herrscht wieder Fußballbegeisterung. Im Stadion toben die Anhänger, in der Stadt wehen die Fahnen an den Fenstersimsen, die gesamte Region ist wieder aufgewacht. Viktor Skripnik hat Ende Oktober vom erfolgslosen Robin Dutt einen Tabellenletzten übernommen, er hat danach in 18 Spielen 30 Punkte eingefahren und die Abstiegsnot zum Teufel geschickt. Skripnik, bis dahin Coach des U23-Teams von Werder, gilt inzwischen als Königsweg. Ähnlich gut ist das gelaufen in Mainz, wo der bisherige U23-Trainer Martin Schmidt als Nachfolger von Profichef Kasper Hjulmand die Erwartungen erfüllt, vielleicht sogar übertroffen hat.

Warum hat diese vereinsinterne Lösung in diesen beiden Klubs aus dem Stand heraus funktioniert? Weil die beiden ausgewiesenen Fachleute aus der Nachwuchsabteilung auf Inhalte zurückgreifen konnten, die in ihren Vereinen tief verankert, die einigen Spielern im Kader noch bekannt waren, die in einer früheren Ära schon mal als Erfolgsmodell gedient haben. Diese fußballerischen Prinzipien und diese mentale/emotionale Herangehensweise aus den Zeiten unter Thomas Schaaf und Thomas Tuchel haben sich in sehr kurzer Zeit reaktivieren, neu mobilisieren lassen. Skripnik und Schmidt waren mit diesem System vertraut, beide waren sehr gut eingearbeitet und beide sind zudem voll überzeugt von den "alten" Konzepten.

Zwei Modelle aus der Recycling-Abteilung

Diese Basis hatte ein Joe Zinnbauer beim Hamburger SV nicht. Der ehemalige 05-Zweitligastürmer wurde als erfolgreicher U23-Coach auf den Chefsessel gesetzt, und dort war nach diversen Trainerwechseln inhaltlich wenig bis nichts, worauf er einen Neustart hätte gründen können.

In Bremen treffen nun zwei Modelle aus der Recycling-Abteilung aufeinander. Mit recht ähnlichen, die jeweiligen Fans begeisternden Ansätzen. Laufbereitschaft, Zweikampfgetöse, gute Defensivorganisation, Tempo, offensive Umschaltwucht. Skripnik hatte sein Startspiel noch gegen den dänischen Ballbesitzenthusiasten Hjulmand gewonnen. Der Schweizer Schmidt wird andere Antworten finden auf Skripniks Powerfußball in der von Schaaf etablierten Rautenanordnung im Mittelfeld.