Rehberg: Bells Abräumarbeiten - 05er schwer zu bezwingen

05-Verteidiger Stefan Bell (links) im Duell mit  Bremens Franco Di Santo. Foto: dpa

Vorne zwei riesige Chancen zum Führungstor, hinten ein überragender Innenverteidiger Stefan Bell - nur zwei Aspekte des gelungenen Auswärtsspiels von Mainz 05 bei Werder...

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. Hätten beide Mannschaften, die mit sehr ähnlichen Konzepten aufeinander losgegangen sind, 100 Prozent ihrer absoluten Toptorchancen genutzt, dann hätte das Endergebnis 2:2 gelautet. Und da sich diese totale Offensiveffizienz im Fußball eher selten ereignet, ist dann eben auch ein 0:0 mal ein logisches Resultat. Das sich für die Mainzer dahin gehend interpretieren lässt: Die gut organisierte und kampfstarke Elf von Martin Schmidt bleibt in diesem Abstiegskampf sehr stabil ein schwer zu bezwingender Gegner.

Härte bis an die Grenze

Werder Bremen, munter und selbstbewusst nach erfolgreichen Wochen, hat alles versucht. Aggressivität und Härte bis an die Grenzen der Regelauslegung, Druckphasen, Tempoüberfälle über die Flügel plus gefährliche Standards mit den vier Riesen Yannik Vestergaard (1,97), Sebastian Prödl (1,92), Franco die Santo (1,93) und Davie Selke (1,92) im gegnerischen Strafraum. Das alles haben die 05er extrem fleißig, aufmerksam, clever, giftig-konsequent und überwiegend nach vorne orientiert verteidigt. In einer glänzenden Raumaufteilung. Die Bremer sahen nicht viel Licht im Mainzer Strafraum.

Wenn vor gut einem Jahr ein Experte prophezeit hätte, dass Stefan Bell mal ein derart selbstbewusster, fehlerfreier, abgeklärter, in der Luft und am Boden souveräner, sich in Bedrängnis spielerisch befreiender und präzise die Spieleröffnung betreibender Abwehrchef wird, wie das auch an diesem Ostersamstag im Weserstadion wieder der Fall war, dann hätte man wahrscheinlich starke Zweifel angemeldet.

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Keine Abschlussszene für die Hünen

Bell hat es geschafft. In der frühen Jugend aktiv bei der TuS Mayen in der Eifel, ab der U17 ausgebildet am Bruchweg, später zweimal ausgeliehen in die Zweite Liga - heute im Alter von 23 Jahren einer der besten Innenverteidiger in der Bundesliga. Der überragende Bell und sein Nebenmann Niko Bungert hielten im Zentrum den Laden zusammen in den schwierigen Momenten dieser lebendigen, hoch intensiven Kampfpartie. Die Bremer Sturmhünen di Santo und Selke (in der 62. Minute unter sanften Pfiffen ausgewechselt) hatten nicht eine einzige Abschlussszene.

Die 05er hätten diese Partie gewinnen können. In ihren besseren Phasen in beiden Halbzeiten hatte die Schmidt-Elf spielerisch die bessere Qualität als Werder über die gesamte Spielzeit. Die Gastgeber waren insgesamt wuchtiger in der Offensive. Die 05er waren zwischen der 25. und 45. Minute sowie in der ersten Viertelstunde nach der Pause und in der Schlussphase pfiffiger, zielstrebiger, in der Offensive individuell stärker. Immer wenn es den Mainzern gelang, die Kugel am Boden zu halten und schnell zu machen, dann roch es nach Auswärtssieg. Wenn die 05er das Spielgerät lang und hoch über die Werder-Pressingmaschinerie hinweg schlugen, dann gab es vorne gegen die Kopfballüberlegenheit von Vestergaard und Prödl wenig zu holen, auch nicht im Kampf um die zweiten Bälle. In diesen Phasen waren die Bremer dominanter. Aber nicht torgefährlicher.

Koos Pass eröffnet Malli die Führungschance

Die 05er hatten zwei überragende Chancen zum Führungstor. Da war der starke Tiefenpass von Ja-Cheol Koo, der Yunus Malli iner hervorragenden Position mit dem Gesicht zum Tor davonziehen ließ. Malli hat die technischen Fähigkeiten für einen Heber über den Keeper hinweg, er entschied sich dafür, Raphael Wolf in höchstem Tempo auszuspielen. Der Winkel wurde spitz, Vestergaard grätschte, Mallis Abschluss landete im kurzen Eck im Außennetz. Nach der Pause flankte der leichtfüßige Umschaltzehner Malli auf Koo, dessen freien Kopfball aus sieben Metern Entfernung Wolf im Sprung parierte. Hätte Shinji Okazaki in diesem Moment an dieser Stelle gestanden, der Torjäger hätte wahrscheinlich mehr Druck hinter das Ei bekommen als der nicht als Kopfballspezialist ausgewiesene Koreaner.

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Die Bremer Topchance für Levent Aycicek aus kurzer Entfernung blockte der sich breit machende Loris Karius, eine Klasseaktion des 05-Keepers. Den Matchball in der Nachspielzeit vergab Fin Bartels im Strafraum mit einem Schlenzer knapp am Kasten vorbei. Den Standardspezialisten Zlatko Junuzovic stellte Viktor Skripnik erst nach einer guten Stunde aufs Feld. Ein halbes Dutzend seitlicher Freistöße des - zunächst wegen Müdigkeit geschonten - Österreichers verteidigten die 05er extrem konzentriert. Und immer wieder hatte Stefan Bell, der einzige 1,90-Meter-Mann im Team, seinen Schädel am Ball gegen die Bremer Riesen.

Schwächen in der Passauswahl

Die aggressive Vorwärtsverteidigung entfaltete ihre Wirkung, die 05er hielten den Gegner überwiegend von ihrem Strafraum fern. In der offensiven Umschaltung hatten Johannes Geis und Julian Baumgartlinger im Mittelfeldzentrum zuweilen Schwächen in der Passauswahl. Der junge Stratege Geis streute seine Anspiele manchmal lang und unpräzise, wenn ein kurzer Zwischenpass angebracht gewesen wäre. Der routinierte Dauerläufer und Balleroberer Baumgartlinger spielte zu oft quer und zurück, statt sich aufzudrehen und konsequent die offenen Räume zu nutzen für eine Spielbeschleunigung. Da ließen die 05er Kontermöglichkeiten liegen.

Ein gutes Mittel waren schnelle diagonale Seitenwechsel gegen die Verschieberichtung der Bremer Pressingabläufe. Doch da zeigte sich, dass Pablo de Blasis und Koo an den Flügeln nicht unbedingt die Spezialisten sind für die vertikalen Sprints in die Tiefe. Der für Koo eingewechselte Pierre Bengtsson, eigentlich ein Offensivverteidiger, zeigte in dieser Rolle gute Ansätze in der Schlussviertelstunde. Bemerkenswert war die imponierende Malocherleistung des von Nationalmannschaftseinsätzen und weiten Reisen gestressten Okazaki.

Unterm Strich haben die Mainzer mit diesem 0:0 ihren Vorsprung auf den Abstiegsrelegationsplatz von fünf auf sechs Punkte ausgebaut. Damit lässt sich in Ruhe das Osterfest feiern. Für Entspannung ist es noch zu früh. Das Überfallkommando aus Leverkusen, das den HSV mit dem neuen Trainer Peter Knäbel in seine Einzelteile zerlegt hat, wird wieder eine hohe Hürde im kommenden Heimspiel.