Rehberg: Beispiel Hannover 96 - Siege verleihen Flügel

Jubel in Hannover. Foto: dpa

Die Bedeutung von Startsiegen kann man gar nicht überschätzen. Schauen wir auf Hannover 96. Zweiter Platz nach vier Bundesliga-Spieltagen. Zehn von zwölf möglichen Zählern...

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. Es geht hier gar nicht darum, ob das nur eine Momentaufnahme ist, ob die Hannoveraner eventuell ein wenig überbewertet sind, ob sie am Ende vielleicht nur Zehnter werden und froh sind, nicht in den Abstiegskampf abgerutscht zu sein. Die Pseudoexperten, Mahner und Zukunftsseher werden das in absehbarer Zeit - nach den ersten beiden Niederlagen der Niedersachsen - sowieso schon alles vorher gewusst haben.

Alles begann in der Opel Arena

Interessanter ist der Blick darauf, wie das alles begonnen hat. Erster Spieltag. Tatort Opel Arena. Die Mainzer rennen dem Aufsteiger 45 Minuten lang die Bude ein. Hannover 96, das bis dahin nur von seinem famosen Torhüter Philipp Tschauner gelebt hat? Nicht ein einziger zu Ende gebrachter Spielzug, nicht ein einziger Torschuss. Am Ende gewinnt das Bollwerk von Trainer André Breitenreiter mit 1:0. Auf der Basis von exakt zwei Konterbewegungen in der zweiten Halbzeit. Neutrale Beobachter auf der Tribüne haben sich gefragt: Wie will diese Fußball GmbH mit dem ungeliebten „Kind im Ohr“ in dieser Saison überleben? Hinten massiert verteidigen, im Mittelfeld viel rennen und alles zustellen - und vorne hilft die Glücksgöttin?

Die „Sorgen“ um den Altkanzler-Klub hatten keine Berechtigung. Dieser Sieg in Mainz hat den 96ern einen enormen Aufwind unter die Flügel geblasen. Da entstand Vertrauen in die Selbstwirksamkeit: Das, was wir können und was wir tun, bringt ein Ergebnis. Das Signal für die Mannschaft: Wir müssen dafür nicht mal überragend gut spielen – und was passiert, wenn wir erst mal noch ein wenig besser nach vorne spielen? Das gelang dann beim folgenden 1:0 gegen Schalke 04. Und das Breitenreiter-Team hatte schon zwei Hürden genommen: Der erste Auswärtssieg, der erste Heimsieg. Jeweils ohne Gegentor. Seitdem sitzen die Hannoveraner auf einem fliegenden Teppich.

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Auch individuell. Martin Harnik. Das ist ein schneller und laufstarker, aber technisch überschaubar befähigter Stürmer, der in Mainz einen einzigen Torschuss angebracht hat. Der war drin. Inzwischen hat der Österreicher, den sie in Stuttgart nicht mehr haben wollten, drei Treffer stehen. Und es ist absehbar, dass das noch einige Zeit so weitergeht. Dieses Gefühl ist unersetzlich: Ich muss da vorne nur permanent unterwegs sein, viel gelingen muss mir nicht, irgendwann fällt mir im Fünfmeterraum die Kugel vor die Flossen. Das klingt jetzt sehr simpel. Aber Stürmer leben von diesem Gefühl.

Cordobas Zutrauen schwindet

Jhon Cordoba rackert sich in Köln ab, er schuftet wie ein Ackergaul, aber das erste Bundesligator im Geißbock-Hemd will ihm einfach nicht gelingen. Die Unzufriedenheit wächst, das Zutrauen in die eigenen Abschlussfähigkeiten und in das Glück, im richtigen Moment am richtigen Flecken Rasen zu stehen, schwindet immer mehr. Und dann sitzt der Spieler irgendwann nur noch wartend auf der Bahnhofsbank mit dem Gedanken im Kopf, der Zug könnte schon längst durchgerast sein. Harnik ist von der Emotion beseelt: Der nächste Apfel fällt schon vom Baum – und dann muss ich nur die Rübe hinhalten oder das Teil mit der Hacke reinschieben. Stürmer von Harniks fußballerischer Qualität gibt es in der Bundesliga locker ein Dutzend und mehr – aber nur der Hannoveraner Abstauber trifft gerade regelmäßig.

Von einem gelungenen Saisonstart kann man zuweilen sehr lange leben. Was im Umkehrschluss heißt: An einem nicht so gelungenen Saisonstart hat eine Mannschaft - mit nicht minderem Potenzial als Hannover 96 - zuweilen ähnlich lang zu knabbern. Weil sich das Vertrauen in die Wirksamkeit des eigenen Könnens und Schaffens nur schleppend einstellt. Und das macht dann an Weihnachten nicht selten den Unterschied aus zwischen Rang sechs und Rang 16.