Rehberg: Beim FC Bayern wächst der Glaube an die Mission

Achtelfinal-Rückspiel zwischen Bayern München und Juventus Turin in Allianz Arena: Douglas Costa (rechts) und der Turiner Roberto Pereyra kämpfen um den Ball. Thiago versucht seinem Mannschaftskollegen zu Hilfe zu kommen. Foto: dpa

Wer den Fußball liebt, wer taktisch, spielerisch und kämpferisch hochwertige Fußballspektakel liebt, der war am Mittwochabend beim 4:2-Sieg von Bayern München genau richtig....

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. Pep Guardiola will, dass seine Mannschaften Kontrolle ausüben. Die Räume in der gegnerischen Spielhälfte müssen kontrolliert werden, die eigene Ballzirkulation muss Kontrolle haben und Kontrolle ausüben, die gegnerischen Konter müssen kontrolliert werden. Der spanische Welttrainer ist ein Perfektions- und Kontrollfreak. Und dann kommt ein Fußballlehrer wie Massimiliano Allegri und lässt dieses Kontrollsystem detonieren. Herausgekommen ist dabei ein faszinierendes Duell zwischen dem FC Bayern München und Juventus Turin im Achtelfinale der Champions League. 2:0 führten die „Alte Dame“ aus Italien zur Halbzeit. Nach taktisch hochklassigen, spannenden, phasenweise hoch dramatischen 120 Minuten zog der Deutsche Meister mit einem 4:2-Sieg in das Viertelfinale ein. Eine Hymne auf den Fußball. Auf höchstem Niveau. Inklusive aller Fehler, die sich beide Teams gegenseitig aufgenötigt haben.

Massimiliano Allegri, geboren in Livorno, einst nur ein durchschnittlicher Serie-A-Profi, hat sich als Trainer über kleine Klubs wie Aglianese Calcio, SPAL Ferrara, US Grosseto und US Sassuolo Calcio nach oben gearbeitet in die Erste Liga zu Cagliari Calcio und den AC Mailand. Allegri hat an diesem rauschenden Mittwochabend in der Allianz-Arena den spanischen Welttrainer herausgefordert. Der Stratege Allegri verordnete seiner stark ersatzgeschwächten Elf eine mutige Spielweise, die den hohen Favoriten irritierte, extrem behinderte, aus dem Konzept brachte. Das Guardiola-Programm stürzte in der ersten Halbzeit ab. 3:0 hätten die Turiner führen können, vielleicht sogar müssen. Die Bayern waren darauf eingestellt, sich gemütlich in ihrer gewohnten Dominanz über Ballbesitzterror einzurichten. Doch Juventus ließ das nicht zu.

Antwort erst nach einer Stunde gefunden

Angriffspressing. Die Italiener stellten schon am gegnerischen Strafraum die Räume und die Passwege zu. Aggressiv. Dahinter schob der gesamte Laden nach vorne nach, jeder potenzielle Passempfänger der Bayern war markiert. Wo der Ball auch hinkam, ein Juve-Spieler preschte aus dem Defensivblock heraus und stach zu. Und aus den Balleroberungen feuerte Juve offensive Umschaltüberfälle ab. Mit Technik, Geschwindigkeit und permanent bedrohlicher Zielstrebigkeit. Und wenn die Bayern sich doch mal in der Turiner Hälfte festsetzten, dann verteidigten die Italiener rund um ihren Strafraum derart gut organisiert, im Zentrum engmaschig, überall extrem robust und an den Seitenlinien immer doppelt besetzt, dass dem FC Bayern nur eine einzige ernsthafte Abschlussaktion gelang. Italienische Verteidigungs- und Konterkunst. Getragen von einer den Gegner beeindruckenden Behauptungsmentalität. Gegen ein Bayern-Team, das mit seiner Notbesetzung im Abwehrzentrum wankte, nach vorne leicht verzweifelt nach Lösungen suchte, aber keine Antworten fand.

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Den Gegenschlüssel fand Guardiola erst nach gut einer Stunde. Mit der Einwechslung von Kingsley Coman. Das Antrittswunder aus Frankreich besetzte den rechten Flügel. Franck Ribery machte Druck am linken Flügel. Und damit wurde der Seitenliniensprinter Douglas Costa frei für die zentralen Räume. Von dort aus organisierte der Brasilianer den Umschwung. Mit atemberaubenden Tempodribblings in dicht besiedeltem Gelände, mit Fernschüssen, mit Flachpässen in den Strafraum, mit Flanken aus dem Halbfeld. Costa zeigte sich, er wollte den Ball haben, er riss die Initiative an sich – als die Bayern schon mit eineinhalb Beinen vor dem Aus standen. Der Offensivdruck nahm zu. Die älteren Herren in der Juve-Abwehr hatten Mühe, Organisation und Konzentration aufrechtzuerhalten. Die Kräfte schwanden. Zwei Kopfballtore gegen die eisenharten Stopperveteranen Leonardo Bonucci und Andrea Barzagli, das passiert eher selten. Aber Robert Lewandowski und Thomas Müller haben das Gen, ihre erste Topchance im Tor unterzubringen. Und sei es erst kurz vor Schluss - oder gar erst in der Nachspielzeit.

Imponierender Behauptungswille

In der Verlängerung lag das Momentum auf Seiten der Bayern. Thiagos 3:2, technisch brillant vorgelegt vom insgesamt technisch extrem fehlerhaften Müller. Das 4:2 durch den 20 Jahre alten Coman, ein unwiderstehlicher Konterzug, abgeschlossen im Stil von Arjen Robben. Doch die Turiner waren nie tot. Imponierend dieser Behauptungswille. Zwei fette Chancen zum 3:4. Das hätte diese denkwürdige Partie noch dramatischer werden lassen. An diesem Abend hat der Kontrollfreak Pep Guardiola auch das nötige Matchglück beansprucht. Und der als Taktikmeister auf Augenhöhe arbeitende Massimiliano Allegri hat gezeigt, dass das Guardiola-System verwundbar ist. In der Allianz-Arena gewonnen hat in dieser Saison bislang aber nur Martin Schmidt mit den 05ern…

Für die Bayern war dieses eruptive Ereignis wegweisend. Wer in einem Turnier mal erfolgreich durch die Hölle gegangen ist, der ist bereit für den Titel. Diese emotionsgeladenen Kampfbilder - auf dem Boden liegen und wieder aufstehen - setzen sich fest in den Köpfen der Spieler. Der Glaube an die Mission wächst. Ein großer Champions-League-Abend. Mit einem großen Verlierer. Wer den Fußball liebt, wer taktisch, spielerisch und kämpferisch hochwertige Fußballspektakel liebt, der war von beiden Mannschaften begeistert.