Rehberg: Anspruch und Wirklichkeit auf Schalke

Leon Goretzka wird Schalke 04 nicht mehr lange erhalten bleiben. Foto: dpa

Die Ansprüche in Gelsenkirchen sind hoch. Aber der Schalker Sportvorstand Christian Heidel, weiß, dass er seinem Chefcoach noch keinen Kader auf den Hof gestellt hat, mit dem...

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. Freitagabend in der Veltins Arena. Nur noch eine gute Stunde bis Mitternacht. Die Schalker haben Mainz 05 geschlagen. Das 2:0 war wenig gefährdet. Aber souverän sieht noch mal anders aus. Im Medienraum reden an einem Stehtisch sechs Journalisten, die regelmäßig über S04 berichten, wild gestikulierend aufeinander ein. Hömma, hömma, hömma…

Geht ja gar nicht anders. Man muss mal zuhören. Bei der Lautstärke. Fasst man die Fachdiskussion zusammen, dann kommt man zu dem Fazit: Schalke 04 steht in der Tabelle gut da, der junge Trainer kratzt Ergebnisse zusammen - aber die Schreiber sind unzufrieden mit der Spielweise. Stellvertretend ein „Hömma“-Zitat: „Dieser immer noch sündhaft teure Kader stellt nicht mehr als Mittelmaß dar. Und die Spielweise ist dann eben auch nur Mittelmaß.“

40-Millionen-Transfers funktionieren auch auf Schalke nicht

Und dann erhebt ein in Ehren ergrauter ehemaliger Sportressortleiter das Wort. „In aller Freundschaft...“ Das Ergebnis seiner Anklage: Christian Heidel könne ja machen was er will, die meisten Interviews mit dem Sportvorstand seien völlig unkritisch, da werde nicht nachgehakt, da werde nicht reingestochen, da werde der Manager überhaupt nicht herausgefordert, „Jungens, dat hättet ihr früher bei mir nicht durchbekommen...“

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Man sieht, die Ansprüche in Gelsenkirchen sind hoch. „Ja, ja“, sagt Heidel später in einer Mainzer Stehrunde. „Das ist nicht leicht hier.“ Trainer Domenico Tedesco sei ein überragender Fachmann, dessen Qualitäten Heidel „fast schon an Thomas Tuchel erinnern“. Aber der Schalker Sportvorstand, der die erfolgreiche Arbeit mit kleinem Geld einst in Mainz viele Jahre geübt hat, weiß, dass er seinem Chefcoach noch keinen Kader auf den Hof gestellt hat, mit dem sich ganz natürlich Champions-League-Ansprüche formulieren ließen. Trotz viel mehr Geld auf Schalke. Der Markt ist selbst dem wirtschaftlich gut ausgestatteten Gazprom-Klub davongaloppiert. 40-Millionen-Transfers mit Gehältern jenseits der zehn Millionen Euro im Jahr, „das können wir nicht“, erklärt Heidel.

Goretzka und Meyer werden sich wohl ablösefrei verabschieden

Dazu komme der Trend, dass immer mehr Spieler ihre Verträge in aller Ruhe auslaufen lassen. Dann können die Profis ablösefrei wechseln, und das treibe das Gehalt beim neuen Klub und/oder entsprechende Sonderzahlungen in exorbitante Höhen. Dem abgebenden Verein fehle dann die Kohle, einen adäquaten Ersatz besorgen zu können. Das könnte im kommenden Sommer auf Schalke passieren. Mit dem überragenden Nationalspieler Leon Goretzka. Heidel nannte den Namen nicht. Aber er nannte das Beispiel 1. FC Köln. Der habe ja für seinen nach China abgewanderten Torjäger Anthony Modeste noch einen sehr ordentlichen Betrag realisiert. Aber selbst für diese Summe sei es dem FC nicht möglich gewesen, einen neuen Mittelstürmer zu finden mit der Klasse des Franzosen.

Heidel hat sich damit abgefunden, dass auch Schalke 04 sich die besonderen Profis mit Tendenz zur internationalen Klasse „selbst ziehen“ muss. Eine Champions-League-Mannschaft zusammenkaufen? „Für uns nicht machbar.“ Sogar der junge Max Meyer – der Mittelfeldspieler hatte gegen die Mainzer einen guten Tag auf der für ihn ungewohnten Sechserposition – hat ein neues Vertragsangebot der Schalker abgelehnt. Das technisch hoch begabte, aber zum Phlegma neigende Talent aus dem eigenen Haus wird sich - mit einem internationalen Marktwert von sicher 20 Millionen - ablösefrei aus Gelsenkirchen verabschieden.

Schalke 04 ist national ein gehobener Weiterbildungs- und im internationalen Maßstab ein Ausbildungsverein. Auf diesem Weg muss sich auch S04 in der Bundesliga jeden Sieg hart, oft genug auch schmucklos erkämpfen. Und das entspricht offensichtlich nicht den Ansprüchen der lokalen Medien.