Rehberg: Analyse der Champions League-Spiele

Stürmer Cristiano Ronaldo im Bernabeu-Stadion neben dem Wolfsburger Spieler Dante. Foto: dpa

Die Halbfinalisten der Champions League stehen fest. Warum der VfL Wolfsburg ausgeschieden ist, obwohl Real Madrid nicht unbedingt eine Nummer zu groß war und warum der FC...

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. Der VfL Wolfsburg ist gescheitert im riesengroßen Bernabeu-Stadion. War Real Madrid also doch eine Nummer zu groß für den in der Bundesliga nur mittelprächtig aufspielenden Werksklub? Nicht unbedingt. Die Weltauswahl von Trainer Zinédine Zidane hat sich nicht in Topform präsentiert. Beim 0:2 in Wolfsburg schon mal gar nicht. Beim 3:0 im Rückspiel auch nicht. Auch der dreifache Torschütze Cristiano Ronaldo hat die Wolfsburger nicht aus den Schuhen gespielt. Der VfL hatte die Chance, ins Halbfinale der Champions League einzuziehen. Die Gegentore in Madrid entsprangen nicht vollendeten Spielzügen, die man manchmal gar nicht verteidigen kann. Und Real bot auch in der Defensive Räume an. Die Wolfsburger waren insbesondere in den 20 Minuten zwischen dem Treffer zum 0:2 und dem Pausenpfiff ein wehrhafter Gegner und gut im Spiel. Was fehlte, das war die Durchschlagskraft in der Endzone.

Die Wolfsburger Mängel hatten auch die 05er schon aufgedeckt beim jüngsten 1:1 in der VW-Arena. Die Mannschaft von Dieter Hecking hat Mühe, gegen einen aggressiv anlaufenden und/oder kompakt verteidigenden Gegner ein Spiel aufzuziehen, Torchancen herauszuspielen und dabei gegnerische Konter zu verhindern. Und der VfL hat mit Naldo und Dante zwei Innenverteidiger, die in größer werdenden Räumen Geschwindigkeitsprobleme haben und denen zuweilen im eigenen Strafraum die Konzentration flöten geht. Mit etwas Glück und mit einem hervorragenden Ersatztorwart Koen Casteels zwischen den Pfosten hat die Hecking-Elf gegen die Mainzer eine Heimniederlage verhindert. Im Bernabeu-Stadion haben sich die genannten Defizite nicht mehr kaschieren lassen. Obwohl Real keinen überragend guten Tag hatte. Spielmacher Toni Kroos hatte nicht die Passsicherheit aus den Länderspielen gegen England und Italien, die Stürmer Karim Benzema und Gareth Bale kamen nicht in Schwung - Real gewann letztlich mit einem Abstaubertor und zwei Standardtreffern. Dreimal Ronaldo. Der Star war da, als er gebraucht wurde. Auch das macht die Klasse des Portugiesen aus.

Guardiola hat die richtigen Gegenmittel verordnet

Der FC Bayern hat auch nicht berauschend gespielt beim 2:2 in Lissabon. Das hatte auch zu tun mit Benfica, das in beiden Viertelfinalspielen eine hochwertige Defensivorganisation präsentiert hat. Der bis dahin unbekannte Trainer Rui Vitoria lässt im flachen 4-4-2 den gesamten Defensivverbund in engsten Abständen verschieben, da bleiben dem Gegner zwischen den beiden Viererreihen kaum mal bespielbare Räume. Pep Guardiola hat die richtigen Gegenmittel verordnet: Diagonale Seitenverlagerungen gegen die Verschieberichtung von Benfica, was am Flügel dann immer wieder Eins-gegen-Eins-Situationen bescherte. Und an den Leitplanken haben die Bayern mit Franck Ribéry und Douglas Costa Könner stehen, die Dribbelkunst verbinden mit Dynamit in den Beinen.

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Was Guardiola aktuell Sorgen bereiten dürfte, das ist der Hang seiner Mannschaft, nach einem Führungstreffer schludrig zu werden. Schon nach dem frühen Treffer zum 1:0 im Hinspiel, auch wieder nach dem Tor zum 2:1 im Rückspiel haben die Bayern in der Gier, in der Ernsthaftigkeit, in der Intensität nachgelassen. Das wirkt sich aus auf das nur noch mit halber Kraft praktizierte Gegenpressing, auf nachlassende Kompromisslosigkeit in der Abwehrarbeit, auf die immer schlampiger werdende Passgestaltung, auf fehlendes Tempo und Zielstrebigkeit im Angriffsdrittel. Diese Mischung aus Zirkus- und Verwaltungsmodus lieben insbesondere die grenzenlos talentierten, aber zu Genügsamkeit neigenden David Alaba und Thiago.

Leidenschaft und Willenskraft können Topklasse schlagen

Atletico Madrid hat den Wettbewerbsfavoriten FC Barcelona und damit die Wunderstrumreihe Lionel Messi, Luis Suarez und Neymar eliminiert. Das dürfte die Bayern freuen. Aber als Gegner wünscht man sich auch diese emotional aufgeladene Atletico-Mannschaft mit ihrem verrückten Trainer Diego Simeone nicht unbedingt. Dennoch, und das ist eine Botschaft an alle Außenseiter: Totale Bereitschaft, Leidenschaft und Willenskraft können an einem bestimmten Tag immer mal wieder fußballerische Topklasse schlagen. Das versucht heute Abend in der Europaleague auch Jürgen Klopps FC Liverpool gegen Thomas Tuchels Borussia Dortmund. Die spielerische Qualität spricht für die Dortmunder, die emotionale und physische Wucht für die Liverpooler. Die Arena an der Anfield Road wird beben.

Und die 05er? Die kennen so etwas wie einen Verwaltungsmodus gar nicht. Kilometer fressen, Bälle erobern, umschalten, sprinten, das gegnerische Tor ansteuern. Am Sonntag kommt der 1. FC Köln in die Coface Arena. Mehr dazu im Blog am Freitag.