Rehberg: Alles eine Frage der Interpretation

Die deutschen Verteidiger schauen wieder nur hinterher. Niklas Süle und Jonathan Tah kommen  beim Tor von Donyell Malen zu spät, Torwart Manuel Neuer ist chancenlos. Foto: dpa

Muss die Dreierkette unbedingt ein defensiver Ansatz sein? Die DFB-Elf verteidigte mit ihren drei Innenverteidigern gegen Holland schon als Gesamtverbund sehr tief. Ergebnis:...

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. Immer wieder wird darüber diskutiert: Ist die Variante mit drei Innenverteidigern im Abwehrzentrum nun ein defensiverer oder ein offensiverer Ansatz? Eines vorweg: Die deutsche Nationalmannschaft hat gegen Holland nicht wegen der Dreierreihe verloren. Und schon gar nicht deswegen, weil diese Variante zwangsläufig eine extrem defensive Spielart diktiert. Wir erleben in der Bundesliga eine Frankfurter Eintracht, die durchgängig auf die Dreierreihe setzt - und gleichzeitig für ihre sehr offensive Ausrichtung gepriesen wird.

Das belegt, dass flexible inhaltliche Ausgestaltungen der Option mit Dreierreihe möglich sind. Die Bezugsgrößen? Raumverhalten und die Positionierung der Außenverteidiger. Ein Trainer kann seine Dreierreihe im Zentrum weit nach vorn verschoben verteidigen lassen und damit die gegnerischen Angreifer schon weit entfernt vom eigenen Strafraum in Zweikämpfe zwingen. Zudem kann der taktische Vordenker seine beiden Außenverteidiger schon an der Mittellinie das gegnerische Aufbauspiel an den Seiten aggressiv stören lassen.

Die DFB-Elf verteidigte mit ihren drei Innenverteidigern gegen Holland schon als Gesamtverbund sehr tief. Und darüber hinaus überwiegend - inklusive der Außenverteidiger – angeordnet als Fünferkette. Das war eine inaktive, die Defensive betonende Interpretation. Zu diesem Mittel greifen krasse Außenseiter, die im Verbund sehr eng verteidigen, die dem Gegner wenig Auslaufzonen gestatten wollen - und die sich wenig Chancen ausrechnen, über Kombinationszüge nach vorne Überzahlsituationen, eine gewisse Spielkontrolle und/oder sogar Dominanz erarbeiten zu können. Das mündet in Konterspiel. Der klassische Außenseiterfußball.

Mit dem Hintern tief hinten drin

Wer bei jedem gegnerischen Ballbesitz hinten fünf tief angeordnete Abwehrspieler benötigt, dem fehlt in Mittelfeldsituationen schon mal ein Mann. Für Raumkontrolle und/oder Balljagd vor der Abwehr. Und auch für die Inszenierung strukturierter Entlastungsangriffe. Das ist der deutschen Elf gegen Holland passiert. Mit dem Hintern tief hinten drin, kein Zugriff im Mittelfeld, keine Spielkontrolle.

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In der Bundesliga sehen wir diese Fünferabwehr-Bollwerke, die helfen, das Zentrum zu verdichten, in der Regel nur noch bei Underdogs, die in München oder Dortmund anzutreten haben. Das kann mal funktionieren. An Tagen, an denen sich der Favorit ohne Tempo, ohne Ideen, ohne Zielstrebigkeit im gegnerischen Dickicht einen Wolf spielt - und die Konterabsicherung vernachlässigt. Bezogen auf die Holland-Partie: Das ist der Koeman-Elf in Hamburg in der ersten Halbzeit passiert. Nach der Pause nicht mehr. Das Löw-Team? Das blieb in seiner wenig aktiven Haltung stecken.

Sprechen wir bei der Dreier-/Fünferabwehr also weniger von einer defensiveren oder offensiveren Herangehensweise. Es geht vielmehr darum, ob diese Variante im Raumverhalten und in den Positionen aktiv oder reaktiv angelegt ist. Der bei der WM als Ballbesitzfanatiker gescheiterte Löw ist da in Duellen mit stärkeren Mannschaften offenbar noch ein Suchender.