Rehberg: 05er treffen auf Malocher und Pressingmonster

Roger Schmidt, Trainer von Bayer Leverkusen. Foto: dpa

Man könnte glatt behaupten: Die 05er liegen den Leverkusenern irgendwie nicht. Tatsächlich hat Bayer Leverkusen von den 17 direkten Duellen seit 2004 nur sieben gewonnen - und...

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. Grundsätzlich sollte die privatwirtschaftlich prächtig subventionierte Werkself gegen einen vergleichsweise kleinen Klub wie den FSV Mainz 05 über einen längeren Zeitraum hinweg keine ganz schlechte Bilanz haben. Tatsächlich aber hat Bayer Leverkusen von den 17 direkten Duellen seit 2004 nur sieben gewonnen - und stattliche sieben verloren. Von den bisherigen neun Heimspielen gegen die Mainzer hat das Bayer-Team nur vier gewonnen - und immerhin drei verloren. Das ist bemerkenswert. Man könnte glatt behaupten: Die 05er liegen den Leverkusenern irgendwie nicht.

In vielen Fällen sah das so aus, dass die durchgehend hoch favorisierte und spielerisch immer sehr ambitionierte Bayer-Elf das Spiel machen musste, die Mainzer aber mit Laufstärke, Systemsicherheit, Raumverengung, Pressingwucht und schnellen Konterattacken extrem unbequeme Gegenargumente am Start hatten. Das wirkte dann oft so, überspitzt formuliert, wie früher bei der Bolzerei auf der Straße, wenn die brav und schön spielenden Mittelstandskinder gegen die mit allen Tricks kämpfenden frechen Gassenbuben ihre Probleme hatten. Klassenkampf.

Werkself als Malocher

An diesem Samstag wird das in Leverkusen etwas anders aussehen. Der neue Bayer-Trainer hat der Werkself Malocherfußball beigebracht. Roger Schmidt, zuvor österreichischer Meister mit dem Brauseklub in Salzburg, ist ein Fan des gnadenlosen Pressing- und Umschaltfußballs. Der wird in Salzburg gelehrt vom Oberfachwart im Brausekonzern, Ralf Rangnick, jener ehemalige Trainer, der in Deutschland als Chefentwickler dieser laufintensiven, zweikampfintensiven und tempogeladenen Spielweise gilt. Wenn man so will als Gegenentwurf zum passintensiven Ballbesitzfußball eines Pep Guardiola.

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Die 05er definieren sich heute unter Kasper Hjulmand eher als eine Mannschaft, die über ihr Passspiel Kontrolle gewinnen will. Bayer dagegen brummt, 90 Minuten, voll drauf. Angriffspressing in Reinkultur, die Stürmer laufen die gegnerische Spieleröffnung im Sprinttempo an. Und dann kommt eine Maschinerie in Gang: mit den hinteren Reihen nachschieben, dem Gegner den Raum abschneiden, die Luft abschnüren, permanent die Kugel jagen, und das schon tief in der gegnerischen Hälfte - und nach der Balleroberung mit wenigen direkten Pässen auf kurzen Wegen in höchstem Tempo ab Richtung Strafraum. Wer da den Kopf verliert, der fühlt sich, als würde er im Minutentakt von Tsunamiwellen überrollt. Und im Mittelfeld herrscht ein Gedränge wie am Rosenmontag auf der Mainzer Kaiserstraße, da greifen die Leverkusener dann gierig nach den Bällen wie die Fastnachtskinder nach den von den Wagen geworfenen Bonbons.

Leverkusen nur anfänglich Bayern-Jäger

Als Bayer am ersten Spieltag mit diesem brachialen Ansatz im Signal-Iduna-Park mit 2:0 Borussia Dortmund entzauberte, ausgerechnet die Elf von Jürgen Klopp, die bis dahin das deutsche Patent auf Balljagd und Überfallangriffe souverän über fünf Jahre verteidigt hat, da dachte man schon, die Werkself könnte sogar dem FC Bayern auf die Pelle rücken. Ganz so ist es nicht gekommen. Bayer hat nach zehn Spieltagen nur zwei Punkte mehr auf dem Konto als die Mainzer - und acht weniger als der Spitzenreiter aus München. Einige Experten meinen, dass Teams, die nur eine Spielweise auf dem Schläger haben, auf Dauer eben doch relativ leicht zu lesen sind. Der Pressing-/Umschaltcode sei geknackt.

Das mag stimmen. Aber dann müssen die Gegenmaßnahmen schon auch sehr gut funktionieren. Eine Querpassorgie in der Spieleröffnung vor dem eigenen Strafraum, das klassische Futter für einen Angriffspressinggegner, sollte man gegen Bayer 04 vermeiden. Chipbälle über die erste Welle hinweg in Richtung der Seitenlinienräume im Mittelfeld, das kann ein wirkungsvolles Gegenmittel sein, dann rennen sprintgewaltige und aggressive Pressingstürmer wie Karim Bellarabi und Heung-Min Son ins Leere. Danach beginnt im Mittelfeld der wilde Kampf um die abgewehrten Bälle. Oder man positioniert zwischen der gegnerischen Angriffs- und Mittelfeldlinie zwei seitliche Ballabholer, die mit sicheren Flachpässen durch die Lücken des ersten Pressingwalls ins Aufbauspiel geschickt werden. Letzteres ist die anspruchsvollere Variante, um dem Bayer-Druck aus dem Weg zu gehen.

Vorsicht bei Freistößen

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In jedem Fall braucht es Sicherheit, Präzision und Zielstrebigkeit im eigenen Ballbesitz. Und da auch der Gegner nur elf Spieler auf dem Platz hat, eröffnen sich nach der Überwindung von einer, besser zwei Pressinglinien immer bespielbare Räume. Wer dort hingelangt mit seinen Kombinationen oder schnellen Umschaltzügen, der kann der extrem hoch verteidigenden Bayer-Abwehr um die nicht überragend antrittsschnellen Stopper Emir Spahic und Ömer Toprak weh tun. Das ist die Theorie. Die Praxis erleben wir an diesem Samstag in der BayArena.

Was die Aufgabe zweifellos erschwert, das ist die Tatsache, dass Bayer an einem weniger dynamischen/effektiven Tag Spiele auch über Standards gewinnen kann. Der Mittelfeldtechniker Hakan Calhanoglu ist ein Freistoßkünstler. Der Jungstar, der neben seinem Können auch eine sehr stabile Psyche ausweist (im Gegensatz zu dem ihm in der Spielweise nicht unähnlichen Weltmeister Mesut Özil), kann diese ruhenden Bälle direkt ins Tornetz schlenzen oder zumindest mit einer extrem ekligen Flugkurve in den Strafraum zirkeln, etwa in Richtung des kopfballstarken Mittelstürmers Stefan Kießling. Die 05er sollten dem Gegner in den torgefährlichen Räumen nicht viele Freistoßgelegenheiten anbieten. Zumal die Leverkusener beim Sieg in der Champions League bei Zenit St. Petersburg beim die Dose öffnenden 1:0 auch noch einen netten Freistoßtrick ausgepackt haben. Den der Koreaner Son aus 18 Metern Entfernung mit einem wuchtigen Innenspanndreher vollendete.

Kampftechniker Calhanoglu

Mit den verletzten Stefan Reinartz, Simon Rolfes und Gonzalo Castro fehlen Roger Schmidt nach wie vor drei Spieler, die auf der Sechserposition Wirkung erzielen können. In St. Petersburg hat es der Bayer-Coach mit Calhanoglu probiert als Nebenmann des leidenschaftlichen Abräumers Lars Bender. Hat funktioniert. Calhanoglu hat sich mit einem hohen läuferischen Aufwand als Kampftechniker präsentiert. Dennoch, sollte Schmidt diese Variante wiederholen, dann könnte es ein Ziel sein für die 05er, den offensivfreudigen Deutschtürken mächtig zu beschäftigen in seinen defensiven Aufgaben.

Auf die These, Bayer vergeude bei der aufwendigen Balljagd zu viel Kraft, was sich niederschlage in mangelnder Konzentration beim Torabschluss, sollte man sich nicht versteifen. Profifußballer sind hervorragend trainiert, die Physis reicht für 90 Minuten Vollgas in beide Richtungen. Auch in drei Spielen pro Woche. Meistens signalisieren lediglich ein schwieriger Spielverlauf und/oder ungünstige Spielstände Anflüge von Müdigkeit. Diese Komponenten können die 05-Profis in Leverkusen aktiv beeinflussen.