Rehberg: 05er erfolgreich - und mit guter Entwicklung

Oft genug Grund zum Jubeln: Die 05-Spieler. Foto: dpa

Aufregender Start in die Saison für Mainz 05 mit Spielen in drei Wettbewerben. Die Länderspiel-Pause bietet Zeit für eine erste Bilanz. Unser Experte Reinhard Rehberg nennt...

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. Länderspielpause. Tief durchatmen. Wilder kann man in eine Saison nicht starten. Drei Wettbewerbe, das ist man in Mainz nicht gewohnt. Und dass die 05er diese Herausforderung auch noch erfolgreich gestalten, das ist ganz neu. Als sich der Klub unter Jürgen Klopp erstmals im Uefa-Pokal zeigen durfte (dank der Fair-Play-Wertung...) und auch tapfer drei Runden durchhielt, da verlor die damalige Mannschaft ihre ersten fünf Saisonspiele in der Bundesliga: ernüchternde 0 Punkte, 2:10 Tore. Der internationale Auftritt unter Thomas Tuchel war nach der ersten Abenteuerreise beendet: Aus im Elfmeterschießen gegen Gaz Metan Medias. Die nächste Europa-Mission, von Tuchel organisiert und von Kasper Hjulmand verantwortet, war ebenfalls nach dem ersten Bühnenauftritt schon gestoppt: Aus gegen Asteras Tripolis.

Es lauerten viele Gefahren

Der erstmalige Einzug in die EL-Gruppenphase hat ja 2016 ein Blitz-Ausscheiden unmöglich gemacht. Aber es haben genügend Gefahren gelauert in diesem strammen Drei-Wettbewerbe-Fahrplan. Nach der ersten Wegstrecke darf man ein Zwischenfazit ziehen. Einzug in die zweite Runde des DFB-Pokals. Acht Punkte nach sechs Bundesliga-Spieltagen. Und vier Zähler nach zwei Spieltagen in der Gruppe C der Europaliga. Das ist sportlich erfolgreich – und die Mannschaft hat eine gute Entwicklung genommen.

Neun Wettbewerbsspiele haben die 05er bislang absolviert, davon sieben binnen 21 Tagen. Da war alles drin, was sich ein Trainer wünscht und was die Fans begeistert. Und da wir hier nicht vom FC Bayern München sprechen, gehören eben auch Niederlagen und einige unnötige Gegentore zu diesem bunten Startprogramm. Das sich im Zeitraffer ausnimmt wie ein Betriebsausflug auf den Rummelplatz mit Freikarten für das Riesenrad, die Achterbahn, die Geisterbahn und ähnliche atemberaubende/schwindelerregende Abenteuer-Fahrwerke. Mit Rücksicht auf die Kreislaufgeschädigten und Herzkranken unter den Anhängern hat das Team von Martin Schmidt die Nervenkitzel-Wochen ausklingen lassen mit einem soliden 0:0 in Wolfsburg.

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Trainer sehnen sich nach Schlüsselmomenten

Trainer sehnen sich immer danach, dass sich möglichst früh in einer Spielzeit Schlüsselmomente ereignen, die einen Kader als Gemeinschaft zusammenwachsen lassen. Emotionale Höhepunkte. Diese identitätsstiftenden Aufreger haben die 05er in dieser Startphase produziert wie am Fließband. Ein paar Beispiele. DFB-Pokal: 1:0-Führung beim Viertligisten SpVgg Unterhaching, 1:1, 3:1-Führung kurz vor Schluss, 3:3 in der Nachspielzeit – aber das Elfmeterschießen gewonnen. Europaliga: 1:0 geführt in der Opel Arena gegen Saint-Éienne, Ausgleich gefangen kurz vor dem Abpfiff nach einem simplen Abwehrfehler; 1:0 geführt in Baku im ersten Auswärtsspiel, 1:2-Rückstand in der zweiten Halbzeit binnen sechs Minuten, Spiel gedreht zum 3:2 mit zwei Joker-Toren.

Und dann erst die Achterbahnfahrt in der Bundesliga. Erstes Heimspiel: 4:1 geführt gegen die TSG Hoffenheim, ein Platzverweis, Endstand 4:4. In Augsburg: Lange 1:0 geführt, relativ spätes Ausgleichstor, gekontert binnen sechs Minuten zum 3:1-Sieg. In Bremen: Ein 75-minütiger 0:1-Rückstand, drei Minuten vor Schluss das 1:1, in der Nachspielzeit sogar noch der 2:1-Siegtreffer. Zweites Heimspiel: 2:0 geführt gegen Bayer Leverkusen, das 1:2, das 2:2 und in der Nachspielzeit das 2:3.

Viele Tore geschossen - aber auch viele Gegentore gefangen

Viele Tore geschossen. Aber auch viele Gegentore gefangen. Endlich mal hinten zu null, das schien in weiter Ferne. Und dann schafften die gestressten 05er dieses 0:0 in Wolfsburg - gegen die hoch motivierten deutschen Nationalstürmer Mario Gomez und Julian Draxler. Auf Konter spielen, dieses Schmidt-Konzept ist bekannt. Und es zeigte sich zügig, dass dies auch in dieser Saison die Topwaffe dieses Teams sein wird. Sehr bemerkenswert war dann: In Augsburg, in Bremen und auch gegen den FK Qäbälä zeigte die Mannschaft auch deutlich verbesserte Phasen im Ballbesitzspiel. In Wolfsburg basierte der Punktgewinn dann fast ausschließlich auf Spielkontrolle über die laufintensive, aggressive und engmaschig organisierte Arbeit gegen den Ball. Die 05er sind taktisch flexibler geworden. Unterschiedliche Aufgaben – entsprechend angepasste Spielkonzepte.

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Hätte man im Sommer vorhersehen können, dass dies alles - nach den Abgängen von Klassekeeper Loris Karius und Kapitän Julian Baumgartlinger – auch noch funktionieren muss ohne die letztjährigen Leistungsträger Danny Latza und Jairo, dann hätte man ausgesprochen sorgenvoll in die nahe Zukunft geblickt. Es wertet die Trainingsarbeit von Martin Schmidt und die Transferpolitik von Rouven Schröder zusätzlich auf, dass dieser neu gebauten Mannschaft die personellen Verluste nur phasenweise anzumerken waren in diesen aufregenden ersten sechs Wochen. Der Cheftrainer konnte sogar konsequent und ohne nennenswerten Qualitätsverlust seinen Rotationsplan durchziehen. Das hat geklappt, obwohl einige der Offensivspieler noch gar nicht ihre beste Form erreicht haben.

Diskussion um Lössl

Über den neuen Torwart Jonas Lössl ist viel und kontrovers diskutiert worden. Dramatische Fehler sind dem Dänen nicht unterlaufen. Solide Auftritte. Der ruhige Mann kann in seinem Strafraum noch aggressiver werden, wacher in der Antizipation von Gefahrenherden. Das ist eine Frage der Anpassung an die Bundesliga-Anforderungen. Die beiden Topzugänge im Feld sind, Stand heute: Jean-Philippe Gbamin und Levin Öztunali. Der Mittelfeldsechser aus Frankreich ist ein Kampfroboter, der spielerisch noch ganz am Anfang seiner Entwicklung steht – aber schon jetzt als der große Defensivstabilisator bezeichnet werden darf. Öztunali, der Offensivspieler aus der deutschen U21-Nationalmannschaft, wirkt so, als sei er nach Hause gekommen. Das ist ein technisch sehr gut ausgebildeter Dauerläufer und Sprinter, der auf jedem Flecken Rasen Lösungen findet. Einer, der Tore vorbereitet und auch Tore schießt.

Ganz neu erfunden hat sich Fabian Frei. Als der Schweizer in der Vorsaison einige Wochen fehlte wegen einer Verletzung, da setzte sich Danny Latza im Mittelfeldzentrum fest. Jetzt muss Latza pausieren. Und der bis dahin zögerliche und schwerfällige Frei spielt so selbstverständlich und engagiert sein Können aus, als sei er schon immer der Kopf dieser Mannschaft gewesen. Eine erstaunliche Entwicklung. Wir lernen: Spieler mit Erfahrung und Qualität darf man nie zu früh abschreiben.

Die Konterstärke und Abschlusseffizienz kennen wir schon aus der Vorsaison. Das geht munter so weiter. Yunus Malli: Drei Tore und drei Torvorlagen in der Bundesliga. Pablo de Blasis: Drei Tore und zwei Torvorlagen in der Bundesliga. Jhon Cordoba: Zwei Tore und eine Torvorlage in der Bundesliga. Öztunali: Ein Tor und zwei Torvorlagen in der Bundesliga. Yoshinori Muto: Zwei Tore in der Bundesliga; jetzt fällt der Japaner vier, fünf Wochen aus wegen einer erneuten Knieverletzung. Da müssen Christian Clemens und Karim Onisiwo einspringen, die beide viel arbeiten, denen bislang aber noch die Überzeugung Richtung gegnerisches Tor abgeht. Der junge Azubi Gerrit Holtmann ist mit seiner Schnelligkeit ein Versprechen für die Zukunft. Nach und nach stoßen dann auch Latza, Jairo und Sommerzugang Ramalho noch zum Kader. Da steckt genügend Potenzial drin.