Rehberg: 05-Pressingwucht erzeugt Angriffswucht

Immer einen Schritt voraus: 05-Spieler Elkin Soto gewinnt den Zweikampf. Foto: dpa

Der "Europa-Endspurt" hat begonnen in Mainz. Die Atmosphäre während und nach dem Tempoüberfall auf die überforderte Elf von Werder Bremen war tatsächlich ein erster...

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. Der FSV Mainz 05 feiert in der Coface Arena Erweckungserlebnisse. Auswärts hinfallen, zu Hause wieder aufstehen. Diese Phasen gibt es im Fußball. Die sind weder gewollt, noch gibt es perfekt schlüssige Erklärungen dafür. Das passiert. Und das bringt Stimmung in die Bude. Und auch Punkte aufs Konto. Der "Europa-Endspurt" hat begonnen in Mainz. Die Atmosphäre während und nach dem Tempoüberfall auf die überforderte Elf von der Weser war tatsächlich ein erster magischer Moment auf der Klettertour, die womöglich in internationalen Höhen endet.

"Mainzer waren uns in allen Belangen überlegen"

Zitate aus dem Lager des Unterlegenen. Zlatko Junuzovic tat sich hervor als der die eigene Mannschaft geißelnder Ankläger. "Die erste Halbzeit war schlecht von uns, die schlechteste, die wir jemals gespielt haben", stöhnte der Bremer Mittelfeldspieler. "Und wir haben in dieser Saison schon viele schlechte Halbzeiten gespielt." Nur fünf Prozent der Zweikämpfe habe sein Team gewonnnen bis zu Pause. "Die Mainzer waren uns in allen Belangen überlegen, die haben uns einfach überfahren." In jedem Duell sei der Bremer Spieler einen Schritt zu spät gekommen, "also mussten wir oft Foul spielen, das gab Gelbe Karten, und dass wir uns dann das Ding zum 0:1 auch noch selbst reinhauen, das war im Prinzip schon der Anfang vom Ende". Der einzige positive Aspekt sei das 0:0 in der zweiten Halbzeit gewesen, so der österreichische Nationalspieler, "da hätten wir ein Tor machen können, aber die Mainzer auch noch mal genau so gut drei".

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Eine prägnante Schilderung der Geschehnisse auf dem Rasen. Thomas Tuchel hatte diesmal in seinem Matchplan keinen feinen Ballbesitzfußball gezeichnet, der 05-Coach hatte einen Pressing- und Umschaltüberfall organisiert. Dem waren die verdutzten Bremer, die mit dem guten Gefühl angereist waren, mit dem 2:1-Sieg in Hannover und dem spielerisch hochwertigen 1:1 zu Hause gegen Schalke 04 die beiden besten Saisonleistungen im Rücken zu haben als emotionale Verstärkung, in keiner Phase dieser einseitigen Partie gewachsen.

Innenverteidiger schon auf Höhe der Mittellinie in den Zweikämpfen

Die Mainzer störten die Bremer Spieleröffnung permanent mit drei, vier Mann in der vordersten Linie, dahinter attackierte Elkin Soto den ersten Passempfänger, dahinter sicherte Johannes Geis ab, an den Seiten pressten die Außenverteidiger Zdenek Pospech und Junior Diaz weit nach vorn verschoben. Und die Innenverteidiger Nikolce Noveski und Niko Bungert gewannen viele ihrer Zweikämpfe schon fast auf Höhe der Mittellinie. Das war diese aggressive Nachvorneverteidigung, die das Team beim 0:2 in Frankfurt nicht auf den Platz gebracht hatte.

Diese Pressingwucht erzeugte Angriffswucht. Unzähligen Balleroberungen folgten unzählige Umschaltzüge im Hochgeschwindigkeitsbereich. Da entstand eine Eigendynamik, die den Bremern die Luft zum Atmen nahm. "Jeder zweite Ball ging an die Mainzer, das habe ich so noch nicht erlebt", erklärte Junuzovic. "Die haben uns zerstört." Ab der 1:0-Führung, in der Tat ein ausgesprochen unglückliches Eigentor durch den ansonsten nicht existenten und zur Pause ausgewechselten Mittelstürmer Nils Petersen, regnete es Mainzer Abschlussszenen nach Tempogegenstößen.

Schnelle Pässe in die Spitze

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Mit der Gier auf Balleroberungen wuchs die Spiellust. Schnelle Pässe in die Spitze, präzise Seitenverlagerungen, Sprints in die Tiefe. Werder demonstrierte, wie man eine Mittelfeldraute auswärts nicht spielen sollte: Die Außenverteidiger hingen oft alleine in riesigen Räumen herum, der Zentrumssechser Philipp Bargfrede kämpfte oft isoliert vor der Abwehrreihe, die seitlichen Mittelfeldspieler Junuzovic und Cedrick Makiadi hatten in der defensiven Umschaltung keinen Organisationsplan im Kopf - und vorne liefen Petersen, Eljero Elia und Aron Hunt (gegen den Spielaufbau von Geis) an wie Schulbuben. Die 05er fanden mit schmuckloser Wucht und getragen vom britischen "fighting spirit" unbarmherzig die Lücken. Die Mainzer Profis hatten den Schaffanzug übergestreift, Arbeitshandschuhe angezogen, den Grubenhelm auf dem Kopf - und dann wurde schweres Gerät in Bewegung gesetzt. Presslufthammer, Abrissbirne und Straßenwalze. Zur Pause hätte das Ergebnis 6:1 lauten können (wenn wir die Rettungsaktion von Shinji Okazaki auf der Torlinie gegen einen Kopfball von Werder-Stopper Sebastian Prödl einbeziehen).

Die Zuschauer begeisterten sich am ebenso dynamischen wie intelligenten Spiel von Zdenek Pospech und Christoph Moritz auf der rechten Seite. Moritz stand im taktischen Plan im 4-2-3-1 rechts in der offensiven Dreierreihe. Nicht mehr als eine Grundaufstellung. In der Praxis genehmigte sich der Allroundmittelfeldspieler gegen den Ball und im eigenen Ballbesitz einen riesigen Aktionsradius. Moritz brach immer wieder aus in die Halbräume, öffnete damit die Wege an der Leitplanke für Pospech, und der Rechtsverteidiger sprintete und spielte dort auf, dass man nicht glauben mag, dass sich der Tscheche auf dem Höhepunkt seiner physischen, taktischen und spielerischen Schaffenskraft im Sommer in die heimatliche Zweite Liga verabschieden will. Einen besseren Pospech hat man in Mainz nie zuvor erlebt. Der 35-Jährige findet seit Wochen in jeder Phase der Verteidigerrolle die richtige Lösung. Und dass der Oldie im Körper eines 20-Jährigen am Fließband Chancen und Tore vorbereitet, das ist sogar relativ neu.

Neuanfang für Malli

Auch für Yunus Malli kann diese Partie einen Neuanfang bedeuten. Tuchel ließ Millionenzugang Ja-Cheol Koo 90 Minuten auf der Bank sitzen. Malli nutze seine Chance als Zehner und in der Schlussphase als "falsche Neun". In der ersten halben Stunde überzeugte der flinke Techniker gegen den Ball als kluger Passwegzusteller, nach seinem Treffer zum 3:0 fand Malli auch seine spielerische Linie, auch seine Torgefährlichkeit. Auf diesem Niveau muss sich der junge Mann nun Konstanz erarbeiten. Sein Vorsprung in den gruppentaktischen Abläufen gegenüber Koo ist erkennbar.

Dieser zweikampf- und tempoorientierte Ansatz kann der Mainzer Mannschaft den Weg weisen im "Europa-Endspurt". Nun geht es nach Dortmund. Die Pressing- und Umschaltarmada von Jürgen Klopp hat am Samstagabend dem FC Bayern München die erste Heimniederlage besorgt. In dieser Woche wird sich über das DFB-Pokal-Halbfinale klären, ob der siebte Platz in der Bundesligatabelle die Qualifikation für die Europaliga bringt. Sollte es so kommen, dann kann das den 05ern zusätzlichen Auftrieb geben für eine Oster-Überraschung im Signal-Iduna-Park. Eine extrem hohe Hürde. Aber reizvoll.