Rehberg: 05-Präsident Strutz und der rhetorische Nebel

Harald Strutz gerät stärker in Kritik. Foto: Sascha Kopp

Vieles von dem, was sich der Präsident des 1. FSV Mainz 05 als seine künftige Rolle im Verein vorstellt, blieb bei der Mitgliederversammlung in dieser Woche im rhetorischen...

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. Die Rede des Präsidenten war lang. Diese Rede auf der Mitgliederversammlung der 05er am Dienstagabend in der Opel Arena war gespickt mit nicht überprüfbaren Behauptungen, mit starken Vereinfachungen komplexer Zusammenhänge und mit einer Prise Selbstkritik und pfundweise Eigenlob.

Harald Strutz hat aus einem Rechenschaftsbericht einen um sich selbst kreisenden Rechtfertigungsvortrag gemacht. Der war geprägt von Populismus, rhetorischen Kniffen und schauspielerischen Einlagen. Der Präsident spielte mit seinem Kugelschreiber, er spielte mit seiner Stimmlage, er spielte mit Mimik und Gestik. Eine Inszenierung. Und wer ihm nicht immer die edelsten Absichten unterstellt, das wissen wir seit diesem Abend, der ist „ein schlechter Mensch“. Aber nein, betonte er, eine Journalistenschelte sei das nicht. Natürlich nicht. Einige Journalisten sind eben nur schlechte Menschen. Die dem Verein schaden will und angeblich auch schon geschadet hat. Diese Propagandarhetorik kennen wir.

Ehrenamtler mit 9.000 Euro Aufwandsentschädigung

Zu den rhetorischen Kniffen. Ein Beispiel. Der Ehrenamtler Strutz rechtfertigte seine Aufwandsentschädigung von monatlich 9000 Euro, sein Honorar für juristische Beratung von monatlich 14.000 Euro plus sein Honorar für gerichtliche Tätigkeiten, die er über die Rechtsschutzversicherung des Klubs abrechnet. Die ersten beiden Posten, rechnete er vor, ergeben ein Jahreseinkommen von 273.000 Euro. Strutz fragte: „Ist das angemessen? Tja, was ist angemessen?“ Andere Personen in vergleichbaren Positionen bei einem Bundesligisten würden 500.000 bis 600.000 Euro kassieren im Jahr. „Ich kenne alle Zahlen.“ Kein Wunder, wenn man einige Jahre im Lizenzierungsausschuss der DFL gesessen hat. Dann kann man mit diesen Interna auch mal wuchern. Diese plakative Gegenüberstellung hat den 700 Leuten im Saal vermittelt: Dieser ehrenamtliche Präsident ist bescheiden geblieben - er war eigentlich über all die Jahre hemmungslos unterbezahlt.

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Dass mit diesen Führungspositionen bei den Bundesligisten, die mehrheitlich ja als Wirtschaftsgesellschaften organisiert sind, sehr unterschiedliche Tätigkeitsfelder, sehr unterschiedliche berufliche Qualifizierungen und sehr unterschiedliches Fachwissen sowie eine sehr unterschiedliche Arbeitsintensität verbunden sind, das kam der Einfachheit halber gar nicht zur Sprache. Dass Strutz zu seinem hohen Aufwand im Dienste des Klubs, der ihn als Mensch binde, auch die Anwesenheit an den Wochenenden in den auswärtigen Fußballstadien zählt, ist putzig. Man hätte bis dahin angenommen, dies sei für Vorstandsmitglieder unter Leidenschaft und Selbstverständlichkeit einzuordnen.

80 Prozent der Mandaten abhanden gekommen

Der Präsident und Multifunktionär hat dargelegt, worum es bei diesem Honorierungsprogramm unter dem Deckmantel des Ehrenamts tatsächlich gegangen ist. Strutz führte aus, dass ihm in seiner Mainzer Rechtsanwaltskanzlei irgendwann 80 Prozent seiner Mandanten abhanden gekommen seien. In Folge seiner zeitaufwendigen Klubtätigkeiten. Vielleicht auch in Folge seiner halben Stelle beim Landessportbund? Vielleicht auch in Folge seiner (bezahlten) Posten beim DFB und bei der DFL? Vielleicht auch in Folge seiner Tätigkeiten als Stadtpolitiker? Vielleicht auch in Folge seiner Tätigkeit als Aufsichtsratsmitglied bei den Stadtwerken? Und vielleicht auch in Folge der seit Jahren schwieriger werdenden Situation auf dem Rechtsanwaltsmarkt?

Strutz verabschiedete sich also von seiner Kanzlei. Und da habe sich dann im Klub die Frage nach der Verdienstausfallentschädigung gestellt. Strutz führte in seiner Rede für einen Rechtsanwalt einen Stundensatz von 350 bis 500 Euro an. Der Klub ist draufgesprungen und eingesprungen. Aufwandsentschädigung plus Beratervertrag. Am Ende 273.000 Euro im Jahr plus die Honorare für anwaltliche Vertretungen vor Gericht. Zusätzlich zu den 72.000 Euro im Jahr von der DFL und den 72.000 Euro im Jahr vom DFB (plus Dienstwagen und Benzinkarte). Und so ganz nebenbei lief auch noch das LSB-Gehalt auf dem Privatkonto ein. Der 65 Jahre alte Harald Strutz, dessen Verdienste als Klubrepräsentant unbestritten sind, dessen kurzzeitige Geschäftsstellenpräsenz von den Mitarbeitern aber erst wahrgenommen wird, seit er in der Strukturkommission seine Vorstandsvorsitzambitionen kommuniziert, ist ein Lebenskünstler.

Sehr viel Geld für die Juristerei

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Der Klub, der für die Prüfung der Lizenzspielerverträge und für andere Vertragsprüfungen auch noch externe Kanzleien beauftragt, gibt sehr viel Geld aus für die Juristerei. Oder der Beratervertrag war nicht mehr als ein (juristisch abgesicherter) Taschenspielertrick für die Präsidentenversorgung.

Der 05-Vorstand, auch in diesem Fall sind die Verdienste um diesen Klub in hohem Maße anzuerkennen, war zu einem (nie kontrollierten) Selbstbedienungsladen geworden. Welche Bezüge der ein oder andere Vorständler – außer den 2.000 Euro Aufwandsentschädigung - bezieht oder bezogen hat, welche Aufträge an Firmen von Vorständlern vergeben worden sind, welche Sondergratifikationen ausgezahlt worden sind, welche Fahrgeldabrechnungen akzeptiert worden sind – all das liegt ja immer noch nicht transparent auf dem Tisch.

Bis heute hat sich niemand aus dem Führungsgremium dazu geäußert, welches Fachwissen, welche Kreativität und welche Durchsetzungs- und Umsetzungsfähigkeiten dem 05-Profibetrieb durch den nach Schalke abgewanderten Christian Heidel abhanden gekommen sind. Der Sportbereich ist hervorragend abgedeckt durch den neuen Sportdirektor Rouven Schröder. Aber Heidel war in all den Jahren mehr. Wer fängt das auf? Wer treibt zum Beispiel die geplanten Baumaßnahmen auf dem Bruchwegareal voran? Die neue Struktur?

Vorstellungen für die Zukunft im rhetorischen Nebel

Die Zukunft? Der Klub müsse moderner werden. Strutz: „Wollen wir weiter hausbacken bleiben?“ Wen wollte der Präsident mit diesem merkwürdigen Vorwurf treffen? Seine eigenen Leute? Die Ultra-Vertreter, mit denen der Vorstand über eine Fan-Abteilung im Klub verhandelt, sagen: Wir wollen nicht mehr der Familien- und Karnevalsklub sein, wir wollen „dirty“ werden. Schmutzig. Dass die 05er im Turbokapitalismus Profifußball vor ganz anderen Herausforderungen stehen, das erwähnte der Präsident mit keinem Wort. Was ist modern?

Welche Rolle sich Strutz nun künftig vorstellt, das blieb im rhetorischen Nebel hängen. Keine Hauptamtlichkeit und keine Tätigkeit im operativen Geschäft, keine acht Stunden im Büro, das hat Strutz in seiner Rede zumindest angedeutet. Keine Hauptamtlichkeit mit Managergehalt, keine Führung des operativen Geschäfts - dieses Signal hatte der Vorstand seinem Präsidenten in der letzten Sitzung vor der Mitgliederversammlung mit auf den Weg gegeben. Was sagt Strutz nun? Noch drei Jahre führend tätig sein. Gestalterisch. Vielleicht auf diesem oder auf jenem Posten. Aber nicht nur als „Grüß-Gott-August“. Was auch immer das heißen mag. Positionell. Inhaltlich. Und das Honorar betreffend.