Rehberg: 05 muss die neu mobilisierten Stärken ausspielen

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Die Spieler der TSG 1899 Hoffenheim - der neue Trainer Julian Nagelsmann wird sie heiß machen für das "Endspiel" gegen Mainz 05. Heiß wie einen unmittelbar vor dem Ausbruch...

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. Sehr viel gelaufen sind die Spieler vom ersten Tag an unter Martin Schmidt. Was nicht passte in der Statistik: Das laufstärkste Team der Liga war nach der Hinserie auch das zweikampfschwächste Team der Liga. Was sich allerdings dadurch relativiert, dass in diesem Messwert nicht nur die defensiven, sondern auch die offensiven Zweikämpfen erfasst sind. Und da das Mainzer Spiel in der Vorwärtsbewegung viele lange Bälle beinhaltete, hatten es die Spieler in der vordersten Reihe nicht so leicht, diese Zuspiele zu kontrollieren. In Luftduellen mit riesigen Stopperhünen sahen die kleinen Jairo und Yoshinori Muto natürlich nicht gut aus.

Eine extrem spannende Prüfung

Was nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass die Schmidt-Elf lange Zeit auch gegen den Ball keine überragende Zweikampfstatistik hatte. Tatsache ist: Der Bruchwegklub steht seit dem vergangenen Wochenende in der Tabelle auf dem sechsten Platz - auf einer Höhe mit dem FC Schalke 04, der lässig 35 bis 40 Millionen mehr investiert in die Finanzierung seines Profipersonals. Und jetzt läuft das Mainzer Erfolgsteam nach drei Siegen hintereinander beim Tabellenvorletzten TSG Hoffenheim auf. Eine extrem spannende Prüfung. Eine Herausforderung.

Von 21 Saisonspielen haben die von ihrem Mäzen fürstlich alimentierten Hoffenheimer lediglich zwei gewonnen. Vor der Saison hätte man diese Aussicht als Witz abgetan. Nun tritt der Gegner in diesem für den Dorfklub wegweisenden Heimspiel mit einem Übungsleiter an, der gerade mal 28 Jahre alt ist, der gerade mal ein einziges Bundesligaspiel vorbereitet und gecoacht hat, der vor Feuereifer und Selbstvertrauen nahezu platzt und der nun beweisen muss, dass er dieser hoch komplizierten Aufgabe im Abstiegskampf tatsächlich gewachsen ist. Wenn wir eines wissen, dann das: Julian Nagelsmann wird seine Mannschaft heiß machen wie einen unmittelbar vor dem Ausbruch stehenden Vulkan, in den Adern der TSG-Profis werden Lavaströme kochen. Der Mainzer U19-Trainer Thomas Krücken war einst Nagelsmanns Kollege in der Hoffenheimer Nachwuchsabteilung. Sandro Schwarz, der heute die U23 der 05er trainiert, duellierte sich als U19-Coach mit dem impulsiven Nagelsmann. Schmidt hat sich im eigenen Haus informiert über die Herangehensweise seines impulsiven Gegenübers.

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Die Angriffswucht eindämmen

Der Gegner wird wie angestochen Zweikämpfe führen, pressen, nachschieben, Tempo bolzen. Die 05er sind bekannt dafür, dass sie Angriffswucht eindämmen, gemeinschaftlich sehr gut verteidigen können. Je länger die Schmidt-Elf ohne Gegentor bleibt, desto größer werden die Erfolgschancen. Denn die TSG-Elf wird Mühe haben, ihre Struktur über 90 Minuten auf dem höchsten Level zu halten. Das funktioniert in der Regel nicht nach wenigen Trainingseinheiten unter einem neuen Vordenker, der viele neue Ideen einbringt und bekannte Prinzipien wiederbeleben muss. Wenn sich die Hoffenheimer nicht bis zur 60., 70. Minute belohnen für ihren explosiven physischen, mentalen und emotionalen Aufwand, dann kann der Lavastrom in dieser belastenden Situation auch von einem auf den anderen Moment versiegen. Hannover 96 war zuletzt unter dieser nervlichen Anspannung schon sehr früh zusammengebrochen.

Die 05er benötigen im Kraichgau in dieser Konstellation neben ihrem ausgeprägten Arbeitseifer defensive Stabilität, Geduld und Konstanz in der Zuversicht. Sobald die TSG-Welle ein wenig abebbt, werden die 05er ihre beim 2:1 gegen Schalke 04 neu mobilisierten/deutlich weiter entwickelten Stärken ausspielen können: aktive Balleroberungen in den Mittelfeldzonen plus schnelles und konstruktives Flachpassspiel gepaart mit Konterüberfällen im Sprintmodus.

Hack oder Bungert für Bell?

Der gegen die Schalker überragende Stefan Bell wird in der Innenverteidigung fehlen. Schmidt muss sich entscheiden zwischen Routinier Niko Bungert und Nachwuchsmann Alexander Hack. Der Ältere hat Kampfkraft und Erfahrung, der Jüngere ist schneller auf den Beinen und talentierter im Passspiel. Bungert (29) hat 144 Bundesliga- und 84 Zweitligaspiele im Kreuz. Hack (22) hat zwei Bundesligaeinsätze stehen, am vergangenen Wochenende spielte er beim 3:0 der Mainzer U23 als Gast des Drittligadritten SG Sonnenhof Großaspach überragend. Ein letzter Aspekt: Leon Balogun und Bungert fühlen sich beide wohler auf der rechten Innenverteidigerposition – Hack ist ein klassischer Linksfuß.

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Sollte Julian Nagelsmann sein Team ähnlich offensiv auf- und einstellen wie zuletzt in Bremen, dann werden die 05er auf jeden Fall Umschalträume finden. Der widerstandsfähige und flotte Jhon Cordoba wird in der Angriffsmitte die nicht überragend antrittsschnellen Hoffenheimer Stopper Niklas Süle, Fabian Schär oder Ermin Bicakcic beschäftigen. Auf den Außenbahnen war die TSG in Bremen nach hinten phasenweise sehr offen. Das wird dem Trainer nicht entgangen sein. Bekommt Nagelsmann diese Lücken nicht geschlossen, dann werden sich dort Jairo und Christian Clemens austoben können. Und wenn der in Topform auftretende Julian Baumgartlinger und sein Nebenmann Danny Latza im Mittelfeldzentrum ähnlich giftig wüten und dynamisch ankurbeln wie gegen S04, dann braucht es nur noch einen wachen Yunus Malli. Der 05-Zehner hat die Klasse, den gegnerischen Sechsern Tobias Strobl und Sebastian Rudy mit Ball am Fuß davon zu laufen.