Publizistik-Dozent Nikolaus Jackob sagt in Mainz: Die Mehrheit...

Publizistik-Dozent Dr. Nikolaus Jackob will über Medien diskutieren, warnt aber davor, zu sehr auf die Pöbler zu hören. Foto: Harald Kaster  Foto: Harald Kaster

Die Lauten haben die Diskussion bestimmt, die Meinung der Mehrheit wurde kaum dargestellt. So kam es zu dem falschen Bild, die Deutschen misstrauten den Medien. Diesen Schluss...

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MAINZ. Die Lauten haben die Diskussion bestimmt, die Meinung der Mehrheit wurde kaum dargestellt. So kam es zu dem falschen Bild, die Deutschen misstrauten den Medien. Diesen Schluss zieht der Privatdozent Dr. Nikolaus Jackob aus der Langzeitstudie „Medienvertrauen“, an der er beteiligt war. Im Gespräch mit dieser Zeitung sagt er, dass die Medien aus diesem Fehler lernen und wieder verstärkt auf die Mehrheit hören.

Herr Dr. Jackob, was war 2015 Ihre Motivation, Ihre Studie auszuweiten?

Die Diskussion wurde seinerzeit sehr laut und hektisch. Und wir wollten einen Gegentrend setzen: Eine nüchterne Betrachtung, auf empirischer, akademischer Grundlage.

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Was hat die Diskussion so hektisch und laut gemacht?

Im Internet und auf Veranstaltungen waren die Angriffe heftig, die Talkshows haben seinerzeit das Thema groß aufgegriffen, ARD und ZDF haben Sendungen gemacht, in denen sie den Menschen Fragen beantwortet haben. Das, aber auch viele selbstkritische Kommentare in der Presse haben das Problem größer erscheinen lassen, als es wirklich ist.

Also war die intensive Diskussion, die auch unter Journalisten einsetzte, ein Fehler?

Im Gegenteil: Die Menschen haben sich vorher keine Gedanken gemacht, ob sie ihren Medien vertrauen. Solche Gedanken machen sie sich ja auch nicht, wenn sie in einen Fahrstuhl einsteigen oder Brötchen kaufen. Sie gehen einfach davon aus, dass alles in Ordnung ist. Die Debatte hat befördert, dass ein Bewusstsein entstanden ist. Als dann die Diskussion nachgelassen hat, ist das Misstrauen gesunken und das Vertrauen geblieben.

Was sollten Journalisten verbessern, wenn sie wollen, dass das Vertrauen weiter steigt?

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Zum einen gibt es eine lebensweltliche Entfernung der Menschen von der Berichterstattung. Oft stellen Medien Dinge in den Mittelpunkt, die für die Leser und Zuschauer nicht so wichtig sind. Ein gutes Beispiel ist der Familiennachzug. Politisch ist das ein wichtiges Thema, aber mit dem Alltag der Mehrheit hat der wenig zu tun. Oft sehen sie auch Themen anders, als sie in der Berichterstattung dargestellt werden. Die Medien müssen da näher an die Lebenswelt der Menschen ran.

Was noch?

Unsere Studie belegt, dass die Kritik an den Medien viel mit Unwissenheit zu tun hat. Die Gesellschaft muss ein Interesse daran haben, dass die Menschen die Zusammenhänge verstehen. Wir leben im Informationszeitalter. Das Thema Medien gehört daher in den Lehrplan. Unsere Studie zeigt klar, dass diejenigen den populistischen Strömungen nachlaufen, die zugleich nicht wissen, wie Journalisten arbeiten.

Ihre Studie zeigt, dass eine Mehrheit den Medien vertraut. Aber die Kritik im Internet, vor allem auf Twitter, lässt ja nicht nach. Ist das eine Blase oder nicht doch real? Und muss eine Gesellschaft das ignorieren?

Ich würde unterscheiden. In der Blase sind eine Menge notorischer Querulanten unterwegs, die kein echtes Interesse an einer politischen Diskussion haben – sondern an Krawall. Darunter gibt es auch viele Bots. Also Programme, die Inhalte automatisch replizieren. Es gibt Millionen von Tweets, die gar nicht von einem Menschen geschrieben sind. Querulanten müssen wir ignorieren, Bots müssen wir bekämpfen. Aber es gibt einen Teil der Unzufriedenen, die mit einer anderen journalistischen Einstellung zurückgewonnen werden können.

Wie?

Es gibt lebensweltliche Differenzwahrnehmungen. Das heißt: Viele Journalisten sind liberaler und aufgeschlossener und reiten Themen wie etwa Gendergleichheit mit viel mehr Verve und Überzeugung, als es von der Mehrheit als wichtig gesehen wird. So ist zum Beispiel der Anteil der Grünenwähler – das belegen Studien – unter den Journalisten deutlich höher als im Rest der Bevölkerung.

Mit welchen Folgen?

Viele Menschen fühlen sich nicht mehr repräsentiert. Selbst wenn man US-Präsident Donald Trump nicht gut findet, kann man sich darüber wundern, wenn die ARD bei Buhrufen gegen Trump den Ton hochdreht. Das ist zwar im Einzelfall erklärbar, passt aber ins Schema. Es scheint, als seien die öffentlich-rechtlichen Sender für solche Probleme anfälliger. In den Zeitungen ist der Diskurs komplexer. Linke und konservative Zeitungen haben über die Flüchtlingskrise ganz unterschiedlich berichtet. Die Presse war da viel pluralistischer als das Fernsehen.

Also doch Lügenpresse?

Der Begriff Lügenpresse ist Quatsch. Weder wird gelogen, noch war die Presse gemeint. Ich habe viel öfter erlebt, dass sich Zuschauer daran gestört haben, wenn die Öffentlich-Rechtlichen Themen missionarisch in eine Richtung vertreten haben. Auf solche berechtigten Differenzwahrnehmungen müssen wir eingehen – aber nicht auf das Gepöbel, das Geschrei und den Hass.

Das Interview führte Mario Thurnes.