Post aus der "Säuglingshölle"

Wir haben Nachwuchs - und jeder soll es wissen. Archivfoto: dpa

Wo man als Volontär auch hinschaut, hat erstmal einer mit dem Babybekommen angefangen, wuselt es von überall her windellike - und alle Welt teilt die große Geburtsfreude. Wie...

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. Altersmäßig bewegen sich Volontäre in aller Regel in einem Bereich von Mitte Zwanzig bis Anfang Dreißig. Damit liegen sie in einer Lebensphase, in der wenn sie schon nicht selbst, dann aber ganz bestimmt Freunde und Bekannte engagiert darum bemüht sind, den demographischen Wandel unserer Gesellschaft abzubremsen. Das Muster ist dabei vorgezeichnet: Haben die Ersten damit begonnen, werden wie auf ein geheimes Kommando Babys in einer derartig eng getakteten Frequenz in das Leben geschossen, dass jede Popcornmaschine vor Neid erblassen würde, wenn sie es denn könnte.

Nun ist es so, dass sich die jungen Pärchen über den erfolgreichen Abschluss ihrer Fortpflanzungsbemühungen eher selten still freuen können. Nein, dieses sensationell einmalige Ereignis - allein in Deutschland werden täglich im Schnitt etwa 1.857 Kinder geboren - muss natürlich der ganzen Welt mitgeteilt werden. Zumindest aber jenen, die sich nicht rechtzeitig eine neue Handynummer zugelegt oder es versäumt haben, den Spamfilter im Mailingprogramm auf Vordermann zu bringen.

Immerhin einigermaßen erträglich ist die Niederkunftsverbreitungsoffensive dann, wenn die jungelterliche Euphorie durch mehrstündige Press- und Atemübungen einer erschlafften Glückseligkeit gewichen ist: "Unser Sohn Philip ist heute um 13.50 Uhr auf die Welt gekommen. Wir alle sind müde aber glücklich." Damit ist alles gesagt, was man(n) wissen will oder zumindest dem geheuchelten Interesse genüge tut. Geschlecht geklärt, Kind da und wie die Eltern gesund - super!

Überflüssige Details

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Eine Maßgabe, an die sich allerdings leider nur die Wenigsten halten. Denn mit Vorliebe wird diese Basisinformation mit überflüssigen Detailangaben unterfüttert: "Juhuu!!! Unser Warten hat endlich ein Ende. Denn seit heute, 24. März 2012, 4.36 Uhr sind wir zu viert. Mit einem Wohlfühlgewicht von 3.320 Gramm bei einer Größe von 48,7 Zentimetern ist unsere wunderhübsche kleine Prinzessin Camilla im Heilige-Schwestern-Krankenhaus Römertal geboren worden. Es freuen sich die überglücklichen Janina, Sven und Maxi." Maxi ist der Pinscher der Familie. Und überglücklich.

Manchmal verlieren die maximalemotionalisierten Jungväter und -mütter in ihrer rosaroten und babyblauen Familienwelt gleich komplett die Bodenhaftung. Abzulesen an der Verquickung der Geburtsbotschaft mit plastikblumiger Grußkartenrhetorik à la "So ein Baby süß und klein - muss ein Geschenk des Himmels sein!" Da kann man gar nicht so viel fressen, wie man...

Der Autor: Frisch geboren

Die gold-gelbe Windel für die unsäglichste aller Freut-Euch-gefälligst-mit-uns-denn-wir-haben-ein-Baby-Botschaften geht allerdings an die Ich-Erzählperspektive aus der Sicht des Ein-Käse-hoch-Protagonisten: "Hallo, Ihr Lieben! Lange haben Mama und Papa gewartet, doch seit dem 6. August 2012, 8.05 Uhr, bin ich endlich da. Bei einer Größe von 52 cm habe ich stolze 4.180 Gramm auf die Waage gebracht. Mama, Papa und mir geht es gut. Wir sind jetzt aus dem Krankenhaus zuhause und genießen erstmal, dass Papa Urlaub hat - so können wir uns aneinander gewöhnen und uns richtig gut kennen lernen. Wir haben viel Spaß aneinander, auch wenn ich am liebsten schlafe. Dafür kann ich auch schon kräftig in die Windel drücken. Schon jetzt freu ich mich auf Besuch. Bald möchte ich die Welt entdecken und Euch besuchen kommen! Liebe Grüße, Euer Sören."

Während die meisten seiner Altersgenossen vollauf damit ausgelastet sind, auf dem Rücken zu liegen, zu schreien oder Bäuerchen zu machen, geben neugeborene Erste-Person-Singular-Berichterstatter also schon per Mail und Brief Einblicke in ihr Seelenleben und stellen gleich mal - mehr oder weniger subtil - Forderungen an die Adressaten auf. So macht man sich Freunde…

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Das Gegenmittel? Der Antwortbrief: "Hallo Sören! Schön, dass Du Dich meldest. Ich heiße Marwin, bin 190 cm groß und habe keine Ahnung, was ich wiege. Ich denke aber, mein BMI ist soweit in Ordnung. An meine Eltern habe ich mich mittlerweile gewöhnt, auch wenn ich von ihnen für meine Toilettenbesuche inzwischen keinen Applaus mehr bekomme. Unter zwei Bedingungen kannst Du mich mal besuchen: Bring mir einen Kasten von dem Kellerbräu aus Eurer Ecke mit und verschone mich mit deinen verdammten Briefen. Grüße, Marwin."

Marwin Plän