Mit Überdosis Haribo zum Traumberuf

Nah am Geschehen: im Gespräch auf dem Fußballplatz. Foto: Pascal Elarbi/Fupa.net

Für unseren Volontär gab es schon in Kindertagen nichts Besseres als den "Kicker" zu lesen und die dort beschriebenen Fußballspiele nachzuempfinden. Der Traum von der Arbeit...

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. Von Tommy Könnel

Manche Kinder wollen zur Feuerwehr, manche ins Weltall oder Rennfahrer werden. Ich wollte schon als Drei-Käse-Hoch nur eines werden: Sportredakteur. Ein Blick in die Kinderstube verrät, dass es nicht etwa ein Märchenbuch oder die allseits beliebten „Leselöwen“ waren, die mich einst das Lesen lehrten, sondern vielmehr die wöchentliche Lektüre des „Kicker“, der ja bekanntlich zweimal pro Woche druckfrisch ins Haus geflattert kommt. Bewaffnet mit all dieser angelesenen Fußball-Kompetenz ging es dann in den Garten, wo fleißig die Bundesligaspiele vom Wochenende nachgespielt und kommentiert wurden. Der erste Grundschul-Sportredakteur startete seinen Weg nach oben. Genau wie die meisten Mini-Feuerwehrmänner, Windel-Astronauten und Junior-Rennfahrer ließ ich meinen Traum auch irgendwann los – und schien ihn bereits verloren zu haben.

Über Niederseelbach nach oben

Nach Pubertät und wilden Jahren holte mich die Vergangenheit aber ein – und die Einsicht: Hey, man könnte es doch mal versuchen. Es folgten schließlich erste Reporter-Tätigkeiten, etwa bei Partien des SV Niederseelbach oder der SG Hausen/Fussingen/Lahr – zugegebenermaßen nicht gerade Champions League, aber aller Anfang ist schwer. Einige Liveticker, Spielerporträts und eine Bierdusche später führte der Weg dann tatsächlich in ein Volontariat und dort direkt zwei Monate in die Sportredaktion. Endlich mittendrin, am Puls der Sportberichterstattung. Champions League, Bundesliga, Formel 1, Grand-Slam-Turniere und und und. Um all das… kümmerten sich die anderen Redakteure. Für mich hießen die heißen Themen Rhönradfahren, Faustball, Bogenschießen und Trampolinturnen. Unterwegs in den Turnhallen der Mainzer Stadtteile, nur mit Block und Kugelschreiber bewaffnet, fernab von vollen Stadien und teuren Gehaltsschecks, lernte ich meinen Traumberuf also richtig kennen – und es machte Spaß. Auch die Kollegen – locker im Umgang miteinander und immer über einen Vorrat verschiedener Haribo-Variationen verfügend – machten es mir leicht, mich als Sportvolontär wohlzufühlen.

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„EM-Extra“ lässt Kindheitsträume wahr werden

Was nun noch fehlte, waren die großen Sportthemen. Als geduldiger Mensch kein Problem, schließlich ist das Volontariat lange und führt sicherlich irgendwann ein weiteres Mal in den Sport. Doch meistens kommt es anders und selten als man denkt. So saß ich bereits wenige Wochen später wieder in der Sportredaktion – diesmal als Teil des „EM-Extra“-Teams, dass für die täglichen Sonderseiten zur Europameisterschaft in Frankreich zuständig war. Große Themen, acht Seiten Platz und voll involviert in die Planungen. Danach folgten Olympia in Rio und die 40-seitige Bundesliga-Beilage – und am Ende konnte ich schon mit etwas Stolz auf das Geleistete zurückblicken und feststellen: Genau davon hat der sechsjährige Kickerleser vor über 20 Jahren geträumt. Manchmal gehen Kindheitsträume dann eben doch in Erfüllung – auch wenn die Überdosis Haribo mit der Zeit schwer aufs Gewicht schlägt.