Mannheim und seine (noch nicht) verlorenen "Söhne"

Nach einem stundenlangen Krisengespräch über den skandalträchtigen Song "Marionetten" prescht Xavier Naidoo vor. Weich im Ton, aber hart in der Sache verteidigt der Sänger...

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MANNHEIM. Nach einem stundenlangen Krisengespräch über den skandalträchtigen Song "Marionetten" prescht Xavier Naidoo vor. Weich im Ton, aber hart in der Sache verteidigt der Sänger der Söhne Mannheims sein Lied, das ihm wegen drastischer Politikerkritik schwere Vorwürfe einbringt. Bereits am frühen Dienstagmorgen ergreift der 45-Jährige über Facebook erstmals das Wort in der Sache. Er betont in einem Post, der rasch von 2000, meist positiven Kommentaren begleitet wird: Sein Song sei nichts anderes als Kunst. Einzelne Satzteile aus "Marionetten" seien - teils aus dem Kontext gerissen - bewertet, gedeutet und heftig kritisiert worden. Dass er als multikultureller Mensch weder rassistisch noch rechtspopulistisch sei, bedürfe eigentlich keiner erneuten Erwähnung. Inwiefern Zeilen "aus dem Kontext" gerissen wurden, obgleich der Grundtenor der Single sich nie ändert, dürfte dabei das Geheimnis des 45-Jährigen bleiben.

Geplant wie eine Geheimoperation

Eigentlich war nach einem mehr als dreistündigen Krisentreffen der Popgruppe mit Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) am Vorabend angekündigt worden, dass die Stadt Mannheim und ihre derzeit wohl berühmtesten Söhne zeitgleich an die Öffentlichkeit gehen. Diese Erklärungen kommen später - und deuten eine Annäherung an. Die Stadt spricht von einem offenen, ernsthaften Gespräch. Die Band zeigt sich "traurig über die entstandenen Irritationen" und distanziert sich von der "Vereinnahmung unserer Musik durch Feinde der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit".

Fast wie eine Geheimoperation war das Treffen geplant. Statt wie angekündigt im Rathaus der nordbadischen Stadt, lief die Diskussion am Abend in einem riesigen Büroturm am Neckar-Ufer ab. Wie in einem Agenten-Thriller fuhr die Band in einem Kleinbus mit verdunkelten Scheiben in die Tiefgarage des Colloni-Centers und dann im Aufzug in abgeschirmte Räume. Dort wartete der Oberbürgermeister mit drei Mitarbeitern. Mit Nachdruck hatte Kurz von der Band eine Klarstellung für "antistaatliche Aussagen" gefordert. Gleichzeitig weiß der ehemalige Kulturbürgermeister wohl, dass Mannheims Metamorphose von der Malochermetropole zur Kulturstadt mit Popakademie ohne den musikalischen Erfolg der "Söhne" nicht möglich gewesen wäre.

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Von einem "intensiven Gespräch" berichten Teilnehmer des Treffens. Es seien Tränen geflossen und es habe Umarmungen gegeben. Die Stadt würdigt, was die erfolgreiche Band für die Kommune getan hat, lässt aber keinen Zweifel an ihrer Einstellung zu "Marionetten": Es sei ein Lied "dessen Inhalt in den Medien wie in dem gesamten politischen Spektrum inklusive der Rechtsextremen nahezu einheitlich bewertet und verstanden wird. Er wird in Anspruch genommen von Bewegungen wie den Reichsbürgern, die die Existenz unseres Staates verneinen oder solchen, die sich gegen die Werte des Grundgesetzes stellen." hieß es von seiten der Presseabteilung. Vorläufiges Fazit der Schadensbegrenzung: Die Söhne widersprechen der Inanspruchnahme durch demokratiefeindliche Rechtspopulisten und bekennen sich zum Grundgesetz. Es sagt eigentlich schon alles, dass dies extra betont werden muss.

Angesichts der Aufregung legen beide Seiten einige Projekte anscheinend auf Eis. Auf der Internetseite der Söhne fehlte ein Hinweis auf das Jubiläum des Fahrrads, das vor 200 Jahren in Mannheim erfunden wurde. Ein Lied zu den Feiern hatte die Band erst vor kurzem komponiert.