Lehrer als Influencer: Kai Schmidt erklärt auf Youtube Mathe

Mehr als 1,2 Millionen Abonnenten hat Kai Schmidt alias Lehrerschmidt auf seinem Youtube-Kanal. Foto: dpa

Längst ist Youtube nicht nur ein Unterhaltungs- sondern auch ein Bildungskanal. Für gute Lernvideos braucht es nicht einmal viel Aufwand - wie der Erfolg von "Lehrerschmidt" zeigt.

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UELSEN. Was braucht es für trendige Videos, die bei Jung und Alt extrem beliebt sind? Eine coole Frisur mit blauen Haaren, schnelle Schnittfolgen oder auch Rapgesang und Jugendsprache? Kai Schmidt aus der Grafschaft Bentheim nimmt ein kariertes Blatt Papier, einen Kugelschreiber oder Filzstift und erklärt Bruchrechnen, Prozentrechnung oder die pq-Formel. Damit hat er sich in diesem Jahr in der Kategorie undefinedTop-Creator des Jahresundefined in den Youtube-Charts unter die Top 3 gefilmt - hinter bekannten Namen wie Rezo oder Hungriger Hugo. Gut 1,2 Millionen Abonnenten hat Schmidt alias Lehrerschmidt bei dem Video-Kanal.

Seine Karriere als Youtube-Star habe unfreiwillig begonnen, erzählt der 42-Jährige, der heute als Leiter einer Oberschule in Uelsen an der deutsch-niederländischen Grenze arbeitet. Vor etwa sieben Jahren habe er an einer Hauptschule eine Abschlussklasse in Mathematik gehabt. undefinedDas war eine tolle Klasse - das Problem war, dass viel Grundfertigkeiten fehlten, auf die ich thematisch aufsetzen wollteundefined, sagt Schmidt. So sei er auf die Idee gekommen, dieses Basis-Wissen in Videos zur Verfügung zu stellen, damit er im Unterricht überhaupt zu den eigentlichen Themen kommen konnte.

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Die ersten Videos waren auf dem Schulserver. Da fehlte schnell Speicherplatz. Schüler rieten ihm, sie auf Youtube zu stellen. Die Videos sollten eigentlich nur für seine Schüler zu sehen sein. undefinedZu meinem Erstaunen habe ich gesehen, dass die Klickzahlen weitaus höher waren als die Zahl meiner Schülerundefined, erzählt der Pädagoge. Die Jugendlichen hatten über WhatsApp-Gruppen die Links weitergegeben. Irgendwann sei er auf die Idee gekommen, die Videos sofort öffentlich zu stellen. undefinedGuckt ja eh keinerundefined, sagt Schmidt und lacht.

Inzwischen gucken nicht nur Schülerinnen und Schüler, auch Eltern, Großeltern - und Lehrer. In seinen Videos geht Schmidt sehr strukturiert vor, erklärt immer geduldig, nie aufgeregt oder hektisch, rechnet Beispielaufgaben durch, erklärt Lösungswege, zieht Bruchstriche mit dem Geodreieck, schreibt jede Ziffer in ein Kästchen und unterstreicht das Endergebnis zwei Mal - auch mit dem Geodreieck.

undefinedIch habe eine gewisse Sympathie für diese Einfachheitundefined, würdigt der Osnabrücker Professor für Mathematikdidaktik, Alexander Salle. Der zwölfjährige Mikael aus Hannover sagt, er sei ein großer Fan von Lehrerschmidt. undefinedIch finde es so cool an ihm, dass er alles so nett erklärt, auch so gut erklärt und langsam.undefined Auch, dass Schmidt dieselben Stifte benutzt wie die Schülerinnen und Schüler, komme gut an, sagt Mikael. undefinedEr erklärt sehr langsam und schreibt auch nicht nur ein Beispiel auf. Er macht das immer auf eine lustige und nette Art, redet sehr deutlich und macht es einfach ganz gut.undefined

Lernvideos wie die von Lehrerschmidt ließen sich immer und immer wieder anschauen, erklärt Didaktik-Experte Salle. undefinedDas Format hat daher individualisierende Möglichkeiten.undefined Die Tatsache, dass die Aufgaben denen entsprechen, die sie von der Schule her kennen, bis hin zur sehr bodenständigen Darstellung mit Stift und Geodreieck sorge für Vertrautheit bei den Schülerinnen und Schülern. Und, ganz wichtig: Die Videos vermitteln undefinedprozedurales Wissenundefined: Wer Brüche addieren will oder Prozentpunkte ausrechnen, muss die Schritte und das Handwerkszeug beherrschen - genau das übe Lehrerschmidt, aber auch andere Videotutorials, ein.

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Einen Schwachpunkt solcher Videos sehe er als Didaktiker darin, dass bei der Konzentration auf reine Rechen-Prozeduren die Flexibilität auf der Strecke bleibe, die dahinterliegenden mathematischen Strukturen und Begriffe auch auf andere Bereiche anwenden zu können. Es sei wichtig, ein Handwerkszeug zu haben, wie es in den Tutorial-Videos geübt werde. undefinedAber die zusätzliche Ausbildung von Vorstellungen und relevanten Begriffen zu den jeweiligen Operationen, das würde ich mir als Fachdidaktiker schon wünschenundefined, sagt Salle.

Kai Schmidt sieht seine Videos indes als Hilfsmittel, um Dinge aus dem Matheunterricht zu wiederholen. Er freue sich auch über Kritik, zum Beispiel von Kollegen. Er mache als Lehrerschmidt nichts besser als alle seine Mathelehrer-Kollegen. Das sei eine rein subjektive Wahrnehmung der Schülerinnen und Schüler. undefinedMein Video hat den riesengroßen Vorteil, dass sie dann zur Verfügung stehen, wenn der Schüler oder die Schülerin intrinsische Motivation hat, sich jetzt mit Mathe zu beschäftigen. Und das ist halt viel cooler als morgens um 7.50 Uhr.undefined

Von Elmar Stephan