Küchenzuruf und No-Gos

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Eine gute Überschrift entscheidet, ob ein Artikel seine Bestimmung erfüllen kann, nämlich dass er gelesen wird - oder eben nicht. Wie eine perfekte Überschrift gelingt, ist...

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. Eine gute Überschrift entscheidet, ob ein Artikel seine Bestimmung erfüllen kann, nämlich dass er gelesen wird - oder eben nicht. Trifft sie keinen Nerv beim Leser, landet das Werk mit einem winzigen Augenzwinkern im Abseits. Wie eine perfekte Überschrift gelingt, darüber gibt es ganze Kapitel in journalistischen Lehrbüchern und natürlich auch Seminare für Volontäre.

Versuche, das Rezept einer guten Überschrift in einen Satz zu packen, gibt es viele: Knackig, polarisierend, faszinierend, überraschend, aktiv formuliert, pointiert, korrekt, einfach und neu sind nur einige wenige Anforderungen für Überschriften, die sich bei diesen Lehrsätzen wiederholen - auch während des Volontär-Seminars.

"Nackter Fußball-Profi kickt drolliges Kätzchen in den Rhein"

Der Referent stammte übrigens aus dem Boulevard-Journalismus. Dort wünscht man sich für eine gute Überschrift möglichst eine Mischung aus Gewalt, Tieren, Prominenz, Sex und Verniedlichungen. Nach diesem Muster könnte eine Knaller-Überschrift lauten: "Nackter Fußball-Profi kickt drolliges Kätzchen in den Rhein". Diese ist natürlich frei erfunden.

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Hat man diese ganzen Essenzen nicht zur Verfügung, empfiehlt der Boulevard-Journalist auch gerne einmal den Griff in die Trickkiste und wählt raffinierte Gegensätze für eine Überschrift. Ein prägnantes Beispiel gefällig? "Teufel beim Papst". Hundertprozentig wahrheitsgemäß und sachlich, so wie es sein soll. Denn die komplett ausformulierte Schlagzeile würde lauten: "Baden-Württembergs ehemaliger Ministerpräsident Erwin Teufel trifft Papst Benedikt XVI im Vatikan." Die Liste dieser verführerischen Kniffe ist lang.

Vorteil: Die klare Sprache

Alle haben jedoch eines gemeinsam: Eine Überschrift sollte - spätestens in Verbindung mit der wie in unserer Zeitung gebrauchten Unterzeile - die Kernaussage, die Botschaft, den wichtigsten Aspekt des Textes verraten, kurz, den Küchenzuruf. Wie bitte? Die Erklärung dazu ist einfach, man stelle sich folgende Szene vor: Ein Mann macht es sich mit seiner Tageszeitung auf der Couch bequem, während seine Frau in der Küche das Abendessen kocht. Nachdem er den ersten Artikel gelesen hat, ruft er seiner Frau zu: "Hör' mal Hannelore, die Merkel hat den Röttgen rausgeworfen." Und da ist sie, die Kernaussage, die in jede Überschrift, beziehungsweise spätestens Unterzeile, muss.

Und der Küchenzuruf hat noch einen weiteren Vorteil: seine klare Sprache. Angegraute Stilblüten wie "närrisches Treiben", "die weiße Pracht", "Löwenanteil", "wie eine Bombe eingeschlagen", "kühles Nass" oder "grausiger Fund" gibt es bei ihm nicht. Diese leisten beim 150. Mal lesen auch sicher keine entscheidende Überzeugungsarbeit mehr. (Der Liebhaber solcher No-Gos findet unten weitere preisverdächtige Exemplare.)

Aber sind wir doch mal ehrlich, ob es nun Sex und Crime sind, raffinierte Gegensätze oder ein klar formulierter Küchenzuruf, über eine gute Überschrift entscheidet letztlich der Leser. Für den Journalisten gilt jedoch eines immer, seine zur Verfügung stehenden Werkzeuge zu kennen.

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Florian Fischer

Weitere No Gos:

First Lady, Nobelhobel, berappen, Sprösslinge, Vor Ort, Die weiße Pracht, kühles Nass, angesagt, die Preise purzeln, das Tanzbein schwingen, für das leibliche Wohl sorgen, auf frischer Tat ertappt, ein Brief flattert ins Haus, Liebeslohn, Liebesdienerin, tummeln, putzig, Manege frei, grausiger Fund, gerade einmal 17 Jahre alt, kostenintensiv, Löwenanteil, Zukunftsmusik, wie eine Bombe eingeschlagen, Unkenrufe, jetzt ist es amtlich, Abc-Schützen, zahlreiche Attraktionen, den Kochlöffel schwingen, sich ein Stelldichein geben, die Schulbank drücken, Kinderherzen schlagen höher, sich mausern, reges Treiben, Leckerbissen, Grünes Licht, stehende Ovationen.