Kein Durchblick - nirgends

Die Genderdebatte hat Weihnachten erreicht: Immer mehr Weihnachtsmänner müssen durch Weihnachtsfrauen ersetzt werden. Archivfoto: dpa

Die Genderdebatte erreicht das Weihnachtsfest und wir freuen uns über schwarze Nullen.

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. Von Alexandra Eisen

Achtzehnmal werden wir noch wach. Heißa, dann ist - wie in jedem Jahr überraschend - Weihnachtstag. Verstehen Sie dies mit Blick auf das Verfassen von Wunschzetteln, den Geschenkeeinkauf und Überlegungen fürs Weihnachtsmenü heute als kleinen Erinnerungsservice. Die Zeit dürfte auch noch ausreichen, um sich in folgende Ratgeber einzulesen, die auf unserer redaktionsinternen Bestsellerliste ganz oben stehen: "Wie überstehe ich Heilig Abend mit teuflischen Teenagern?", "Dreiundzwanzig Verwandtenbesuche in drei Tagen - Überlebenstraining für den Festtagswahnsinn" sowie "Der Baum steht schief - 100 Tricks zur Vermeidung von Scheidungsgründen". Gern geschehen.

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Es ist angesichts der Nachrichtenlage dieser Tage natürlich auch nicht ganz leicht, in besinnlich-fröhliche Stimmung zu kommen. Nehmen wir die diversen Überlegungen zu Solidaritätszuschlag, Maut und der Änderung von Steuervorteilen. Da haben wir den Überblick komplett verloren und, ganz ehrlich, das passiert normalerweise nur beim Blick in den Schuhschrank oder in die fünfzehn Kisten mit der Weihnachtsdekoration. Es läuft nach einigem Nachdenken wohl so: Wer künftig die Schlaglöcher vor der eigenen Haustür selbst ausbessert, kann im Gegenzug einen Teil des Solidaritätszuschlags von der Steuer absetzen und wird im Falle einer eventuellen Erhöhung der Maut durch einen Zuschuss bei der Verkleidung seines Hauses mit mindestens ein Meter dicken Styroporplatten entlastet. Am Ende steht auf jeden Fall die schwarze Null. Oder so ähnlich.

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Zweifel am Durchblick sind auch beim Sozial- und Arbeitsministerium angebracht in der Diskussion um die Finanzierung der abschlagsfreien Rente mit 63. Die wird jetzt schlappe 4,6 Milliarden Euro mehr kosten als bisher angenommen. Von "explodierenden Kosten" will man dort aber nicht sprechen. Lediglich, so heißt es, "schlagen sich Änderungen, neue Rechnungsgrundlagen und Vorzieheffekte nieder". Na dann. Wer sich nach dem Weihnachtshopping-Trip Diskussionen über die Kreditkartenabrechnung ersparen möchte, sollte sich diese wunderschöne Erklärung zu eigen machen.

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An dieser Stelle ergeht ein Aufruf an alle Mütter und Väter, die Auswahl von Weihnachtsspielzeugen doch bitteschön geschlechtsneutral zu gestalten. Sie lägen damit auf der Linie einer australischen Grünen-Politikerin, die dieser Tage eine Kampagne mit dem eingängigen Namen "No Gender December" ausgerufen hat. Grob übersetzt bedeutet dies: Glitzer-Barbie für den Sohn, Carrera-Bahn für die Tochter. Danach empfiehlt sich der Ratgeber "Schöne Bescherung!"

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Wir schlagen vor, den Heiligen Abend grundsätzlich ordentlich durchzugendern, damit die lieben Kleinen in puncto Vielfalt frühzeitig ihren Horizont erweitern. Die Geschenke bringt selbstverständlich die Weihnachtsfrau, in der Wohnzimmerkrippe liegt ein Kind, dessen Geschlecht noch nicht eindeutig feststeht und Maria und Josef werden durch Josef und Wolfgang ersetzt - dann lässt sich das mit der unbefleckten Empfängnis auch besser erklären. Umgeben ist das Ensemble von Hirtinnen und den Heiligen drei Königinnen. Wäre doch gelacht, wenn das mit der Frauenquote in Betlehem nicht klappt.

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Natürlich wären die Damen der weihnachtlichen Szenerie trotzdem kreuzunglücklich. CDU-Fraktionschef Volker Kauder würde sagen: weinerlich. Man hat ihnen nämlich keinen Gefallen getan, denn sie gelten nun alle als "Quotenfrauen". Böses Schimpfwort! Es funktioniert allerdings nur, wenn man annimmt, dass es tatsächlich keine qualifizierten Frauen gibt…

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Vielleicht sollten sich die so gescholtenen Damen einfach an Angela Merkel wenden, unsere "Kummerkastentante", wie die FAZ sie nennt. Zu diesem zweifelhaften Titel ist die Kanzlerin gekommen, weil sie nun in den Wohlfühlmodus schaltet und von den Bürgern offiziell wissen möchte, wie sie sich ein "gutes Leben" vorstellen. Mitte dieser Woche gab es nun erste Gesprächsrunden im Kanzleramt. An dieser höchst philosophischen Fragestellung hat sich schon der alte Aristoteles versucht und wir fragen uns, ob die Kanzlerin weiß, worauf sie sich da einlässt. Der Wunschzettel für ein gutes Leben wird lang werden und mutmaßlich wenig mit schwarzen Nullen zu tun haben. Den wird selbst die qualifizierte Nicht-Quotenfrau Merkel nicht abarbeiten können.