Gierig? Das sind nur die anderen!

Uli Hoeneß. Foto: dpa

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß? Wer sucht denn nicht die Schlupflöcher im Steuersystem? Doch Obacht, wer auf mutmaßliche Steuerbetrüger schimpft, sollte auch bei...

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. Uli Hoeneß hat sich selbst als vermeintlicher Steuersünder angezeigt. Der eigentliche "Saubermann" verliert als solcher an Glaubwürdigkeit. Die Welt zeigt mit dem Finger auf den Bayern-Präsidenten und schreit "der ist ein Betrüger, ein raffgieriger Mensch!" Doch die Frage ist, wie hätte ich an seiner Stelle gehandelt? Auch Menschen mit einem weit geringeren Einkommen versuchen ihr Kapital, ihr Geld möglichst nicht mit anderen oder gar dem Staat zu teilen. Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?

Doch wer den Bayern-Boss verurteilt, muss konsequent sein, auch eigene kleine Sünden, und seien die steuerlichen Schlupflöcher noch so groß, bekennen und vermeiden. Das Essen mit einem Bekannten darf dann nicht zum Geschäftsessen werden; Malblöcke, Stifte und Geschenkpapier sind dann eben nicht Bürobedarf; das Gästezimmer wird kein fingiertes Arbeitszimmer; bei der Fahrt ins Büro wird nicht die weiteste Entfernung angegeben, auch wenn die Fahrt über die Landstraße noch so stressfrei ist. Und der kleine Gewinn vom letzten Aktiengeschäft, der gern dem Finanzamt verschwiegen wird, weil ja alles online im Ausland gelaufen ist, taucht ordnungsgemäß in der Steuererklärung auf...

Auch diejenigen, die bislang nicht bei der Einkommensteuererklärung, sondern bei Erbschaft und BaföG schummelten, finden wieder den rechten Weg. Statt dem Fiskus möglichst wenig Geld zu "schenken" und ihre Häuser und Immobilien bei Lebzeiten an die Erben zu überschreiben - wer heute noch Erbschaftssteuer zahlt, gilt gemeinhin als dumm - kann man getrost Erbschaftssteuer entrichten. Oder auf erschlichenes BaföG verzichten, wenn die Eltern steinreich sind.

Der Staat hilft immer - wer hilft dem Staat?

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Nicht nur der Steuerbetrug im großen Stil muss aufhören, auch der kleine Steuersünder in jedem von uns muss weg. Warum die Versuchung? Weil der Staat eine Institution ist, die wir nicht immer durchblicken. Zwar soll er uns immer helfen und für uns da sein, zurückgeben möchten wir ihm aber dennoch möglichst wenig. Und wofür auch? Damit der Staat Schulen, Kitas und Krankenhäuser quasi gratis betreiben kann? Damit Obdachlose im Winter nicht auf der Straße erfrieren? Damit Ausländer bei der Integration unterstützt werden? Damit Kinder von Hartz-IV-Empfängern auch an Schulausflügen teilnehmen können? Damit Drogensüchtige einen Entzug bekommen? Damit Asylanten ein Dach über dem Kopf haben? Damit es Förderunterricht für bildungsschwache Kinder gibt? Damit Kriminelle wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden können?

Ja! Genau das möchte ich. Denn ich bin froh, in einem Sozialstaat zu leben. In dem niemand verhungern oder erfrieren muss. In dem die Kranken und Schwachen unterstützt werden. Ich möchte, dass meine Kinder in eine staatliche Schule gehen können, dass die Unterschiede zwischen Arm und Reich nicht weiter steigen, dass ich keine Mauer um mich bauen muss, weil sonst ein Überfall droht. Nicht nur mir und meiner Familie soll es gut gehen, sondern der Gemeinschaft und Gesellschaft, in der ich lebe. Nicht nur den ganz Reichen soll es gut gehen. Sondern möglichst allen. Denn wer möchte schon gerne so abgeschottet wie in Brasilien oder Indien leben, wo die Wohlhabenden sich durch Geld schützen müssen und die Armen sich gegenseitig zerfleischen? Ich jedenfalls nicht! Deshalb zahle ich gerne Steuern.

Nadja Baran