Geschichten aus dem Amtsgericht

Am Höhepunkt gab es in dieser Bar Faustschläge und Tritte gegen den am Boden liegenden Türsteher. Foto: Paul Lassay

Polizei- und Gerichtsberichterstattung gehören zu den Königsdisziplinen im Journalismus. Da sollen auch die VRM-Volontäre gut geschult herangehen können. Deswegen findet zu...

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. Von Paul Lassay

Er habe den Film noch einmal ablaufen lassen vor seinem inneren Auge, erzählt der Türsteher. Den Film jenes Abends in der Koblenzer Coyote Ugly-Bar. Der Platz für Romantik ist in seiner Erzählung deutlich begrenzter als in dem gleichnamigen Streifen aus dem Jahr 2000. Statt Hüften werden Fäuste geschwungen, statt „Can’t fight the moonlight“ gibt es am Höhepunkt Faustschläge und Tritte gegen den am Boden liegenden Türsteher.

Nun sitzt er als Zeuge im Saal des Amtsgerichts. Auf der Anklagebank zu seiner Rechten sitzen die drei Angeklagten, zwei Brüder und ein Freund, allesamt Teilnehmer eines Junggesellenabschieds, der vor besagter Bar sein hässliches Ende fand. Nachdem die beiden Brüder nacheinander der Bar verwiesen worden waren, hatten die drei gemeinsam den Türsteher attackiert. Eine Risswunde hinterm Ohr sowie Prellungen und Schürfwunden waren das Resultat. Die Erinnerungen der drei Angeklagten sind schwammig. Bei Eintreffen der Polizei waren sie noch mit zwischen 1,7 und 2,2 Promille unterwegs. Die meiste Zeit sitzen sie mit gesenkten Blicken im Gerichtsaal, richtig wohl fühlen sie sich auf der Anklagebank nicht.

Das sehen nicht nur Richter Graf und die Staatsanwältin, sondern auch wir Volontäre, die wir auf den Zuschauerbänken des Koblenzer Amtsgerichtssaals sitzend Notizen in unsere Blöcke kritzeln. Der Besuch der Verhandlungen an diesem Morgen ist Teil unseres Seminars in dem wir die Arbeit von Gerichts- und Polizeireportern kennenlernen.

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Crashkurs zu Beginn des Seminars

Ein kleiner Jura-Crashkurs am Vortag hatte den Auftakt gebildet. Die Struktur der Strafgerichtsbarkeit, juristische Grundbegriffe und Grundlagen aus dem Pressekodex waren auf uns eingeprasselt: Was ist ein Verbrechen und was ein Vergehen? In welchen Fällen ist ein Amtsgericht zuständig? Was bedeutet es, wenn ein Einzelrichter oder ein Schöffengericht urteilt? Wann darf man Namen und Daten zu Angeklagten nennen und wann nicht? Wie sieht es mit Bildern aus? Worauf muss man beim Artikel besonders achten, wo wird es brenzlig? Was ändert sich, wenn ein Geschädigter als Nebenkläger auftritt? Wann braucht ein Angeklagter einen Anwalt und wann kann er sich selbst vertreten? Was unterscheidet eine Körperverletzung von einer schweren Körperverletzung? Um nur einige der aufkommenden Fragen zu nennen.

Wir sitzen also nicht unvorbereitet auf unseren unbequemen Stühlen im hinteren Teil des Gerichtssaals – und dennoch wird schnell klar, dass die Aufgabe, einen Artikel über die besuchte Verhandlung zu schreiben, kein Selbstläufer wird. Viele zum Teil widersprüchliche Aussagen, Details und Ergebnisse müssen in einen gut geschriebenen Artikel gegossen werden, der gleichzeitig noch den Leser in die Geschichte zieht und sämtliche journalistischen und juristischen Fettnäpfchen grazil umschifft. Aber zum Glück ist noch etwas Zeit, denn bevor die Ergebnisse präsentiert werden müssen, berichten nach der Rückkehr in den Seminarraum noch Polizeireporter-Veteranen und eine Polizistin von ihren Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit der jeweiligen Gegenseite.

Mit einigermaßen versöhnlichem Abschluss

Während das Happy End für unseren Praxistest noch unsicher ist, hat wenigstens die juristische Aufarbeitung der Coyote Ugly-Story einen einigermaßen versöhnlichen Abschluss gefunden. Nachdem er als letzter der drei ausgesagt hat, entschuldigt sich der Freund des Brüderpaars ausführlich bei dem Türsteher, der mittlerweile ein ehemaliger Türsteher ist, wie er erzählt. Die beiden Brüder finden ebenfalls entschuldigende Worte, die das Opfer ihres Gewaltausbruchs annimmt. Richter Graf ergreift die Möglichkeit beim Schopfe und stellt das Verfahren im Einvernehmen mit der Staatsanwältin gegen die Zahlung von Schmerzensgeld in Höhe von jeweils 350 Euro pro Angeklagtem ein.