Falten, Festigkeit, Ausstrahlung

Flagge zeigen im Wahlkampf: Auch die CDU um Angela Merkel schmückt sich gern mit Stars wie George Clooney, um ein paar Sympathiepunkte zu sammeln. Foto: dpa

Nachtkerzen, perfektionierendes Öl und George Clooney gewinnen zunehmend an Bedeutung in der Politik. Und im Wahlkampf. 

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. Es ist ja jetzt so, dass sich unser aller Kanzlerin, die arme Frau, derzeit über jeden freundlichen Besuch freut. Und so marschierte vor ein paar Tagen ein Herr ins Kanzleramt, und als er noch ein Stück weit weg war, sollen sich die Damen im Vorzimmer angeblich zugeraunt haben: „Mensch, sieht der Altmaier aber heute ausnahmsweise mal gut aus.“ In Wahrheit handelte es sich aber um George Clooney, der seine Frau mitbrachte, dafür aber ausnahmsweise keine Nespresso-Kapseln. Wir kennen diese Werbung: Nespresso, what else? Diesmal also: Merkel, what else? Es war jetzt aber nicht einfach so, dass Clooney die Kanzlerin ein wenig aufheitern und verhindern wollte, dass sie sich abkapselt, sondern er sprach mit ihr politisch. Er ist in den Themen bewandert. Merke: Wenn ein Mann gut aussieht, heißt das noch lange nicht, dass er blöd ist. Wir lesen in der Zeitung „Die Welt“, dass sich Merkel eine volle Stunde Zeit für Clooney genommen hat. In der Tat, da könnten wir neidisch werden. Für normal-sterbliche Zeitungsredakteure nimmt sie sich meistens leider nur eine halbe Stunde. Egal, wie gut sie aussehen.

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Männer, Mitstreiter, Kampfgefährten, es gibt Galaxien, die wir bis in alle Ewigkeit bestenfalls marginal verstehen. Dazu zählen die meisten Frauenhandtaschen sowie Frauen-Fachzeitschriften. Wie meinen? Nein, nicht „Brigitte“, die Harte-Eier-Diät hat ihre besten Zeiten offenbar hinter sich. Nein, wir denken da etwa an die Zeitschrift „myself“, die nicht wirklich in unserem Blickfeld lag, bevor die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) in der März-Ausgabe pünktlich vor der Landtagswahl unter der sehr originellen Überschrift „Die richtige Wahl“ (S. 52 ff.) bekundete, mit ihrem Ehemann eine gute Wahl getroffen zu haben. Wir berichteten bereits darüber, konnten dabei aber leider die wahre Bedeutung von „myself“ nicht ausreichend würdigen. Das müssen wir jetzt nachholen, nachdem wir in weiblichen Fachkreisen erfahren haben, dass „myself“ höchst beliebt und für sozialdemokratische Leserinnen möglicherweise sogar wichtiger ist als das Godesberger Programm der SPD von 1959.

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Also machten wir uns ans Werk. 191 Seiten inclusive Hochglanzanzeigen und eingeklebter Creme-Pröbchen. Wahnsinn. Super. Bestimmt höchst lukrativ. Wir werden mit unserem Anzeigenchef ein ernstes Wort reden: eine Anzeigen-Doppelseite von Lancome, Paris: „Freuen Sie sich auf die Zukunft Ihrer Haut. Visionnaire. Tag: Korrigierende Creme. Falten – Festigkeit – Ausstrahlung. (!) Nacht: Perfektionierendes Gel-in-Öl.“ Gel-in-Öl. Donnerwetter. Dazu, groß im Bild, eine Dame, die aussieht wie Nicole Kidman, nur noch besser. WARUM HABEN W I R SOLCHE ANZEIGEN NICHT??!!

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Malu Dreyer musste sich trotzdem nicht fürchten in dieser Umgebung, denn auf Seite 120 lesen wir: „Artenschutz für Brünette, ein Plädoyer für Dunkelhaarige.“ Nun, damit hätte alles friedlich bleiben können, aber ehrlich gesagt wunderten wir uns schon: Kein Widerstand der rheinland-pfälzischen CDU angesichts der SPD-Publicity, die bei der Dreyer-Story – Achtung, kleiner Scherz: sicher nicht beabsichtigt war, sich aber unweigerlich ergab? Das konnte eigentlich nicht sein. Und siehe da: Wen entdecken unsere müden Augen 50 Seiten weiter? Naaa? Genau! Julia Klöckner in einer Fotostrecke mit dem Titel: „12 Best Dressed.“ Untertitel: „Gestatten, das modische Kompetenzteam.“ Letzterer Begriff wird in der Politik ja oft auch unter „Schattenkabinett“ geführt, aber bei „myself“ sieht das schon recht sonnig aus. Klöckner rangiert unter den Top 12 auf Rang 7, hat vor sich aber nur hochkarätige Damen wie etwa eine Fashion-Direktorin mit libanesischen Wurzeln. Also optisch verdammt harte Konkurrenz, würde man männlich-pragmatisch sagen. Fazit: Alles in Ordnung, „myself“ macht keine parteiische Wahlwerbung. Zumal wir auf Seite 102 lesen: „Verrückt nach Grün“. Fieberhaft suchen wir, ob Katrin Göring-Eckardt, Eveline Lemke oder wenigstens Claudia Roth vorkommen, aber nein, stattdessen unter „Unsere Favoriten“ nur Sachen wie „Das Samenöl der Nachtkerze spendet Feuchtigkeit und reaktiviert die Zellerneuerung“. Laut Wikipedia handelt es sich offenbar um die – Achtung, jetzt bloß keinen Tippfehler machen – „Gemeine Nachtkerze“ (Oenothera biennis), kein gutes Omen, dieser Name. Schließlich sehen wir, Seite 157, die Überschrift: „Feines Tröpfchen“. Wir lesen: „Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Rückbesinnung auf Altbewährtes auch den Filterkaffee erreicht.“ Schlechte Nachrichten für George Clooney.