Die WM-Schande von Gijon: Als Algerien nur hilflos zusehen konnte

Karl-Heinz Rummenigge streckt sich - dennoch gewinnt Algerien 1982 überraschend in der Vorrunde 2:1 gegen Deutschland. Archivfoto: dpa

Der deutsche TV-Kommentator Eberhard Stanjek sprach von einer "Schande". In der Tat war es zum Schämen, dieses 1:0 zwischen Deutschland und Österreich, das Algerien 1982 den...

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. Von Peter Schneider

Robert Seeger tat das, was in Deutschland nur Peter Lustig nach der Löwenzahn-Sendung gegenüber Kindern darf: Der TV-Kommentator des ORF forderte die österreichischen Zuschauer auf, ihre Fernsehgeräte abzuschalten. Besser ist die Verachtung für das, was da auf dem Rasen des Stadions in Gijon geboten wurde, nicht auszudrücken. Die besten Fußballer aus Deutschland und Österreich einigten sich auf einen Nichtangriffspakt, schoben sich lustlos den Ball hin und her. Was das mit Algerien zu tun hat? Sehr viel. Die Nordafrikaner mussten bei ihrer ersten WM-Teilnahme hilflos zuschauen, wie sie in den Knockout gespielt wurden. Denn nach dem 1:0-Sieg der damals von Jupp Derwall trainierten Deutschen hatten sich sowohl das DFB-Team als auch die Österreicher für die zweite Runde des WM-Finalturniers in Spanien qualifiziert. Algerien, wie die beiden Konkurrenten am Ende bei der Zwei-Punkte-Regel mit 4:2 Zählern, schied wegen des schlechteren Torverhältnisses aus.

Fifa trug Mitschuld

Der deutsche TV-Kommentator Eberhard Stanjek sprach von einer "Schande". In der Tat war es zum Schämen. Allerdings: Eine große Mitschuld trug die Fifa, die damals noch die beiden letzten Gruppenspiele zeitlich versetzt ausspielen ließ. Algerien hatte am Tag zuvor bereits 3:2 gegen Chile gewonnen - Deutschland und Österreich wussten, wie sie zu spielen hatten. Seitdem werden die entscheidenden Gruppenspiele immer parallel angepfiffen.

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Das nutzt dem algerischen Team von damals nichts mehr. Um Superstar Rabah Madjer hatte sich da eine Truppe gefunden, die zwar aus Amateuren bestand, die aber den Profis mächtig einheizte. Als erster Gegner bekam dies das deutsche Team zu spüren. 16. Juni 1982. "Wenn wir die nicht schlagen, fahre ich mit dem nächsten Zug nach Hause", hatte Bundestrainer Derwall vor dem Anpfiff getönt. Und "Kaiser" Franz Beckenbauer riet den Algeriern, die in der Afrika-Qualifikation unter anderem 1:1 gegen den Sudan und 2:2 gegen Sierra Leone gespielt hatten: "Ihre einzige Chance, nicht zu verlieren, ist, gar nicht erst anzutreten."

Algerier bestrafen deutsche Arroganz

Unfassbare Arroganz aus dem Land des Europameisters. Arroganz, die bestraft wurde. Zwar glich Karl-Heinz Rummenigge auf Vorarbeit von Felix Magath die von Lakhdar Belloumi erzielte Führung in der 68. Minute aus. Aber nur wenig später erzielte Madjer den 2:1-Siegtreffer für Algerien. Der satte Europameister, mit lustlosen und hochbezahlten Profis, miesem Teamgeist und schlechter Führung war von dem frischen WM-Neuling bis auf die Knochen blamiert worden. "Ich habe viele deutsche Spiele übertragen", sagte ARD-Kommentator Rudi Michel , "nie war ich enttäuschter als heute."

Deutschland musste nicht lange warten, um eine noch größere Enttäuschung zu erleben. 25. Juni 1982. Österreich und DFB wollten in die nächste Runde. Und es gab ein Ergebnis, das beide Teams dieses Ziel erreichen ließ. Ein knapper Sieg des deutschen Teams. Algerien hatte gegen Chile eine bessere Ausgangsposition verspielt, hatte zwar nach 31 Minuten mit 3:0 geführt, aber in der zweiten Halbzeit noch zwei Treffer kassiert.

80 Minuten Trauerspiel

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In Gijon fiel der Wunschtreffer nach zehn Minuten: Nach Flanke von Pierre Littbarski drückte Horst Hrubesch den Ball über die Linie. Und jetzt? Ein Ausgleichstor - und Deutschland wäre ausgeschieden. Zwei weitere deutsche Treffer - und Österreich wäre ausgeschieden. Also: Nichts mehr anbrennen lassen. Beide Teams schieben fortan die Kugel gemächlich hin und her, peinlichst darauf bedacht, an diesem Ergebnis nichts zu ändern. Es gab kaum noch ernst zu nehmende Torschüsse, es gab fast keine Zweikämpfe.

Ein Trauerspiel für den Fußball. Vor allem aber für Algerien. Der bei der Fifa eingelegte Protest der Afrikaner wurde abgewiesen. "Es ist eine Beleidigung, wenn man uns unterstellt, Absprachen getroffen zu haben", grantelte Derwall. Absprachen waren nicht nötig, jeder wusste, was zu tun war. Das deutsche Team, das später Vize-Weltmeister wurde, hatte sich in zwei der drei Gruppenspiele blamiert. Mehr noch: Sich zum Gespött der Fußball-Welt gemacht. Eine spanische Zeitung berichtete über das Duell mit Österreich nicht im Sportteil, sondern unter Polizeimeldungen.

Zwischen herausragender Karriere und medizinischen Zweifeln

Müßig darüber zu spekulieren, wo das algerische Team 1982 gelandet wäre. 2014 sind die Nordafrikaner wieder dabei. Zum vierten Mal. 1986 und 2010 schieden sie jeweils als Gruppenletzter in der Vorrunde aus. Eine WM-Sternstunde wie gegen Deutschland erlebte der Afrika-Meister von 1990 nicht mehr.

Viel schlimmer aber als der K.o. sind die Folgen, die die Vorbereitung auf die WM 1982 offensichtlich verursacht hat: 2011 wurde berichtet, dass "mindestens sieben" Spieler aus den algerischen WM-Aufgeboten von 1982 und 1986 behinderte Kinder bekommen haben - darunter Mehdi Cerbah, Salah Larbés und Abdelkader Tiemcani, die an der 82er WM teilnahmen. Algerische Zeitungen beriefen sich bei ihren Angaben auf Mohamed Kaci-Said, Djamel Menad und Mohamed Chaïb, die ihre Fälle öffentlich gemacht haben. "Wir haben ernsthafte Zweifel an der Wirkung der Medikamente, die man uns während der Vorbereitung verabreicht hat", sagte Kaci-Said. Untermauert wurde der Verdacht von einem früheren Nationalmannschaftsarzt.

Für Rabah Madjer war die WM 1982 der Beginn einer herausragenden Karriere. Er schoss 40 Tore in 87 Länderspielen, stürmte für Racing Paris, den FC Valencia und den FC Porto. Mit den Portugiesen feierte er seinen größten Erfolg: 1987 holten sie den Pokal der Landesmeister. Beim 2:1-Sieg gegen den FC Bayern München erzielte Madjer per Hacke das 1:1.

Am nächsten Spieltag widmen wir uns Australien und Chile.