Die Qualen mit den Zahlen

Mirko Lorenz eröffnet den Volontären, wie informativ Berechnungen sein können. Foto: Natascha Gross

Warum ich mich als Journalist (doch) mit Mathematik beschäftigen sollte...

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. Von Natascha Gross

Das man Mathe in jedem Job brauchen würde, wollte ich als Schülerin nie so recht wahrhaben. Deutsch hingegen war immer mein Ding – deshalb lag schreiben und „irgendwas mit Medien“ auf der Hand. Doch gleich zu Beginn meiner Ausbildung als Redakteurin holen mich die Worte aller meiner Mathe-Lehrer wieder ein: Denn mein erstes Seminar trägt den Titel „Datenjournalismus“.

„Unsere Branche ist die Einzige, die sich damit rühmt, nichts mit Mathematik zu tun zu haben“, bekommen wir als erstes von Seminarleiter und „Informationsarchitekt“ Mirko Lorenz zu hören. Den Vorwurf in den Zwischenzeilen hat wohl jeder herausgehört. Mir wird schnell klar: Zahlengeschichten sind eine saubere Sache – fordern aber ein Umdenken. Denn wenn ich eine Idee für ein Thema habe, steht am Anfang erstmal nur eine These, die es gilt, mit Fakten – bestenfalls Zahlen – zu untermauern. Doch Datenjournalismus funktioniert anders: Ausgehend vom Stiefkind des Journalisten wird aus eben diesen blanken Zahlen eine Geschichte erzählt.

Qualität geht vor Showeffekt

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Das sich solche Geschichten auch noch wunderbar bebildern und gestalten lassen und somit Leser locken, wird Lorenz nicht müde, zu betonen: In welchem Berliner Stadtteil sind die Mieten günstig, wo gnadenlos überteuert? Das Ganze hat die Berliner Morgenpost anhand der Haltestellen einer Buslinie von Zehlendorf bis Neukölln veranschaulicht – zu jedem Stop der Durchschnittspreis zum Vergleich. „In Zahlen stecken überall Themen“, betont Lorenz. Doch das wichtigste Tool sei das Telefon. Denn um die Zahlen zu verstehen, muss ich nachfragen, was damit gemeint ist. Es gilt, die Daten in etwas Verständliches einzuordnen. Doch übertreiben sollen wir es auch nicht: „Inhaltliche Qualität geht vor Showeffekt.“ Seine Aussage meißelt Lorenz jedes Mal in Stein, indem er am Ende immer rhetorisch „Einverstanden?“ fragt.

Klar hab ich verstanden. Doch warum soll ausgerechnet ich, die Mathe-Null, mich so intensiv mit Zahlen auseinandersetzen? Ganz klar: Damit ich beim Smalltalk nicht immer sagen muss, dass ich auch zu denen von der Lügenpresse gehöre. Denn Lorenz meint: Ein auf Zahlen aufgebauter Artikel lässt mich als Autor vertrauenswürdiger erscheinen und erhöht den Wert der Information.

Und weil ich für solche Zahlenspiele am Ende meistens doch nicht gleich ein Mathe-Genie sein, sondern nur ein bisschen Fleiß an den Tag legen muss, werde ich das mit dem Datenjournalismus demnächst sicher mal ausprobieren.