Die Last des Alterns

Frustrierter Nicht-Mehr-Jugendlicher. Foto: vrm

Der Rücken schmerzt, in den Knien sticht es, der Nacken knirscht. Diese Zeichen sind unmissverständlich: Der Volontär ist 30 Jahre alt geworden. Und nun?

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. "Tja, Deine Jugend ist jetzt endgültig vorbei" oder "Ab 30 geht es abwärts" - Sprüche wie diese muss sich wohl jeder anhören, der seine Zeit als Twen endgültig hinter sich lässt. Ich bildete da unlängst keine Ausnahme, als ich die 30er-Schallmauer durchbrach. Doch lächelte ich die kleinen Spitzen meiner Freunde und Verwandten eiskalt weg, wusste ich schließlich, dass ich auf solche Plattitüden nichts geben brauche. Wusste ich? "Dachte ich", passt im Nachhinein betrachtet eindeutig besser.

Ende der jahrzehntelangen Unbeschwertheit

Denn besagte kleine Spitzen entwickelten sich über Nacht zu bohrenden Stichen, die tief in mein Fleisch hineinragten. Beinahe so, als würde mir der Sensenmann persönlich mit kalter Hand sein Werkzeug in den Körper rammen, um mir meine eigene Vergänglichkeit nachdrücklich in Erinnerung zu bringen.

Nach jahrzehntelanger Unbeschwertheit folgten auf mein unseliges 30. Wiegenfest in kurzer Folge zwei Zerrungen (eine beim Tennisspielen zugezogen, eine beim Treppensteigen!!), Rückenschmerzen nach dem Tragen schwerer Gegenstände (wobei schwer in diesem Falle beinahe alles betrifft, was ein Glas Wasser übersteigt), Stechen in den Knien beim Aufstehen aus der Hocke und allmorgendlich grüßende Nackenbeschwerden. Diese Aufzählung ließe sich beinahe beliebig fortsetzen. Das besonders Ärgerliche daran: Anders als dumme Sprüche lässt sich der körperliche Verfall nicht weglächeln. Im Gegenteil: Er schreitet fort. Und deswegen erfordert er Gegenmaßnahmen.

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Knacken im Rücken oder Türrahmen

So bin ich dazu übergegangen, mich vor jedem Tennistraining im T-Feld warm zu spielen - eine Tätigkeit, die mir jahrelang in jugendlicher Naivität der pullundergewärmten Ü60-Generation vorbehalten schien -, beim Treppensteigen stütze ich mich auf das Geländer, gehockt wird gar nicht mehr, morgens hänge ich mich am Türrahmen aus, bis mich ein dezentes Knacken wahlweise in meiner Wirbelsäule oder im Türrahmen eines Besseren belehrt und schwere Gegenstände hebe ich - zur allgemeinen Belustigung der Umstehenden - nur noch mit einer rückenschonenden Technik asiatischer Prägung, die ich im Internet gefunden habe.

Apropos Belustigung: Während es wie beschrieben für abgehalfterte Plattitüden das Ignorieren und für körperliche Beeinträchtigungen Mittel zur Linderung gibt, ist es die ausweglose seelische Pein, die das Altern endgültig zur Qual macht.

Sie beginnt bei kleinen, sprachlichen Feinheiten im Alltag - wie zum Beispiel bei der Oma, die im Bus zu ihrem Enkel statt "Setz‘ Dich doch zu dem jungen Mann" nun "Frag‘ doch den Herrn, ob Du neben ihm sitzen kannst" sagt - und reicht bis zu nahezu grotesken Auswüchsen in gedruckter Form. In meinem Fall flatterte nur Tage nach meinem 30. Geburtstag ein an mich adressierter Brief des Sportbundes Rheinland ins Haus.

Dauerhafte Nahtoderfahrung

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Bis dato hatte ich keinerlei Berührungspunkte mit dem Laden, entsprechend erstaunt war ich über die Zusendung. Doch schon beim Öffnen des Umschlages wich die Verwunderung blankem Entsetzen. Denn in meinen zitternden Händen hielt ich eine Info-Broschüre, deren Überschrift mir wie Fausthiebe in die Magengrube fuhr: "Wir bewegen Senioren. 8. Infotag Seniorensport. Von wegen altes Eisen… ". Jetzt hatte ich es auch noch schwarz auf weiß: Ich bin steinalt und die ganze Welt scheint es zu wissen.

In diesem Zustand der dauerhaften Nahtoderfahrung ist es für Angehörige natürlich schwierig, die richtigen Worte des Trostes zu finden. Völlig daneben, weil erneut in die Plattitüdenkiste, griff allerdings einer meiner Freunde, der ob meiner Sterblichkeitsängste schwadronierte: "Mach‘ Dir nix draus. Man ist nur so alt, wie man sich fühlt." In diesem Moment kochten all die Leiden der letzten Wochen in mir hoch und kulminierten in einer einzigen, wahrhaft schlagfertigen Reaktion.

Und zumindest für einen kurzen Moment fühlte ich mich wieder sehr, sehr jung.

Marwin Plän