Des interessiert mi ois ned!

WM-Pokal als vorgezogenes Geburtstagsgeschenk zum 60.: Die Weltmeistermannschaft 2014 und Kanzlerin Angela Merkel. Foto: dpa

Die Vier-Sterne-Seligkeit: 23 Männer, ein Geburtstagskind und die Besten der Besten.

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. Diesmal urlaubsbedingt von Alexandra Eisen

Es handelt sich um ein Gerücht, dass Angela Merkel nach der feucht-fröhlichen Kabinen-Party mit halb bekleideten Fußballweltmeistern im schwarz-rot-goldenen Rausch zum Feierbiest geworden ist. Auch die Nachricht, sie habe gemeinsam mit Miroslav Klose und Manuel Neuer "So geht der Horsti, der Horsti der geht so..." gesungen, woraufhin Horst Seehofer ihrer Feier zum 60. Geburtstag fern geblieben ist, war eine Ente.

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Seehofer hat zwar tatsächlich die Fete in Berlin geschwänzt, hatte dafür aber eine andere super Ausrede: In München erhielt er zur gleichen Zeit den bayerisch-griechischen Kulturpreis. Bei der Suche nach Informationen über diese Auszeichnung lässt uns unsere Lieblingsinternetsuchmaschine zwar leider im Stich, aber wir sind sicher: Dieser Termin war enorm wichtig.

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Er war wahrscheinlich auch unterhaltsamer. Denn die Gäste auf Merkels Geburtstagsfeier mussten tapfer sein. "Vergangenheiten: Über die Zeithorizonte der Geschichte" lautete der Festvortrag des Historikers Jürgen Osterhammel, und es ist anzunehmen, dass nur der Name des Redners für ein wenig Erheiterung sorgen konnte. "Die Mehrheit im Saal tut sich schwer, dem Wissenschaftler zu folgen", schreibt Spiegel Online. Da muss selbst die Einspielung eines eigens produzierten Musikvideos eine willkommene Abwechslung gewesen sein. Und das heißt etwas, wenn Heino, Jürgen Drews, Uschi Glas und diverse Politiker Angela Merkels Lieblingslied "Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen, heio, heio, heio" singen.

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Es wurde ja viel gesungen dieser Tage, wobei wir lokalpatriotisch mit besonderer Freude zur Kenntnis genommen haben, dass "So ein Tag...", "Ihr seid nur ein Karnevalsverein" und "Humba täterä" rund um den Globus bekannt sind. Auch der inständige Wunsch, Helene Fischer möge bei der WM-Feier am Brandenburger Tor die Finger von diesen unseren Hymnen lassen, hat sich erfüllt. Sie tänzelte dann nur mal wieder atem- und ein wenig stimmlos durch die Nacht, aber an einem solchen Tag darf die Geschmackspolizei ja auch einfach mal Sendepause haben.

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Allen, die trotzdem gerne Haare in der Freudentaumel-Suppe suchen, sagen wir mit einem WM-Zitat des großartigen Torschützen Thomas Müller: "Des interessiert mi ois ned, der Scheißdreck! Weltmeister samma!"

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Leider nicht so ganz in der WM-Euphorie untergegangen ist dann die Einschaltqoutenoptimierung des ZDF mittels manipulierter Listen für "Deutschlands Beste". Da haben sich die Verantwortlichen in der Redaktion wahrscheinlich gedacht: Wenn schon keiner wegen Moderator Kerner einschaltet, dann müssen es attraktive Gäste eben rausreißen.

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Jetzt wird die Show eingestellt und der verantwortliche Unterhaltungschef geht. Dabei hätten wir noch Ideen für die nächste Sendung und die ersten 23 Plätze der selbstgezimmerten Bestenliste gehabt. Beginnend mit Platz 1: Manuel Neuer, Platz 2: Miroslav Klose, Platz 3: Mario Götze ...usw. Die Moderation würde mit bajuwarischem Brachial-Charme Thomas Müller übernehmen, während die ZDF-Talker Johannes B. Kerner, Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn wegen Zuschauerfolter zur Strafe die Show aus der Eistonne heraus verfolgen müssten. Überraschungsgäste des Abends und außerhalb der Wertung: Angela Merkel und Horst Seehofer. Merkel würde berichten, wie die brasilianische Kabinen-Party mit den Weltmeistern wirklich lief, warum Mesut Özil immer sein Trikot verliert und ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen ihren Besuchen in der Umkleide und dem Nationalmannschafts-Rücktritt von Philipp Lahm gibt. Horst Seehofer würde vor der Fernsehnation versprechen, Merkels 70. Geburtstag, an dem sie noch immer Kanzlerin sein wird, mit ihr in Berlin zu feiern und höchstselbst den intellektuell herausfordernden Festvortrag halten, für den er nun zehn Jahre Vorbereitungszeit hat.

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Mit der Nummer wäre das ZDF eventuell noch durchgekommen.

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"Weltmeister samma!" Was für eine Woche! Krieg in Gaza und Israel, Krieg im Osten der Ukraine, 295 getötete Flugzeugpassagiere. Und dann ist es ganz schnell vorbei mit der Feierlaune und die Realität abseits der Vier-Sterne-Seligkeit hat uns gnadenlos wieder.