Der keuchende Frühlingsbote

Ein Jogger im Frühling. Foto: dpa

Ein Blick in den Spiegel offenbart die schonungslose Wahrheit. Doch dem unförmigen Körper können ein paar Laufschuhe Abhilfe schaffen. Ob Joggen allerdings Anfang April eine...

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. Er gehört zum Frühling wie Primeln und Pheromonüberschläge: Der Jogger. Kaum brechen die ersten wärmenden Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke, kriecht er aus seinem Winternest, um jedes zuvor so stille Ausflugsziel zum Trampelpfad zu degradieren. Doch Ärger darüber ist unnötig, Mitleid viel eher angebracht. Schließlich ist der Jogger an sich - speziell die männliche Variante - doch eher eine traurige Figur.

Ausgangspunkt seiner Tragik ist der heimische Badezimmerspiegel. Vor diesem stellt der weihnachtsgans- und osterschokoladengestählte Schon-länger-nicht-mehr-Jogger irgendwann Anfang April fest, dass sich trotz des Einsatzes ausgeklügelter Atemtechniken eine unvorteilhafte Verformung des eigenen Körpers nicht mehr ignorieren lässt. Unausweichliche Erkenntnis dieses bitteren Anblicks: Hier muss Abhilfe geschaffen werden! Sobald die Straßen von Eis und Schnee geräumt sind, führt daher der Weg des maximalmotivierten Läufers in spe in den Keller, wo zwischen Tennisschlägern mit modernden Holzrahmen und längst verglühten Lavalampen ein Paar staubiger Sportschuhe hervorgekramt wird.

Federnder Schritt

Mit einem beiläufig-coolen "Schatz, ich bin dann mal eben ne Stunde laufen", geht es auf die erste Tour, die sich von denen, die folgen werden, nicht wesentlich unterscheidet. Federnden Schrittes startet der Jogger, schwebt geradezu über Asphalt oder Erde und schon während er genüsslich die ersten Züge frischer Frühlingsluft inhaliert, spürt er, wie die Ausdauer längst vergangener Jugendtage in seine Lungen zurückkehrt. Kraft! Freiheit! Männlichkeit!

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Dieses revitalisierende Hochgefühl trägt den Jogger ein ganzes Stück. Gefühlt mindestens einen Kilometer - faktisch nicht einmal die Hälfte. Dann stürzt er abrupt in das erste Leistungsloch. Das Herz rast, der Läufer bremst. "Muss das Schnitzel vorhin sein", redet er sich ein; hält die Geschwindigkeit mit Mühe aber noch so hoch, dass selbst für Laien ein Unterschied zum niederen Fußvolk - dem lächerlichen Nordic Walker - erkennbar bleiben sollte. Meter um Meter legt der Jogger so zurück, verfällt dabei aber zunehmenden in den Streichholzstil (hölzerner Schritt und roter Kopf) bei gleichzeitig dramatisch erhöhter Schweißausschüttung. Mühsam rettet er sich zur ersten roten Ampel. Schwer atmend lehnt sich der Körper für wenige Sekunden an den Mast, nur um beim Auftauchen eines Autos sofort vermeintlich locker auf der Stelle zu trippeln.

Unter Sportsmännern

Doch die Pause hält nicht lange vor. Im Gegenteil: Nach der nächsten Biegung, die vor den belustigten Blicken von Passanten Schutz bietet, wird aus langsamem Laufen wird sehr langsames Gehen. Mühsam geht es Schritt für Schritt voran. Bis, ja bis am Horizont ein anderer Jogger auftaucht - schillernde Laufschuhe, eng anliegende atmungsaktive Hose, Markensportshirt, athletische Figur. Eindeutig: ein Könner. Umgehend wird das Tempo bei mühsam aufrechter Körperhaltung wieder angezogen, der zuvor keuchende Mund zum souveränen Nase-Atmen geschlossen. In dem Moment, in dem sich die Wege der beiden Läufer kreuzen, wird der Blickkontakt gesucht und sich lächelnd zugenickt. Man ist ja unter Sportsmännern.

Kaum ist der andere verschwunden fordert der ungewohnte Zwischensprint Tribut. Die Seite sticht, der Körper wankt. Nur mühsam hält sich der "Jogger" noch auf den Beinen. "Scheißidee", japst es aus dem Hirn und "kein Schwein bringt mich dazu, auch nur einen weiteren Schritt zu gehen". Ein Schwein vielleicht nicht - ganz sicher aber eine Frau. Erst recht eine attraktive. Und just eine solche zieht in diesem Moment an ihm vorbei - sportlich, locker, elegant. Das kann man(n) nicht auf sich sitzen lassen. Selbst im Zustand des nahenden Zusammenbruchs. Die letzten Kräfte werden mobilisiert, um sich im Windschatten an die Läuferin heranzusaugen.

Wissendes Grinsen

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Die Lunge brennt, ein Wadenkrampf kündigt sich an - doch irgendwie gelingt es, die gleiche Höhe zu erreichen. Als zwischen zwei bronchitisch-trockenen Keuchern die ausgetrockneten Lippen ein "Hi" formen wollen, bricht erst ein "gmpf" hervor und dann der geschundene Körper zusammen. Die Hände auf die Knie gestützt folgen die fiebrigen Augen der wissend grinsenden Frau, bis sie aus dem Blickfeld verschwunden ist.

Tropfnass schleppt sich der Jogger auf wenig frequentierten Umwegen Richtung Heimat. Erst an der letzten Straßenecke reicht die Kraft dann wieder für einen beherzten Schlussspurt - mit stolzgeschwellter Brust an der Nachbarschaft vorbei. Kaum ist die Haustür geöffnet, schallt dem Läufer ein "Schon zurück, Schatz?" entgegen. "Bin noch besser in Form, als ich dachte", murmelt es zurück. Dann fällt er auf die Couch. "Nie mehr", denkt er sich. Bis zum nächsten Blick in den Spiegel.

Autor Marwin Plän ist selbst sowohl männlich als auch Gelegenheitsjogger. Weitere Gemeinsamkeiten mit dem beschriebenen Protagonisten sind aber natürlich völlig ausgeschlossen…