Chile - eine WM-Historie voller Traurigkeit

Chiles Nationalmannschaft beim Training. Foto: dpa

Kicken können sie schon, die Jungs von "La Roja". Rote Trikots, blaue Hosen und viel Spielkultur - Chile hat fußballerisch durchaus etwas vorzuweisen. Aber die WM-Geschichte...

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. Von Ulrich Gerecke

Kicken können sie schon, die Jungs von "La Roja". Davon konnte sich auch die deutsche Nationalmannschaft im März überzeugen, als sie in Stuttgart nur mit Mühe 1:0 gewann und von den Chilenen phasenweise ziemlich übel vorgeführt wurde. Rote Trikots, blaue Hosen und viel Spielkultur - Chile hat fußballerisch durchaus etwas vorzuweisen. Aber die WM-Geschichte des Landes weist vor allem traurige Kapitel auf. Selbst der größte Triumph geriet in einen langen Schatten.

Achtmal war Chile bei einer Endrunde dabei, meistens war dabei schon nach der Vorrunde Schluss, zweimal im Achtelfinale. Einmal aber, da explodierte "La Roja" und wurde am Ende Dritter. Welch ein Erfolg - dummerweise bekam es außerhalb Chiles kaum einer mit. Es war bei der WM 1962 im eigenen Land. Eine WM, die heute fast in Vergessenheit geraten ist, weil es in Europa keine aktuellen Fernsehbilder zu sehen gab.

Vier Stadien, kaum Tore und ein wüstes Getrete

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Allerdings gab es noch weitere Gründe, warum Chile 1962 kein Ruhmesblatt in der WM-Geschichte schrieb, das Turnier sogar einmal als "Schmuddelkind" unter den Endturnieren bezeichnet wurde. Die Organisation war katastrophal, es konnte - auch infolge eines verheerenden Erdbebens ein Jahr vor dem Turnier - nur in vier zum Teil arg heruntergekommenen Stadien gespielt werden. Sportlich regierten ein Defensivgeist, der in der geringsten Torquote aller Weltmeisterschaften mündete, sowie brutale Härte.

An letzterem hatte Chile leider großen Anteil. Das Vorrundenspiel gegen Italien ging als "Schlacht von Santago" in die Geschichte ein. Ein solch wüstes Getrete hatte man bei einer WM noch nie gesehen:

Im Nationalstadion von Santiago de Chile, wo sich jenes Gemetzel zutrug, ereigneten sich elf Jahre später noch viel schlimmere Dinge. Nach dem Militärputsch gegen Salvador Allende internierte die Junta von Augusto Pinochet Ende 1973 dort zahllose Oppositionelle, nutzte die Katakomben für Folter und Hinrichtungen. Und in genau diesem Stadion sollte Chiles "La Roja" das Playoff-Rückspiel der WM-Qualifiaktion gegen die UdSSR bestreiten.

Die Sowjets weigerten sich, in Santiago anztreten, die Fifa ließ das Spiel trotzdem anpfeifen und ohne einen Gegner auf dem Platz erzielte die Mannschaft um Kapitän Carlos Caszely das 1:0. Abpfiff, Abbruch, Chile für die WM 1974 in Deutschland qualifiziert - skurriler ging es wirklich nicht mehr, wie dieser Filmausschnitt zeigt.

Caszely übrigens, ein eher linksgerichteter Pinochet-Gegner, fiel bei der Endrunde in Deutschland nur in einer Szene auf: Beim Eröffnungsspiel gegen die Bundesrepublik (0:1) sah er die erste Rote Karte der WM-Geschichte. Chile schied nach drei Vorrundenspielen sieglos aus.

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Mit einem Land, das so eine traurige Vergangenheit hat, muss man wohl einfach ein wenig Mitleid haben - und deshalb drücke ich "La Roja" in Brasilien ein bisschen die Daumen. Dass die Männer um den früheren Leverkusener Arturo Vidal und Alexis Sanchez ein feines Bällchen spielen und kämpfen können, weiß mittlerweile nicht nur Jogi Löw. "La Roja" steckt voller Feuer, ist angriffslustig, offensivstark und bissig.

Es wäre Zeit für etwas Besonderes. Ob es gleich der Titel wird, von dem viele Chilenen träumen, bleibt abzuwarten. Aber vielleicht reicht es zumindest, die bösen Geister der Vergangenheit zu vertreiben. Der Anfang war ja schon einmal ganz vielversprechend...

Am nächsten Spieltag widmen wir uns Kolumbien und Uruguay.