Beißen. Biss. Der Notarzt kommt.

Gebiss und Schulter: Luis Suarez (rechts) und Giorgio Chiellini. Foto: dpa

Wir haben eine neue Krankheit entdeckt, das sogenannte Uruguay-Syndrom. Schon Goethe und Uwe Seeler kannten Teilaspekte.

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. Wir sind ein bisschen erschrocken, als wir arglos die Seite "Literatur und Sachbuch" der FAZ vom 25. Juni aufschlugen und uns folgende Schlagzeile förmlich ansprang: "Wann wurde der Geschlechtsverkehr erfunden?" Fragen über Fragen.

* Ganz schwieriger Übergang jetzt, aber es hilft nichts, denn: Es gibt ja, was das Beißen angeht - und nur darum kann sich die Welt im Augenblick drehen - zwei philosophische Denkschulen. Wir zitieren da mal: "Kommt, von allerreifsten Früchten mit Geschmack und Lust zu speisen!//Über Rosen lässt sich dichten//in die Äpfel muss man beißen." So steht es geschrieben bei Johann Wolfgang von Goethe im "Faust". In strengem Kontrast dazu: "Beiß‘ nicht gleich in jeden Apfel//er könnte sauer sein." Also sang die Sängerin Wencke Myhre und gewann damit 1966, wir Älteren erinnern uns, die Deutschen Schlagerfestspiele.

* Wencke Myhre ist Norwegerin, und an dieser Stelle hängt mal wieder alles mit allem zusammen. Denn: Diese Woche gewann der Norweger Thomas Syversen laut Deutscher Presse-Agentur umgerechnet 674 Euro, weil er darauf gewettet hatte, dass der uruguayische Fußballnationalspieler Luis Suarez im WM-Spiel gegen Italien einen Italiener beißen würde. Es gehörte nicht viel Prophezeiungskunst dazu, dergleichen vorauszusagen, denn Suarez haut die Beißerchen öfter mal in fremde Leute und wurde schon zweimal bestraft. Ob Wencke Myhre von Syversen jetzt Provision fordert, weil sie die ganze Sache 1966 thematisch angeschoben hat - wir wissen es nicht.

* Zugleich halten wir es für einen ganz merkwürdigen Zufall, dass Wencke Myhre ausgerechnet 1966 mit dem Thema anfing. Denn in jenem Jahr flog in England Horacio Troche im WM-Viertelfinale gegen Deutschland wegen groben Fouls vom Platz und versetzte, als er von Polizisten hinausgeführt wurde, Uwe Seeler noch eine Ohrfeige. Troche ist, Sie ahnen es schon, Uruguayer! Derart gestärkt wechselte Troche, kein Scherz, 1967 zu Alemannia Aachen in die Bundesliga. Böse Zungen behaupten, die Uruguayer hätten Troche eigens nach Aachen geschickt, weil sich dort seit 1966 das berühmte Klinikum im Aufbau befand, das sowohl eine Klinik für Psychiatrie als auch eine für Kommunikationsstörungen beherbergt. Laut Wikipedia ließ sich Troche nach seiner Karriere in Mexiko nieder und eröffnete dort das Restaurant "El Charrua". Wir können nur hoffen, dass es dort ordentlich was zu Beißen gibt.

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* Damit keineswegs genug der philosophischen Abhandlungen über das Beißen. Wir sagen nur: Xavier Naidoo! Wir erinnern uns, vor Freude weinend, an sein Lied "Dieser Weg wird kein leichter sein", musikalischer Knaller in Sönke Wortmanns sehr schönem WM-Film 2006 "Deutschland, ein Sommermärchen". In seinem Lied "Ich warte, bis Du kommst" (!) trägt Xavier folgende Textzeilen zum Thema bei: "Eine ernst zu nehmende Unsterblichkeit kommt auf uns zu//und ich muss sie begreifen//und greifen musst auch du.//Ich komm‘ nicht zur Ruh‘.//Viele Geister beißen zu." Hammer!! Dagegen kann Goethe natürlich nicht anstinken. Das wird aber, wie wir im Internet erfahren, noch getoppt von der "Münchner Zwietracht"...wie meinen? Nein, Seehofer singt nicht, also, jene Musiker sind nach eigenem Bekunden "die populärste Oktoberfest-Band der Welt" und berühmt für folgende Zeilen: "Alle Möpse beißen//alle Möpse beißen//nur der kleine Rollmops nicht//O, Susanna, was ist das Leben doch so schön//O, Susanna, was ist das Leben schön."

* "Biss nächstes Mal", hätten die Uruguayer den rausgeflogenen Italienern beim Abschied hämisch zurufen können, womit auch der typisch italienische Begriff "al dente" in neuem Licht erscheint. Überhaupt wird wegen diesem Suarez sprachlich ganz neu nachgedacht werden müssen. Die Sängerin Nicole sollte ihren Gran-Brüh-Eurovision-Chamsom-Siegertitel von 1982 umschreiben in: "Ein Bisschen? Frieden!" In Bisstros gibt es dann nur zähes Zeug, schwer verdaulich, ebenso in dem einen oder anderen Bisstum. Und über Bissexuelles wollen wir an dieser Stelle gar nicht erst nachdenken.

* Nicht zuletzt könnte es sein, dass gewisse italienische Kreise sauer auf das Ausscheiden Italiens reagieren, vielleicht wegen Wetten und so. Dann bekäme der alte Anglerspruch: "Heute beißen sie gut" - die Fische - eine neue Bedeutung dergestalt, dass die Fische deshalb gut beißen, weil sie sich freuen, dass seit Neuestem nicht nur Luca Brasi bei ihnen schläft.