Angelika mit den riesigen Hasen

Schultüten waren früher kleiner und schlichter. Heute sind sie oft größer als die Schulanfänger. Foto: dpa

Heute wird der Schulanfang hammermäßig zelebriert, wir hatten damals fast nix. Und auch, was den Begriff "Fräulein" angeht, haben sich die Zeiten radikal verändert.

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. Schock. Die Schlagzeile der „Bild“-Zeitung springt uns an: "Ich schlage gerne zu! Mein Leben als Ultra." Aha, denken wir, Trump. Aber offenbar gibt's noch mehr von der Sorte. Hier: "Markus S. (31, Name geändert)". Wahrscheinlich heißt er in Wahrheit Markus Sch. Wahrscheinlich hatte Markus S. eine schwere Kindheit dahingehend, dass sich sein Lehrer/seine Lehrerin gewehrt hat, wenn Markus mit dem Messer auf sie losgegangen ist. Erzeugt natürlich Frustration bei den lieben Kleinen, wenn sie mit einem Messer auf einen losgehen und man wehrt sich auch noch.

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Schwieriger Übergang jetzt. Schulanfang. Wird hammermäßig zelebriert heutzutage. Wir hatten damals nix. Schultüte, paar Bonbons drin, fertig. Wie aus zuverlässigsten Quellen verlautet, sprach ich etwa eine Woche nach dem ersten Schultag den historischen Satz: „Hätte ich das bloß nicht angefangen.“ Genau. Es war so, dass meine weitsichtige Mutter mir Lesen und Schreiben beibrachte, b e v o r ich in die Schule kam. Man weiß ja nie. Das hatte unter anderem zur Folge, dass böse Zungen behaupteten: „Er war ein Wunderkind. Er konnte mit sechs schon so lesen und schreiben wie später als Chefreporter.“ Nun ja.

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Und was dann auch noch war: Die anderen in der Klasse, die noch nicht lesen und schreiben konnten, malten erst mal. Und da das Schuljahr damals zu Ostern begann, wurden Osterhasen gemalt, bis zum Umfallen. Noch heute sehe ich es vor mir: An der Tafel auf einem Stuhl stehend: Angelika, Tochter eines berühmten Wormser Augenarztes, beim Malen riesiger Osterhasen. Ich war in einer gemischten Klasse, Jungen und Mädchen. Wie meinen? Nein, keine posttraumatischen Belastungsstörungen dadurch. Oder....., nicht dass ich wüsste.

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Jedenfalls: Angelika mit den riesigen Osterhasen! Riesig! Heutzutage würde da sofort die Eierproblematik aufploppen. Rückblickend kann man natürlich auch überlegen, ob sich Angelika mit ihren Osterhasen bei den Jungs in der Klasse lebenslänglich im Unterbewusstsein verewigt und womöglich – Hase – den Grundstein für Unmengen von Bunny-Phantasien gelegt hat. Wenn Angelika das wüsste. Wie meinen? Nein!! Sie ist kein Bunny geworden!!! Vielleicht ist sie der Profession ihres Vaters gefolgt und Augenärztin geworden. Ich schau Dir in die Augen, Kleines. Und vielleicht praktiziert sie einen ganz besonderen Sehtest: "Herr Meier, ich hab' da einen Osterhasen für Sie gemalt, gucken Sie mal, ob Sie die versteckten Eier dazu finden."

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Vollste Rückendeckung hatte Angelika damals von unserer Klassenlehrerin, Fräulein Wichert. Fräulein! Das muss man sich mal reinziehen. Wenn du heute zu einer unverheirateten Enddreißigerin "Fräulein" sagen würdest, würde sie dir eine scheuern und dich vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen virtueller sexueller Belästigung verklagen.

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In der dritten Klasse hatten wir dann Frau Beisel. War mir sympathischer. Obwohl wir eine harte Krise durchzustehen hatten. Sagen wir mal so: Ein handfester Harndrang meinerseits stand in einer sehr schlechten Relation zum erbarmungswürdigen Zustand der Schultoilette und einem geschätzt zu langen Nachhauseweg einerseits und in einer sehr guten Relation zur geografisch entscheidend näher liegenden Schulwand andererseits. So kam's, wie's kam. Das Blöde war: Vom benachbarten Gemeindehaus aus hat's der Pfarrer gesehen und bei Frau Beisel gepetzt. Eine Ohrfeige, drei Stunden Arrest. Aber ich hab' ihr verziehen. Dem Pfarrer nicht.