Luthers Widerruf in Worms aus der Perspektive des Kaisers

aus 500 Jahre Reformation

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Christian Schramm verwob die politische Situation im Riesenreich Karls V. mit den Ereignissen der Gegenwart.Foto: pa/Ben Pakalski  Foto: pa/Ben Pakalski

Draußen hört man Geräusche von einer großen Menschenmenge, Rufe, Fanfaren, Pferdegetrappel. Kaiser Karl V., so wie man ihn von zeitgenössischen Gemälden kennt, stürmt...

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WORMS. Draußen hört man Geräusche von einer großen Menschenmenge, Rufe, Fanfaren, Pferdegetrappel. Kaiser Karl V., so wie man ihn von zeitgenössischen Gemälden kennt, stürmt herein. Gerade hat Martin Luther den Widerruf seiner Schriften verweigert, und der 21-jährige Herrscher schäumt vor Wut. „Schafft Holz für einen Scheiterhaufen herbei… Reißt ihm die Zunge aus dem Ketzerhals!“, tobt er mit lodernden Blicken, lebhaft auf- und abgehend.

Christian Schramm verwob die politische Situation im Riesenreich Karls V. mit den Ereignissen der Gegenwart.Foto: pa/Ben Pakalski  Foto: pa/Ben Pakalski

Sein Reich, das Heilige Römische Reich, ist von allen Seiten bedroht. Er kann sich der vielen Feinde kaum erwehren. Und nun braut sich auch im Inneren etwas zusammen. „Wie Ungeziefer gräbt’s am Fundament!“, stöhnt der Kaiser. Erschöpft sehnt er sich an einen ruhigen Ort, fernab vom Getümmel der Welt.

„Die Nacht zu Worms“ ist ein überaus eindrucksvolles Ein-Personen-Stück, das der Schauspieler und Schriftsteller Christian Schramm verfasst hat und am späten Dienstagnachmittag, kurz nach der Einweihung der Skulptur „Luthers Schuhe“, im Heylshof in herausragendem Spiel zur Aufführung brachte.

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Schramm wählte für seine Darstellung jener Nacht die Perspektive Karls V., eine kluge Entscheidung, denn das ermöglichte ihm, den Pfad der gängigen Stereotypen zu verlassen und ein vielschichtiges Bild zu entwerfen, das durchaus auch Verständnis für die Position des Kaisers weckte. Geschickt verwob der Autor dabei die politische Situation im Riesenreich Karls mit den Ereignissen und Befindlichkeiten unserer Tage. Nahezu jeder Satz ist eine Anspielung auf heutige Verhältnisse, ohne je platt zu sein. Vom Auseinanderbrechen „Europas“ spricht der Kaiser, „Britannien geht als erstes“, heißt es da, und Schramm spielt natürlich dabei nicht nur auf Heinrich VIII. an; auch von wehenden Halbmondfahnen ist die Rede und von der aufgebrachten Menge, die ruft: „Ich bin das Volk.“ Als Antwort überlegt Karl, die „Versammlungs-, Rede- und Publikationsfreiheit“ einzuschränken. Dies alles äußert er in einer Sprache, die ohne Weiteres von Schiller hätte stammen können.

Eine ergiebige Idee des Autors war es, den Kaiser nun ohne Purpurmantel und Federhut ins Wormser „Nachtleben“ zu schicken. Was er hier aus dem Mund des jungen schlitzohrigen Jörg erfährt, entsetzt ihn zutiefst, die Verdorbenheit des Klerus, die Korruption des Küsters, die mafiösen Machenschaften des Hauptmanns Konstantin und schließlich die Skrupellosigkeit der Fugger, die dem Kaiser das Geld zu hohen Zinsen verleihen, das sie ihm zuvor selbst entzogen haben. „Das Chaos nähret viele, und viele nähren das Chaos“, erkennt der Kaiser. Nicht zuletzt wird ihm die große Armut der Menschen bewusst, die sich eine Moral nicht leisten können und denen es ziemlich gleichgültig ist, was außerhalb ihrer Gasse passiert.

Die Menge ruft Luther ans Fenster seines Gasthofs und was sie von ihm erwartet und verlangt, ist genauso diffus wie manche heutige Erwartung an die Politik: Von Steuersenkung über die Schließung der Grenzen bis zu persönlichen Hilfen ist alles dabei. „Die Juden sind’s! Der Kaiser muss weg!“ Luther macht den Menschen allerdings deutlich, dass es ihm nur um den Glauben, die Schrift, Christus und die Gnade Gottes geht, die weltliche Autorität ist und bleibt die Obrigkeit.

Einem Stänkerer schüttet er sogar seinen Nachttopf auf den Kopf. Tumulte entstehen, Hauptmann Konstantin rückt an, und fast hätte ein Schwert des Kaisers Kopf gespalten. Es trifft Jörg, der im Sterben noch verrät, was er am meisten fürchtet: Hass, Neid und Missgunst. Hass, sagt er, kann nicht mit Hass bekriegt werden, so wenig wie Feuer mit Feuer und Wasser mit Wasser.