Ambulante Pflegedienste kämpfen sich durch die Corona-Krise

Viele Klienten der ambulanten Pflegedienste sind alt und leben allein. Zuwendung, Fürsorge und Unterstützung brauchen sie jetzt, während der Einschränkungen durch die Pandemie, noch dringlicher als sonst. Symbolfoto: AdobeStock/francescoridolfi.com
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Höhere Materialkosten, mehr Bürokratie, weniger Personal – die Pflegedienste haben es während der Pandemie nicht leicht. Der Freude an der Arbeit tut das keinen Abbruch.

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WORMS. Abgeschmettert worden ist der Vorstoß des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, dass die Mitarbeiter in der Pflege sich verbindlich impfen lassen müssen. Für Beate Biegi, Inhaberin des ambulanten Pflegedienstes „MarBea“ ist eine Impfverpflichtung ohne Relevanz. „Ich habe schon meinen festen Impftermin, und mit mir eine ganze Reihe meiner Mitarbeiter. Leider wollen sich vorerst nicht alle impfen lassen. Ich kann sie dazu nicht zwingen“, sagt Beate Biegi.

Viele Klienten der ambulanten Pflegedienste sind alt und leben allein. Zuwendung, Fürsorge und Unterstützung brauchen sie jetzt, während der Einschränkungen durch die Pandemie, noch dringlicher als sonst. Symbolfoto: AdobeStock/francescoridolfi.com
Beate Biegi,Pflegedienst „MarBea“. Foto: Biegi
Anastasia Kube, Pflegedienst „Sawo“. Foto: Kube

Anastasia Kube, Pflegedienstleiterin des Pflegedienstes „Sawo“, hat dazu eine andere Ansicht: „Ich weiß es noch nicht, ob ich mich impfen lasse, weil die Neben- und Nachwirkungen des Impfstoffes nicht vollständig erforscht sind“, begründet sie ihre Haltung. Von zwei ihrer 34 Mitarbeiterinnen weiß sie, dass die „sich auf keinen Fall impfen lassen wollen“, der Rest ihres Teams sei noch in der Beratungsphase. Sie wisse aber genau, dass es „einen Aufruhr gibt, wenn eine Impfung zur Pflicht wird“. Dieser wäre – nach der neusten Entwicklung – vorerst abgewendet.

Die Corona-Pandemie treibt die ambulanten Pflegedienste in vielfältiger Weise um. Während die Beschränkung der Bewegungsfreiheit nur im privaten Leben der Mitarbeiterinnen greift, die Angst, sich mit dem Coronavirus anzustecken, jedoch täglicher Begleiter ist, sind beide Dienste in der glücklichen Lage, bis jetzt noch keinen Fall einer Covid-19-Erkrankung in den eigenen Reihen zu haben. Bei MarBea werden die Mitarbeiter zwei bis drei Mal in der Woche einem Corona-Schnelltest unterzogen. „Diese gewisse Sicherheit will ich für meine Mitarbeiter, aber auch für unsere Patienten haben“, erklärt Beate Biegi. 11 Euro kostet eine Testausrüstung, für die das Land einen Anteil von 7 Euro übernehmen wird, hat man den Pflegediensten zugesichert. Derzeit müssen die Unternehmen aber erst einmal in Vorlage treten, „und das nicht zu knapp“, wie die MarBea-Chefin erklärt. Täglich 40 FFP2-Masken benötigt sie für ihr Unternehmen, dazu bei 243 Einsätzen am Tag 250 Paar Handschuhe. „Corona macht’s möglich. Haben 100 Paar sterile Handschuhe noch vor Monaten 4 Euro gekostet, sind dafür jetzt 13 Euro fällig“, bedauert Biegi. Sie weiß nicht, ob es bei diesen Ausgaben ebenfalls finanzielle Unterstützung vom Land geben wird.

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Anastasia Kube von Sawo klagt ebenfalls über den Mehraufwand von Hilfsmitteln, von dem sie nicht weiß, ob eine Kostenerstattung von übergeordneter Stelle erfolgen wird. Belastet sind die Pflegedienste als Folge der Pandemie auch von einer „überbordenden Bürokratie“, wie Anastasia Kube von Sawo meint. Diese spiele in der täglichen Routine eine immer größere Rolle. „Formulare über Formulare müssen ausgefüllt und tägliche Neuerungen und Anordnungen beachtet werden.“

Beide Pflegedienste haben sie „schon lange in der Schublade“, die Atteste für ihr Pflegepersonal, das auch während der aktuell angekündigten Ausgangssperre nach 21 Uhr außer Haus muss. Verbrieft ist auch deren Berechtigung, außerhalb des 15-Kilometer-Radius Patienten zu besuchen, um sie zu versorgen. Unter Pandemie-Bedingungen gibt es für beide Pflegedienste auch noch Herausforderungen „in zweiter oder dritter Reihe“. Bei „MarBea“ sind rund 90 Prozent der Mitarbeiterinnen Mütter. Es sei schon eine riesige logistische Leistung, einen funktionierenden Dienstplan für ihre 39 weiblichen und einen männlichen Mitarbeiter zu erstellen, erklärt Beate Biegi. Sehr oft müssten die Mütter ihre Kinder „von eben auf jetzt“ aus der Kita abholen, weil der Nachwuchs Schnupfen oder Husten habe. Schlimmere Auswirkungen auf den Dienstplan ergeben sich, wenn die Kita aus Quarantäne-Gründen ganz schließen muss. Dem Home-Schooling von Grundschulkindern sei es ebenfalls geschuldet, dass ihre Mitarbeiterinnen nur teilweise oder zeitversetzt ihren Dienst antreten könnten, begründet Beate Biegi ihre oft angespannte Personalsituation in Corona-Zeiten.

Alles sei schwieriger geworden in Zeiten der Pandemie, meint Anastasia Kube. Das blende man aber aus, wenn man zu den zumeist älteren und allein lebenden Klienten komme, um sie zu versorgen. „Das dankbare Lächeln unserer Patienten entschädigt uns für vieles“, sagt die Leiterin von Sawo.

Beate Biegi ist „selbst glücklich darüber, dass wir von MarBea Menschen glücklich machen können. Nicht nur mit unserer Fürsorge, sondern allein schon mit unserer Anwesenheit und der Bereitschaft, den Patienten zuzuhören. Sie haben immer etwas zu erzählen, sehr oft ist aber niemand da, der sich das anhören möchte.“