Sturmtief "Fabienne" wütet in Südhessen

Foto: Hans Dieter Erlenbach

Das Sturmtief hat am Sonntag für zahlreiche Einsätze von Rettungskräften in Südhessen gesorgt. Die Feuerwehren laufen am Limit. Ein Mann schwebt in Lebensgefahr.

Anzeige

SÜDHESSEN. DARMSTADT (schu):

Umgestürzte Bäume, abgedeckte Dächer, vollgelaufene Keller: Sturmtief "Fabienne" ist mit einer Heftigkeit über Südhessen und Darmstadt gezogen, die zumindest in jüngerer Zeit beispiellos ist. Die gute Nachricht: Zumindest in Darmstadt gibt es nach Angaben von Polizei und Feuerwehr (Stand Sonntagabend, 19.30 Uhr) wohl nur Leichtverletzte. Der Schaden an Bäumen, Gebäuden und Autos kann noch nicht beziffert werden, wird aber wohl erheblich sein. Die Berufsfeuerwehr, alle Freiwilligen Wehren sowie Einsatzkräfte von Polizei, THW, Malteser und dem Deutschen Roten Kreuz waren im Dauereinsatz. "Wir haben etwa 100 Einsatzstellen im Stadtgebiet", schätzte die Einsatzleiterin der Feuerwehr, Johanna Herdt.

Von Arheilgen bis Eberstadt boten zahlreiche Straßen und Plätze ein Bild der Verwüstung. Starkregen mit Niederschlagsmengen bis zu 25 Liter pro Quadratmeter ließ vielerorten Keller voll laufen. Auch Wixhausen hat es stark erwischt. Peter Süßmann, Hobby-Meteorologe aus dem Ort berichtete: "Ab 16.46 Uhr zog eine Kaltfront durch Wixhausen, wie ich es in den vergangenen 38 Jahren nicht erlebt habe." Er habe Windgeschwindigkeiten von 137 Stundenkilometern gemessen. Das entspreche mehr als Windstärke zwölf.

Anzeige

Hart getroffen hat es etwa 35 Eberstädter, auf deren Wohnhaus ein Baum zu stürzen drohte. Weil die Feuerwehr den Baum nicht entfernen konnte, wurde das gesamte Gebäude evakuiert. Die Menschen harrten zunächst stundenlang in der Hirtengrundhalle aus, bis klar war: Sie müssen dort übernachten, zu groß ist die Gefahr in den eigenen vier Wänden.

Auch in Bessungen an der Heidelberger Straße verzeichnete die Feuerwehr einen besonderen Einsatz. Dort hatten die orkanartigen Böen ein Dach komplett abgehoben und über das Tanzlokal Huckebein hinweg in einen Hinterhof gefegt, wo es nach Angaben der Polizei mindestens zehn Autos unter sich begrub.

Einige der riesigen, alten Platanen in der Orangerieallee sind umgestürzt und haben Autos unter sich begraben, auch im Herrngarten hat der Sturm Bäume gefällt, ebenso auf dem Gelände des Stadions am Böllenfalltor. Roger Menzer, Wirt der Lilienschänke, berichtete von erheblichen Schäden auf dem Gelände. "Zäune sind beschädigt, Dächer abgedeckt."

Anwohner im nahe gelegenen Steinbergviertel haben sich nach Abklingen der Sturmböen gegenseitig bei den Aufräumarbeiten geholfen, nachdem der Sturm auch dort zahlreiche, zum Teil 70 Jahre alte Bäume, entwurzelt hat.

"Fabienne" war als Unwetter angekündigt worden und hatte in Darmstadt seine Schatten vorausgeworfen: Die Stadt hatte das ursprünglich für Sonntag geplante Fest zum Weltkindertag am Vortag vorsorglich abgesagt. Ursprünglich hätten mehr als 60 Initiativen, Verbände und Vereine auf dem Luisenplatz und in der Wilhelminenstraße ein Programm für Kinder bieten sollen.

Anzeige

Weiterer Bericht folgt.

DARMSTADT-DIEBURG (mv/pit):

Das Sturmtief "Fabienne" hat am Sonntagnachmittag für Schäden in bislang nicht zu bezifferndem Ausmaß gesorgt. Alleine in Eppertshausen wurden die Einsatzkräfte zu 30 Stellen gerufen. "Von der weggeflogenen Gartenhütte über einzelne vom Dach gewehte Ziegel bis hin zum komplett abgedeckten Dach in der Nieder-Röder Straße ist alles dabei", sagte Bürgermeister Carsten Helfmann, der selbst als Mitglied der Einsatzabteilung gefordert war.

In Schaafheim wurde ein Mann schwer verletzt. Er war mit seinem Auto unterwegs, als ein Baum umstürzte und das Fahrzeug traf. Die Einsatzkräfte konnten den Mann aus dem Wagen befreien. Nach Auskunft des Polizeiführers vom Dienst schwebt er in großer Lebensgefahr. Dies war bei Redaktionsschluss der gravierendste Vorfall in Darmstadt-Dieburg, der durch "Fabienne" ausgelöst wurde. Ansonsten blieb es bei Sachbeschädigungen, die allerdings nicht alltägliche Dimensionen hatten.

So wurde durch einen heftigen Windstoß das Dach eines Supermarktes in Weiterstadt abgedeckt. "Es sah aus, als ob das Gebäude eingestürzt wäre", schilderte ein Zeuge am Telefon seine Eindrücke. Nahezu alle Einsatzkräfte im Landkreis waren gefordert. Bei der Vielzahl der Meldungen war es zunächst schwierig, sich ein genaues Gesamtbild zu machen. "Die Schadenshöhe ist nicht abschätzbar. Die Feuerwehren laufen am Limit", erläuterte der Polizeiführer vom Dienst in Darmstadt. Um 18.15 Uhr waren bei ihm bereits 40 Schadensmeldungen aus zehn Landkreiskommunen aufgelaufen.

Ein Schadensschwerpunkt des Sturmes lag in Eppertshausen und Münster. "Die hat es volle Kanne getroffen", berichtete ein Feuerwehrmann aus Dieburg. "Alleine in der Münsterer Schillerstraße wurden sieben bis acht Häuser abgedeckt. Ein umgefallener Baum blockiert die Straße", sagte Meike Mittmeyer-Riehl, die Pressesprecherin der Gemeinde, auf Nachfrage. Sie wohnt selbst in der Schillerstraße und kam vergleichsweise glimpflich davon. "Bei uns lief nur der Keller voller Wasser." Nach Auskunft des Polizeiführers vom Dienst wurde in Münster auch das Dach der John-F.-Kennedy-Schule abgedeckt.

In Messel fiel zeitweise der Strom aus. Auf der B 38 bei Reinheim wurden die Ampelanlagen durch den Wind derart verdreht, dass die Lichtsignale nicht mehr zu sehen waren. Die Autobahn 5 bei Seeheim-Jugenheim war durch Bäume auf der Fahrbahn blockiert. Stämme lagen kreisweit auf Grundstücken, Parkplätzen und Fahrbahnen. Kurz nachdem Fabienne gegen 18 Uhr durchgezogen war, hatte der Polizeiführer vom Dienst Kenntnis von folgenden Schäden: Babenhausen 10 Schadensmeldungen, Dieburg 3, Münster 5, Reinheim 4, Ober-Ramstadt 3, Seeheim-Jugenheim 3, Weiterstadt 5, Griesheim 5, Groß-Umstadt 1, Groß-Zimmern 1.

Im Laufe des Abends kamen weitere Meldungen dazu. Abschließende Angaben konnten keine gemacht werden. Diese soll es am Montag geben. Nahezu alle verfügbaren Kräfte waren am Sonntag im Einsatz.

KREIS GROß-GERAU (ha, heib, mzh):

Das Unwetter, das am späten Sonntagnachmittag über Südhessen hinweggezogen ist, hat den Kreis Groß-Gerau schwer getroffen. Mehrere Straßen waren nicht mehr passierbar, auf der Bahnstrecke von Bischofsheim nach Darmstadt kamen Güterzüge zum Stehen.

Besonders schlimm war die Lage in Nauheim. Dort wurden Dächer abgedeckt, Bäume entwurzelt und zahlreiche Fahrzeuge beschädigt. Der Schaden dürfte in die Millionen gehen.

"Das ist wie im Krieg", sagt eine betagte Dame. Sie ist den Tränen nahe, schaut auf das Dach ihres Hauses. Mehrere Dutzend Dachziegel sind auf dem Bürgersteig zerschellt, das Dach weist große Löcher auf.

Immer wieder sind die Martinshörner der Einsatzfahrzeuge zu hören, doch die Nauheimer Feuerwehr, die inzwischen Unterstützung von den Nachbarwehren bekommt, kann nicht überall gleichzeitig sein. In vielen betroffenen Straßen packen Anwohner mit an, ziehen Bäume und Äste von den Straßen, damit die Einsatzkräfte durchkommen.

"Die werden sich freuen, wenn sie aus dem Urlaub zurückkommen", sagt ein Mann und weist auf ein Grundstück, auf dem ein großer Baum umgefallen ist und ein Gartenhaus unter sich begraben hat. Auch dort sind Dachziegel heruntergefallen. Ein Bild der Verwüstung. Zahlreiche geparkte Fahrzeuge wurden von Dachziegeln, Ästen und Bäumen beschädigt. Bei einigen blieb es bei kleineren Kratzern, bei anderen sind die Scheiben zerborsten, wieder andere Autos sind derart verbeult, dass wohl von Totalschäden zu sprechen ist.

Besonders hart hat es eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus getroffen, von dem größte Teile des Daches herabgeweht wurden. Offensichtlich schrammte eines dieser Teile an der Hauswand entlang und riss den Putz mit herunter. Auch eine Fensterscheibe wurde zerstört.

Von vielen Dächern hängen Dachpappen herab, auf anderen liegen noch viele lose Ziegel. Eine Gefahr für Passanten, falls der Wind noch einmal zunehmen sollte. Dann könnten große Dachteile oder Ziegel auf die Straße knallen, die Passanten wären gefährdet.

Doch es sind viele Menschen auf der Straße, schauen sich fassungslos die Schäden an. Manche scheinen unter Schock zu stehen. Ein kleines Mädchen weint. Im Garten seines Elternhauses wurde offenbar ein kleines Hasengehege zerstört. Die Tiere seien verschwunden. "Gut, dass nicht mehr passiert ist", spricht ein Mann mehreren Umstehenden Mut zu.

Auch am Einkaufszentrum Wolfsberg sieht es übel aus. Fahrräder und Stühle wurden durch die Luft gewirbelt, auch hier sind Dachpappen heruntergefallen, eine große Antennenanlage auf dem Dach hat gefährliche Schieflage. Einige Fensterscheiben sind gesplittert, ein großer Blumentopf rollt durch den Fußgängerbereich. "Hier haben wir noch die ganze Nacht zu tun", prophezeit ein Feuerwehrmann.

Die Zufahrt von Rüsselsheim nach Nauheim ist am Sonntagnachmittag wegen umgestürzter Baume blockiert. Erst gegen Abend kann die Feuerwehr sie wieder freigeben.

In Rüsselsheim trifft es neben Königstädten vor allem Bauschheim - wo ausgerechnet an diesem Wochenende Kerb gefeiert wird. Anwohner berichten von Dachziegeln auf der Straße, auf der Kerb seien viele Menschen nach dem plötzlichen Wetterumschwung erschrocken davon geeilt und suchten Schutz, berichten Besucher. Das Kinderkarussell stoppt wegen der von einer Minute zur nächsten aufkommenden Sturmböen, Eltern holen ihre Kinder zu sich und suchten Unterschlupf. 52 Einsätze verzeichnen die vier Rüsselsheimer Feuerwehren bis zum Abend.

Von der Groß-Gerauer Feuerwehr sind am Sonntag gegen 18.30 Uhr alle vier Stadtteilwehren im Einsatz, vor allem wegen umgestürzter Bäume. Eine größere Einsatzstelle gibt es auf der A 67. Dort sind ebenfalls Bäume auf die Fahrbahn gefallen, was zu Verkehrsbeeinträchtigungen führt. Nach Angaben von Feuerwehrsprecher Johannes Roos waren rund 70 Feuerwehrleute ausgerückt.

In Dornheim weht es ebenfalls Ziegel vom Dach, zudem werden Autos beschädigt. Auf dem Gelände der Kindertagesstätte "Pusteblume" sind Bäume umgestürzt, die Feuerwehr kontrolliert am frühen Abend Gullys, weil das Wasser nicht mehr richtig abläuft.

Ausrücken muss auch die Büttelborner Feuerwehr, weil mehrere Bäume auf die Landstraße zwischen Büttelborn und Griesheim gefallen sind. In Walldorf wird unter anderem Dach der Stadthalle teilweise abgedeckt.

Gegen 20 Uhr zieht Kreisbrandinspektor Friedrich Schmitt erste Bilanz. Mehr als 200 Einsätze verzeichneten die Feuerwehren im Kreis, dazu kam das Technische Hilfswerk (THW). Feuerwehren aus dem Landkreisen Offenbach und Bergstraße leisten im Kreis Groß-Gerau Unterstützung mit Drehleitern, damit lose Ziegel von den Dächern geholt werden können.

ODENWALDKREIS (ric):

Windböen und starke Regenfälle haben im gesamten Odenwaldkreis am Sonntagabend 80 Bäume entwurzelt oder abgeknickt. Außerdem stehen viele Straßen teilweise knietief unter Wasser, weil die Abflüsse verstopft sind - auch die Bundesstraße 45 bei Michelstadt. Wie die Polizeidienststellen in Höchst und Erbach mitteilen, ist das Gebiet um Höchst, Rimhorn und Seckmauern besonders betroffen: Die Landesstraße 3259 zwischen der Mühlhäuser Brücke und Lützelbach muss bis in die Abendstunden gesperrt bleiben, weil dort ein großer Baum auf der Fahrbahn liegt und drei weitere umzustürzen drohen. Auch in allen weiteren Bereichen des Kreisgebiets, von Sensbachtal bis Reichelsheim, haben Bäume die Straßen blockiert und viele herabgefallene Äste für Behinderungen gesorgt. Zahlreiche Feuerwehren sind im Einsatz, um die Schäden zu beheben.